«Ich bin keiner, der Kopf und Kragen riskiert»

Matthias Glarner spricht im Interview über die Gedanken bei seinem Sturz («Als Erstes habe ich mich geärgert») und blickt in die Zukunft. Er sagt: «Für mich hat eine neue Zeitrechnung begonnen.»

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Was ist Ihnen im Moment durch den Kopf gegangen, als Sie in die Tiefe gestürzt sind?
Matthias Glarner:Es ist schwierig, bewusst zu sagen, wie die Gedanken waren. Alles lief unbewusst ab. Bei 12 Metern Fallen hast du relativ viel Zeit, Einfluss zu nehmen. Es waren Reflexe. Mein erster Gedanke war: Nun musst du alles unternehmen, damit der Sturz glimpflich zu Ende geht. Ich wollte das Seil aushängen, prallte auf die Gondel, versuchte sofort, mich in der Luft zu drehen, um nicht auf dem Rücken zu landen.

Und was ging Ihnen durch den Kopf, nachdem Sie realisiert ­hatten, einen 12-Meter-Sturz überlebt zu haben?
Als Erstes habe ich mich geärgert! Geärgert über mich, dass mir dieser Fehler unterlaufen war. Danach war ich froh, dass am Körper alles einigermassen in die rich­tige Richtung schaute. Dann kamen Dankbarkeit, Erleichterung.

Und Schmerzen?
Die Rega war blitzschnell vor Ort, vom Gefühl her nach 10, 15 Minuten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kaum starke Schmerzen.

Ist der Sturz in den Gedanken nun permanent präsent?
Nein. Bei meiner zweiten Nacht im Inselspital werweisste ich: Was wäre passiert, hätte ich die Elektronik berührt? Wäre ich auf dem Betonsockel aufgeschlagen? Und, und, und. Danach entschied ich, diese Gedanken beiseitezulassen. Die Erinnerungen wichen einer positiven Einstellung.

Und wann haben Sie erstmals ans Schwingen gedacht?
Sehr früh. Vor der Operation habe ich gehofft, dass es allenfalls fürs Unspunnenfest reichen würde. Die Ärzte haben nur den Kopf geschüttelt. Letztlich waren viele Gedanken mit dem Schwingen verbunden: Ich habe mir bei jeder Diagnose überlegt, welche Auswirkungen sie aufs Schwingen haben könnte.

Hat der Unfall Ihren Blick auf den Sport und aufs Leben geändert?
Letztlich passt du im Leben vieles der Situation an. Wenn ich wieder gesund und fit bin, werde ich mich auch wieder ärgern, wenn ich den Kranz verpasse. Aber bei der Verarbeitung einer Enttäuschung wird mir die Erfahrung des Unfalls hilfreich sein. «Ach, es gibt Schlimmeres» – diese tröstenden Worte hörst du oft von aussen und denkst: «Das bringt mir im Moment auch nichts.» Nun erhalten sie für mich eine andere Bedeutung.

«Niemand anderes war gefährdet oder kam zu Schaden. Diese Erkenntnis hilft bei der Verarbeitung enorm.»

Die Schuldfrage ist geklärt, Sie tragen die Verantwortung. Erleichtert oder erschwert diese Erkenntnis die Verarbeitung?
Das ist ganz klar eine Erleichterung. Ich weiss, der Fehler liegt von A bis Z bei mir. Niemand zwang mich dazu, auf die Gondel zu steigen. Und was noch wichtiger ist: Niemand anderes war ­gefährdet oder kam zu Schaden. Diese Erkenntnis hilft bei der Verarbeitung enorm.

War kein Leichtsinn dabei?
Als Schwinger bist du Einzelsportler, dein eigener Chef. Sie kennen mich: Es entspräche nicht meinem Naturell, für ein Foto ein Risiko einzugehen. Ich bin ein Kopfmensch, überlege und wäge tausend Mal ab, bevor ich etwas mache. Ich bin keiner, der Kopf und Kragen riskiert – auch im ­Sägemehl nicht. Ich wollte Werbung machen für meine Heimat, für die Region, es war eine alltäg­liche Aufgabe auf der Gondel.

Werden Sie wieder auf eine Gondel steigen?
Stand heute bin ich überzeugt, dass ich wieder Revisionsarbeiten auf der Gondel machen werde.

Die «Schweizer Illustrierte» hat drei Tage nach dem Sturz über den Unfall berichtet, inklusive eines Bilds des Shootings. War das für Sie kein Problem?
Ich habe den Bericht weder ge­sehen noch gelesen – und ich werde es auch nicht tun. Es lief ­alles hintenherum. Was mich ex­trem gestört hätte: Wenn ein Foto von mir im Fallen oder am Boden publiziert worden wäre. Das war nicht der Fall.

Wie verbringen Sie jetzt die Zeit der Regeneration?
Stillhalten kann ich mich am besten zu Hause. Dort werde ich mit der Physiotherapie beginnen. Vielleicht wird es später Sinn ergeben, einen Teil der Rehabilitation in Magglingen zu absolvieren. Aber ich habe noch nichts ­abgeklärt, die Erholung steht im Vordergrund.

Wie fielen die Reaktionen Ihrer Schwingerkollegen aus?
Es war grossartig. Schwinger­familie, das ist nicht nur ein Begriff – in solchen Momenten wird die Schwingerfamilie gelebt. Es hilft extrem, eine solche Unterstützung zu spüren.

«Am Mittwoch lief ich erstmals 20 Meter an Krücken. Danach fühlte ich mich, als hätte ich gerade ein halbes ‹Eidgenössisches› absolviert.»

Sie verpassen die wichtigsten Feste des Jahres. Was überwiegt: die Enttäuschung darüber? Oder die Dankbarkeit, Glück im Unglück gehabt zu haben?
Im ersten Moment war es brutal, die Pause und das Saisonende zu akzeptieren. Dann sagte ich mir: Sei dankbar, wirst du überhaupt wieder schwingen können. Für mich hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Das «Eidgenössische» 2019 in Zug bleibt mein Fernziel. Der Weg ist lang. Am Mittwoch lief ich erstmals 20 Meter an Krücken. Danach fühlte ich mich, als hätte ich gerade ein halbes «Eidgenössisches» absolviert (lacht). Aber klar: Unmittelbar vor dem Unspunnenfest könnte es den einen oder anderen harten Moment geben.

Das nächste Unspunnenfest ­findet 2023 statt . . .
Das geht mich definitiv nichts mehr an (lacht).

Zum Abschluss die Frage: ­Welche Erkenntnis ziehen Sie aus dieser Geschichte?
Erstens: Dass ich extrem dankbar sein darf. Zweitens: Dass wir in der Schweiz ein Riesenprivileg haben, was Rettung und Erst­versorgung betrifft. Und drittens: Dass du dich im Leben immer auf den Moment konzentrieren musst – bei allem, was du machst.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 06.07.2017, 18:17 Uhr

Glarners Unfall

Was ist passiert? An der Medienkonferenz im Inselspital hat Matthias Glarner den Unfallhergang geschildert.

Matthias Glarner betritt das Auditorium des Inselspitals an Krücken. Er setzt sich auf seinen Stuhl, verzieht kurz das Gesicht vor Schmerz. Dann sagt er: «Ich bin dankbar, darf ich hier sein.» Es sind nicht eben die typischen Worte eines Patienten. Sie beweisen, dass Glarner das viel zitierte Glück im Unglück hatte – und dass sein Sturz von einer Gondel während des Fotoshootings der «Schweizer Illustrierten» in Hasliberg am 27. Juni viel schlimmer hätte enden können.

Die Diagnose ist bekannt: Beckenringsprengung und Bruch des Sprunggelenks im linken Fuss. Die Rehabilitationsphase dürfte vier Monate lang dauern, sagt der behandelnde Arzt Klaus Siebenrock. Auf die Frage, ob Glarner seinen Sport wieder beschwerdefrei werde ausüben können, antwortet Siebenrock: «Wir sind keine Autowerkstatt. In der Medizin kann man nichts zu 100 Prozent garantieren.»

«Eindeutig mein Fehler»

Zum Unfallhergang sagt Glarner: «Es war eindeutig mein Fehler.» Bei der Rückfahrt der Gondel zur Station befestigte er aus Versehen das Sicherungsseil auf der falschen Seite der Klemme. Dies wurde dem 31 Jahre alten Meiringer zum Verhängnis, als die Gondel über die Rollen eines Mastes fuhr.

Das Sicherungsseil verhedderte sich, Glarner wurde nach oben gezogen. Das Seil riss, er fiel zuerst auf das Kabinendach und danach zwölf Meter in die Tiefe auf abschüssiges Gelände. «Nicht viele Menschen würden einen Sturz auf diese Weise überstehen», sagt Siebenrock. «Der grosse Dank geht an die Meiringer Schutzengel.» (rek)

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