«Ich bin keine Eintagsfliege»

Rodeln

Im Sommer spielte Martina Kocher mit dem Gedanken, ihre Karriere zu beenden, am vergangenen Freitag holte sie in Innsbruck überraschend WM-Silber im Sprint.

Unfassbar: Martina Kocher freut sich über Platz 2 im WM-Sprint.

Unfassbar: Martina Kocher freut sich über Platz 2 im WM-Sprint.

(Bild: Keystone)

Sie sind im Weltcup noch nie auf dem Podest gestanden, haben aber drei WM-Medaillen gewonnen. Wie ist das zu erklären?Martina Kocher:Vielleicht bin ich eine Frau für spezielle Situationen. Ich fühle mich wohl, wenn besonders viel los ist. Je mehr Trubel an einem Rennen, desto besser. Mich lähmen extreme Drucksituationen in der Regel nicht – im Gegenteil.

Mussten Sie sich kneifen, als Sie im Ziel ankamen?Nein, denn ich hatte auf dem Schlitten gespürt, dass ich schnell unterwegs war. Es war ein optimaler Lauf. Daher schrie ich im Ziel die Freude laut hinaus, bevor ich auf die Anzeigetafel blickte. Es ging aber lange, bis ich den Erfolg richtig fassen konnte.

«Je mehr Trubel  an einem Rennen, desto besser.»

Bedeutet Ihnen der Vizeweltmeistertitel noch mehr als Gold und Silber im Vorjahr?In der letzten Saison war ich die Sensationssiegerin; ich hatte zwar an mich geglaubt, alle anderen aber hatte ich völlig verblüfft. Nun habe ich es allen gezeigt – ich bin definitiv keine Eintagsfliege. Diese Bestätigung bedeutet mir viel. Und ich realisiere, dass die Konkurrenz nun noch mehr Respekt vor mir hat, ich mit anderen Augen angeschaut werde.

Sie lagen im Sprint neun Tausendstelsekunden hinter der Siegerin. Würde wie in Skirennen «nur» auf Hundertstelsekunden genau gemessen, wären Sie erneut Weltmeisterin geworden. Hadern Sie mit der Differenz?Wo denken Sie hin? Das ist für mich kein Thema. Vielmehr verdeutlicht der Abstand, dass ich voll bei den Leuten bin. Und mal ehrlich: Wäre ich sieben Tausendstel langsamer gefahren, hätte ich keine Medaille gewonnen.

Drei Tage vor WM-Beginn hatten Sie gesagt, die Bahn in Innsbruck sei überhaupt nicht auf Sie zugeschnitten.Und das war kein Understatement. Die Bahn ist kurz, der Start steil, die Tempi sind nicht sonderlich hoch – das sind Dinge, die mir nicht passen. Aber ich reiste nicht nach Österreich, um ein paar schöne Tage zu verbringen. Ich spürte in den Trainings, dass etwas möglich ist. Mein Team reizte alles aus, auch beim Material. Zudem habe ich eine spezielle Beziehung zu diesem Eiskanal, hier fuhr ich schon als Kind. Aus Erinnerungen schöpfe ich Kraft.

Im Sommer hatten Sie mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. Im Herbst litten Sie am Pfeiffer-Drüsenfieber. Macht das den ­Erfolg besonders speziell?Ganz bestimmt. Ich war nahe am Rücktrittsentscheid gewesen, nahm dann eine Auszeit, trainierte nicht mehr stur nach Plan und setzte neue Reize. Das hat mir extrem gutgetan. Wegen des Drüsenfiebers verlor ich zehn Kilogramm, noch immer fehlen mir deren vier zu meinem Ausgangsgewicht. Das ist insofern schlecht, als ich sowieso schon zu leicht bin für diesen Sport.

Rodellegende Georg Hackl, der sich als Betreuer des deutschen Teams auch um Sie kümmert, kritisiert die Zustände im Schweizer Verband. Noch immer fehlt etwa ein Nationaltrainer . . .Klar ist das sehr enttäuschend. Aber ich mag nicht mehr näher darauf eingehen. Vom Verband war niemand vor Ort. Aber zwei Personen haben mir gratuliert.

Mit Ihrem Privatteam, zu welchem unter anderen Vater Heinz gehört, sind Sie in die deutsche Equipe integriert, profitieren von deren Know-how. Nun liessen Sie alle Deutschen hinter sich. Ist die Konstellation heikel?Die Situation ist sicher nicht einfacher geworden. Wir müssen schauen, wie sich alles entwickelt. Ich bin nun eine echte Konkurrentin, nicht mehr nur eine, die einfach mitfährt.

In drei Wochen findet das Rennen in Pyeongchang statt. Werden Sie die Olympiahauptprobe in Südkorea bestreiten?Das ist ein Muss. Die Eigenheiten einer Bahn kennenzulernen, ist eminent wichtig.

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