Hinter dem Ural erfüllt sich Gallardos Jugendtraum

Volley Köniz ist von Europas Bühne abgetreten. Der russische Traditionsklub aus Jekaterinburg war eine Nummer zu gross. Eine Geste der Trainerlegende Nikolai Karpol hat Guillermo Gallardo berührt.

Übermächtig: Als würde sie von einem Trampolin springen – die Russin Irina Sarjaschko schmettert den Ball am Könizer Block (Patricia Schauss , Tonja Bisserowa-Poljakowa, v.l.) vorbei.

Übermächtig: Als würde sie von einem Trampolin springen – die Russin Irina Sarjaschko schmettert den Ball am Könizer Block (Patricia Schauss , Tonja Bisserowa-Poljakowa, v.l.) vorbei.

(Bild: Artem Derbenew)

Plötzlich kommt Hektik auf. Olesja Jagoda zupft Guillermo Gallardo aufgeregt am Ärmel. «Dawai, dawai! Sie werden an der Pressekonferenz erwartet», sagt die Übersetzerin und Teamverantwortliche für Volley Köniz und drängt zur Eile. In der VIP-Lounge schmunzelt der 75 Jahre alte Nikolai Karpol in diesem Moment leise vor sich hin. Die eifrige Jagoda ist ihm auf den Leim gekrochen. Natürlich findet keine Pressekonferenz statt. Die durchaus humorvolle Trainerlegende von Uralotschka Jekaterinburg will mit dem Könizer Teamchef einfach allein sein.

Gallardos Augen leuchten, als er davon erzählt, was genau in der VIP-Lounge passierte. «Ich kam also in diesen Raum. Nikolai Karpol wartete schon auf mich. Auf dem Tisch stand eine Flasche Wodka und zwei kleine Gläser. Er wollte mit mir anstossen – Karpol hat mir einen Jugendtraum erfüllt.» Der 43 Jahre alte Könizer Übungsleiter schwärmt: «Karpol ist eine Ikone. Ich war begeistert gewesen, als er 1988 in Seoul die Sowjetunion zum Olympiasieg geführt hatte.» Die feinfühlige Geste ist zustande gekommen, weil sich Gallardo und Karpol beim Abschlusstraining über den Weg liefen und Gallardo die Gelegenheit ergriff, seinem Idol zu erzählen, dass er als Jugendlicher davon geträumt habe, einmal mit Karpol ein Gläschen Wodka zu trinken.

«Köniz hat kompliziert gespielt und war uns physisch unterlegen», sagt Nikolai Karpol nach dem 3:0 (25:12, 25:16, 25:18) und der sicheren Qualifikation für den Viertelfinal des CEV-Cups. 2500 Zuschauer sahen bei Gratiseintritt einen anfänglich schläfrigen und kraftlosen Auftritt der Könizerinnen. Der zweimalige Olympiasiegercoach weist darauf hin, dass die 5 Stunden Zeitunterschied womöglich einen Jetlag verursachten. «Volley Köniz wirkte im Vergleich zum Hinspiel müde.» Auf die Frage, wen er denn gerne vom Könizer Team in seinen Reihen hätte, antwortet Karpol entschlossen: «Die Nummern 14 und 17 sind gut.» Der Russe meint Anika Schulz und Sabel Moffett.

Captain Schulz weiss nicht so recht, ob Karpol die lobenden Worte ernst gemeint hat. Aber sie freut sich jedenfalls. Auch Schulz erlebt hinter dem Ural einen speziellen Moment. Nach dem Spiel glaubt sie erst, nicht richtig zu hören, als Yumilka Ruiz – die kubanische Starspielerin soll dem Vernehmen nach rund eine Viertelmillion Franken pro Saison verdienen – zu ihr spricht. «Ruiz war erstaunt, dass ich eine Linkshänderin bin. Das zeigt doch, wie wenig sich Jekaterinburg mit uns befasste», sagt die Könizer Führungsspielerin, die 13 Punkte erzielte. Schulz will die Niederlage nicht mit der Müdigkeit erklären. «Als Profi muss ich mit dieser Situation umgehen können. Aber klar: Uralotschka hat sehr druckvoll gespielt und konnte stets einen Gang höher schalten.»

Gallardo spricht nach der Lektion vom «Monsterblock», mit dem Uralotschka die Könizer Angriffe über weite Strecken neutralisierte. Vor allem die 1,96 Meter grosse Europameisterin Irina Sarjaschko baute sich mächtig vor den Bernerinnen auf. Gallardo ist nach dem 0:3 nicht desillusioniert. «Die Partie gegen Uralotschka leitet eine wichtige Woche ein. Auch wenn ich mich über einen Satzgewinn gefreut hätte – im Hinblick auf die Partien gegen Neuenburg und Schaffhausen am Wochenende konnten wir Energie sparen.»

Berner Zeitung

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