Grabs schwerster Gang

Martin Grab hat den Schwingsport über Jahrzehnte geprägt. Er steht wie kaum ein Zweiter für die Werte der Sportart ein – oder eher: stand. Zwei Monate nach seinem Rücktritt sieht sich Grab nämlich mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert.

Martin Grab verabschiedete sich am 6. Mai beim 95. Schwyzer Schwing- und Aelplerfest in Sattel. Da soll er bereits gedopt gewesen.

Martin Grab verabschiedete sich am 6. Mai beim 95. Schwyzer Schwing- und Aelplerfest in Sattel. Da soll er bereits gedopt gewesen.

(Bild: Keystone)

Philipp Rindlisbacher
Reto Kirchhofer@rek_81

Er war ein Emporkömmling mit glänzenden Perspektiven, der sich mit 17 Jahren just auf der Vue des Alpes seinen ersten Kranz holte. Das war 1996 beim «Neuenburger Kantonalen». 124 Kränze sollten folgen, dazu zwei Triumphe an Anlässen mit eid­genössischem Charakter (Expo-Schwinget 2002, Unspunnenfest 2006). Bis heute ist Martin Grab, siebenfacher «Eidgenosse», der einzige Athlet, der an sämtlichen Bergfesten obenaus geschwungen hat.

Wegen chronischer Hüftbeschwerden trat der Innerschweizer am 6. Mai dieses Jahres zurück – zwei Wochen zuvor hatte er am «Zuger Kantonalen» völlig unerwartet seinen 33. Kranzfestsieg gefeiert.

Der 39 Jahre alte Grab sprach von einem märchenhaften Abschied. Nun wird das Happy End zum Drama: Der Rothenthurmer sieht sich mit einer positiven ­Dopingkontrolle konfrontiert. Ausgerechnet Grab, der wie kaum ein anderer für die Werte des Schwingsports einsteht. Entsprechend wirbelt der Fall gehörig Sägemehl auf. Wir liefern sieben Fragen und Antworten dazu.

Wer kontrolliert die Schwinger?
Bis Herbst 2016 führte der Eidgenössische Schwingerverband mit seiner eigenen Dopinginstanz die Kontrollen durch. Es kamen jedoch je länger, je mehr Vorwürfe, die eigenen Athleten würden geschützt. Mittlerweile ist der Verband Mitglied von Swiss Olympic, hat sich Antidoping Schweiz angeschlossen, was positiv aufs Image wirkt. Im Verband existiert weiterhin eine Antidoping-Kommission, die allerdings nur noch präventiv agiert respektive Aufklärungsarbeit verrichtet.

Wie häufig werden die Schwinger kontrolliert?
Waren Kontrollen vor zwei Jahrzehnten eine Rarität, wurde in der Folge häufiger getestet. Fundamental verändert hat sich die Situation seit dem Übertritt zu Antidoping Schweiz. Während und abseits der Wettkämpfe haben sich die Kontrollen vervielfacht. Matthias Sempach, Schwingerkönig von 2013, sagt, ein Seriensieger werde sicher ein halbes Dutzend Mal pro Saison getestet. Er selbst, zuletzt länger verletzt, hat heuer zweimal von unangemeldeten Kontrolleuren Besuch erhalten.

Die Schwinger müssen nicht Tag für Tag angeben, wo sie sich aufhalten, jedoch Trainingsorte und längere Auslandsaufenthalte melden. An den Festen werden nicht nur von Topathleten Proben genommen, sondern auch von Schwingern, die nach vier von sechs Gängen ausscheiden.

Wann wurde Grab kontrolliert?
Am 17. April 2018, fünf Tage vor Grabs letztem Kranzfestsieg am «Zuger Kantonalen». Am 26. Juni 2018 informierte Antidoping Schweiz den Athleten über das Ergebnis der A-Probe. Um welche verbotene Substanz handelt es sich? Bei der Probe wurden Spuren von Tamoxifen gefunden. Es handelt sich um einen Wirkstoff aus der Gruppe der Antiöstrogene, der zur Vorbeugung und Behandlung von Brustkrebs eingesetzt wird. Seit 2005 steht die Substanz auf der Liste der Welt-Anti-Doping-Agentur, «weil Tamoxifen die Wirkung von Anabolika oder Testosteron im Körper verlängert», wie Dopingexperte Matthias Kamber erklärt.

Was sagt Grab?
«Ich bin bestürzt. Schwingen ist mein Leben. Ich habe mich immer für einen fairen und sauberen Sport eingesetzt. Während meiner Karriere wurde ich sehr viel auf Doping getestet – und das stets negativ. Deshalb kann ich mir diese positive A-Probe nicht erklären. Ich bin überzeugt, dass ich auch heute sauber bin. Ich versichere, niemals wissentlich und willentlich verbotene Substanzen eingenommen zu haben, weder direkt noch indirekt.»

Grab ist zurückgetreten. Mit welchen Folgen muss er rechnen?
Bis zur Öffnung der B-Probe, die Grab beantragt hat, gilt die ­Unschuldsvermutung. Wobei die B-Probe laut Kamber zu 99,9 Prozent das Resultat der A-Probe bestätigen wird. Ist dies der Fall und kann Grab den positiven Befund nicht schlüssig erklären, würde er wohl für vier Jahre gesperrt. Wegen des bereits erfolgten Rücktritts wäre dies eine Sanktion ohne Wirkung. Eine Busse dürfte es nicht geben. Sicher ­würden ihm der Sieg am «Zuger Kantonalen» sowie der Kranz am Schwyzer Kantonalfest aberkannt. Vom Imageschaden ganz zu schweigen.

Handelt es sich um den ersten Dopingfall im Schwingsport?
Nein, um den sechsten. 2001 wurde Beat Abderhalden, Bruder des dreifachen Schwingerkönigs Jörg Abderhalden, mit einem zu hohen Testosteronwert erwischt (18 Monate Sperre). Der Berner Thomas Wittwer blieb 2005 mit Anabolika in einer Kontrolle hängen (zwei Jahre Sperre). Stefan Marti wurde 2012 das Medikament Modafinil nachgewiesen, welches er wegen seiner Schlafkrankheit einnehmen muss. Weil er sich kein ärztliches Attest hatte ausstellen lassen, musste er sechs Monate lang aussetzen.

Der St. Galler Peter Bänziger – wie der Mittelländer Marti kein Spitzenschwinger – wurde 2013 zwei Jahre gesperrt, nachdem das Zollinspektorat eine an ihn adressierte Sendung mit verbotenen Substanzen abgefangen hatte. Kurz darauf wurde Bruno Gisler positiv auf Nikethamid (stimuliert Atem und Kreislauf) getestet. Der Kranz am «Eidgenössischen» 2013 wurde ihm aberkannt, gesperrt wurde der Solothurner nur für sechs Monate. Gisler holte bei der Erklärung zu einem fantasievollen Schlungg aus: Er habe den Übelkeitsspray seiner schwangeren Frau verwendet. Nur: In diesem war die verbotene Substanz gar nicht enthalten.

Berner Zeitung

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