Gesunder Körper, geforderter Kopf

Noemi Zbären kämpfte mit Verletzungen und Zweifeln. Nun will sich die Hürdensprinterin zurückkämpfen.

Im letzten Herbst hat Noemi Zbären ihren Betreuerstab ausgewechselt. Heute sagt sie: «Dieser Schritt hat sich definitiv gelohnt.» Foto: Manuel Geisser

Im letzten Herbst hat Noemi Zbären ihren Betreuerstab ausgewechselt. Heute sagt sie: «Dieser Schritt hat sich definitiv gelohnt.» Foto: Manuel Geisser

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es ist schon kein Lächeln mehr, viel eher ein breites Grinsen, das Noemi Zbären da aufsetzt. Genau mit diesem Gesichtsausdruck verlasse sie nun jeweils den Platz nach einem Training, sagt sie. Die Hürdensprinterin blickt beim Medientermin in Zürich in die Runde und hält fest: «Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man nach so langer Zeit sein Programm wieder problemlos absolvieren kann.»

Wer diese Aussage verstehen will, muss sich vor Augen führen, was hinter der Langnauerin liegt. Es ist eine Phase, die sie wie folgt beschreibt: «Alles war einfach grau.» Begonnen hatte Zbärens Misere im Frühjahr 2016 mit einem Kreuzbandriss im linken Knie. Es folgten zwei Muskelfaserrisse in beiden Oberschenkeln und anhaltende Schmerzen in der Hüfte.

Weil der Körper streikte, begann Zbären – dieser ausgesprochene Kopfmensch – zu grübeln. Und so stellte sie sich im letzten Sommer die Frage: Was will ich, und wo erhalte ich, was ich will? Das führte nach elf Jahren zur Trennung von ihrem Trainerteam aus Langnau, Ueli Lehmann, Gabi und Stefan Schwarz. Weil sie gespürt hatte: Um zurückzukommen, muss sie den Neuanfang wagen.

Der andere Blickwinkel

Ein halbes Jahr später sagt Zbären: «Dieser Schritt hat sich definitiv gelohnt.» Sie trainiert nun in Zürich unter Maggie und Adrik Mantingh, die Trainingspläne schreibt Henk Kraijenhof. Doch weil der Holländer auf den Sprint spezialisiert ist, engagierte die 25-Jährige zusätzlich Sven Reesfür das Hürdentraining. Jede zweite Woche reist sie zu ihm nach Stuttgart.

Kraijenhof und Rees sind keine Unbekannten. Ersterer hatte im Winter 2017 Mujinga Kambundji betreut, ehe das Verhältnis nach nur zwei Monaten wegen diverser Unklarheiten aufgelöst wurde. Und Rees coachte während Jahren Zbärens Vorgängerin Lisa Urech – die Landesrekordhalterin über 100 m Hürden.

Zbären sagt, der Grundgedanke im Training sei nicht anders als zuvor im SK Langnau. «Das war mir wichtig. Aber nun betrachten die Leute meine Leistung aus einem anderen Blickwinkel, und sie erklären mir mit anderen Worten, was ich verbessern könnte.» Die Kombination Kraijenhof/Rees sei diesbezüglich ideal. Und dass ihr in Zürich mit Mantingh ihr Physiotherapeut zur Seite steht, ist ein weiterer Pluspunkt.

Die Herausforderung

Im Wissen darum, dass der Kopf die grösste Hürde auf dem Weg zurück in die erweiterte Weltspitze ist, hat die Emmentalerin mit Yoga begonnen, sie erhofft sich dadurch mehr Gelassenheit. Nebenbei intensivierte sie das Mentaltraining, für das ebenfalls Kraijenhof verantwortlich ist.

Der Holländer coacht in diesem Bereich auch Manager. Als Zbären erstmals bei ihm weilte, liess er sie Tests auf psychologischer Ebene absolvieren. Wobei das Ergebnis für sie wenig überraschend war, es Zbären als Perfektionistin charakterisierte. Also sagte Kraijenhof vor der ersten Einheit zu ihr: «Ich will, dass du gut trainierst, und nicht, dass du perfekt trainieren willst.»

Zbären macht Fortschritte, aber der mentale Aspekt bleibt eine Herausforderung. Als sie in der Halle den Schweizer Meistertitel über 60 m Hürden in 8,30 gewann, aber die EM-Qualifikation um sechs Hundertstel verpasste, waren sie wieder da, diese Gedanken. «Und dann habe ich mich darüber aufgeregt, dass ich mich darüber aufgeregt hatte, die Qualifikation nicht geschafft zu haben», meint sie lachend. «Denn im Prinzip sollte ich ja zufrieden sein, weil ich mein Programm ohne Probleme durchziehen konnte.»

Übernächsten Samstag wird sie nun am Hürden-Meeting in ihrer Heimat Langnau in die Freiluftsaison starten. Es ist ein Auftakt im geschützten Rahmen. Trotzdem vermeidet es Zbären tunlichst, von Zeiten zu sprechen. Lieber spricht sie von Zwischenzielen. Fürs Erste bedeutet das: konstant laufen. Es ist eine Art Selbstschutz, schliesslich weiss sie allzu gut, zu was eine überhöhte Erwartungshaltung führen kann.

Als sie nach dem Kreuzbandriss in Langnau ihr Comeback gab, lief sie die 100 m Hürden in passablen 13,17 Sekunden. In der Folge setzte sie sich wegen der WM-Qualifikation aber mehr und mehr unter Druck und musste die Saison letztlich wegen eines Muskelfaserrisses abbrechen.

Dieses Jahr steht wieder eine WM auf dem Programm. Dass diese erst Ende September beginnt, kommt der Emmentalerin entgegen. Doha wäre das Dessert für sie, sagt Zbären. «Dort möchte ich abholen, was ich mir über die ganze Saison erarbeitet habe.»

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