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Für einmal bleibt der Trainer nicht zu Hause

Der Ire Colm O’Connell, erfolgreichster Mitteldistanztrainer der Welt, unterstützt bei Weltklasse Zürich seinen derzeit bekanntesten Athleten, den 800-Meter-Weltrekordhalter David Rudisha.

Wiedersehen macht Freude: Olympiasieger David Rudisha (rechts) trifft im Athletenhotel von Weltklasse Zürich seinen Mentor Colm O’Connell, welchen er in Australien in den Ferien wähnte.
Wiedersehen macht Freude: Olympiasieger David Rudisha (rechts) trifft im Athletenhotel von Weltklasse Zürich seinen Mentor Colm O’Connell, welchen er in Australien in den Ferien wähnte.
zvg

Die Überraschung gelingt. David Rudisha betritt das Athletenhotel von Weltklasse Zürich, erblickt in der Lobby seinen Trainer Colm O’Connell, staunt und ist sichtlich gerührt. Es kommt zu einem herzlichen wie emotionalen Wiedersehen zweier optisch völlig unterschiedlicher Persönlichkeiten. Rudisha, der schlaksige Kenianer vom Stamm der Massai, misst 1,90 m und überragt den gedrungenen Iren mit dem auffallend roten Kopf um fast 30 Zentimeter. Die Veranstalter des am Donnerstag im Letzigrund stattfindenden Leichtathletikmeetings liessen den 63-Jährigen einfliegen, initiierten das Treffen. Rudisha glaubte, sein Mentor befinde sich ferienhalber in Australien. Letztmals hatten sich die beiden am 28.Juli im Trainingslager des kenianischen Verbandes gesehen – fast zwei Wochen, bevor der 23-jährige 800-Meter-Spezialist in der Weltrekordzeit von 1:40,91 Olympiagold gewann.

Die beschriebene Szene verrät, dass es sich um eine ungewöhnliche Verbindung zwischen Athlet und Trainer handelt. Brother Colm, wie der einstige Missionar von den Schützlingen genannt wird, reiste 1976 nach Iten in den Osten Kenias. Im Rift Valley, auf 2440 Metern über Meer, unterrichtete er im Internat des St.-Patrick-Ordens Geografie, wurde vom Laufsportfachmann Pete Foster in ein mit der Schule vernetztes Förderprogramm integriert und übernahm dessen Leitung, als sich der Brite zwölf Monate später auf den Heimweg machte. Über eine Trainerausbildung im klassischen Sinn verfügt O’Connell nicht. Er habe von den Athleten gelernt, pflegt er zu sagen. Offensichtlich lernte und lehrte er ausgezeichnet. Seine Gruppe wurde zusehends stärker, der Landesverband auf den Immigranten aufmerksam. 1986 erhielt er den Auftrag, für die erste Junioren-WM in der Geschichte eine kenianische Equipe zusammenzustellen. Sieben der neun Auserwählten gingen bei ihm zur Schule, die Delegation kehrte zur Überraschung der Beteiligten mit vier goldenen und fünf weiteren Medaillen zurück. «Damals begriff ich, dass bei uns etwas Spezielles vor sich geht.»

Heute ist O’Connell der weltweit erfolgreichste Mitteldistanztrainer. Rudisha ist sein fünfter Athlet, welcher bei Olympia triumphierte. Auch Wilson Kipketer, Rudishas Vorgänger als 800-m-Weltrekordler, hatte seine Runden vor dem Wechsel nach Dänemark in Iten abgespult. Ernten die Läufer in der Fremde die Früchte ihrer Arbeit, sitzt der Ire jeweils zu Hause vor dem Fernseher – auch, weil ihm die in afrikanischen Verbänden verbreitete Korruption nicht behagt. In erster Linie ist die Absenz zentraler Teil seiner Philosophie. Trainer nähmen sich oft zu wichtig, hält Brother Colm in der Gesprächsrunde mit Journalisten fest. Und ergänzt, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein seien wertvoller als Betreuer, die eine klare Linie vorgäben. «Junge Athleten sind voller Ideen, Visionen und Träume. Die darf man nicht zerstören.» Er plädiert dafür, den Athleten so zu formen, dass dieser in der Lage ist, den richtigen Entscheid selbst zu treffen.

Vor sieben Jahren begegnete O’Connell als Zuschauer bei einen Zehnkampf Rudisha und registrierte, «dass er etwas Besonderes hat». Er riet ihm, es einmal über 800 m zu versuchen, was der 15-Jährige auch tat und in seinem ersten Rennen über zwei Bahnrunden kenianischer Schülermeister wurde. Die Zeit, 1:49,60 Minuten, habe er diesem nie mitgeteilt, sagt der Ire. «Ich wollte doch nicht für Aufruhr sorgen.» Ein Jahr später gewann Rudisha an der Junioren-WM in Peking den Titel; der Rest ist bekannt.

Brother Colm freut sich darauf, den Auftritt seines Musterschülers am Donnerstag vor Ort zu erleben. Für eine Zeit unter 1:40 Minuten sei es wahrscheinlich noch zu früh, «aber ich traue David zu, dass er nochmals eine halbe Sekunde schneller läuft». Einerseits sei nach dem Gewinn der Goldmedaille Druck von seinen Schultern gefallen. Auf der anderen Seite kann Rudisha im Letzigrund auf die Dienste Sammy Tanguis zählen; es handelt sich um einen der weltweit besten Tempomacher. «In Zürich kann David er selber sein», sagt der Coach und erzählt, wie er Rudisha in der Olympiavorbereitung fast immer ohne Tangui laufen liess, «damit er seinen Rhythmus findet und realisiert, wie schnell er die einzelnen Abschnitte laufen kann». Morgen wird der Kumpel die Pace vorgeben – und Rudisha in seinem letzten Rennen in dieser Saison «nochmals etwas Grosses leisten» wollen, wie O’Connell sich ausdrückt. Im Rift Valley sollen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten schon weit fortgeschritten sein.

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