«Es ist Zeit für ein neues Leben»

Martina Kocher war Weltmeisterin und holte zweimal WM-Silber. Nun beendet die beste Schweizer Rodlerin in der Geschichte ihre Karriere.

Die zweite Karriere beginnt: Martina Kocher wird künftig als Lehrerin im sozialen Bereich arbeiten. «Ich habe mir dank dem Sport ein Korsett angelegt, das mich durch den Berufsalltag tragen wird.»

Die zweite Karriere beginnt: Martina Kocher wird künftig als Lehrerin im sozialen Bereich arbeiten. «Ich habe mir dank dem Sport ein Korsett angelegt, das mich durch den Berufsalltag tragen wird.» Bild: Beat Mathys

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was passiert jetzt mit Ihrem Schlitten?
Martina Kocher: Uff, keine Ahnung! In ein Museum stellen werde ich ihn kaum, auch nicht verschenken und schon gar nicht zersägen. Da hänge ich zu sehr ­daran. Auch wenn ich aufhöre: Vorerst bleibt der Rodel bei mir.

Sie wären nicht die erste Athletin, die im Eiskanal im hohen ­Alter ein Comeback gibt.
(lacht) Der Entscheid war kein Schnellschuss. Ich höre nicht aus dem Frust heraus auf, im Gegenteil. Schon vor zwei Jahren war ich nahe dran gewesen, den Schlussstrich zu ziehen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Ich konnte den WM-Titel von 2016 mit Silber an der folgenden Weltmeisterschaft bestätigen. Das war die noch wertvollere Leistung.

Sie sind 33 – haben sich die Prioritäten verschoben?
Klar, irgendwann will ich eine Familie gründen. Aber das war nicht massgebend. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es mit letzter Konsequenz. Und jetzt weiss ich: Es ist Zeit für ein neues Leben.

Wie verändert man sich, wenn man während über zwei Jahrzehnten rund 230 Tage pro Jahr unterwegs ist?
Das ist die vielleicht interessanteste Frage, die mir je gestellt worden ist. Man verändert sich als Person, führt ein exklusives, spannendes Leben. Es ist ein Leben am Limit. Superanstrengend mit dem permanenten Reisen und Organisieren. Und natürlich bedeuten 20 Jahre Karriere auch 20 Jahre Kampf, 20 Jahre posi­tive wie negative Emotionen, Triumphe und Tränen. In jedem Training geht es darum, an die Schmerzgrenze oder darüber hinauszugehen.

Sind Sie müde geworden?
Nicht vom Reisen, vielleicht aber vom Drumherum, vom Organisieren, von gewissen Strukturen. Nach dem WM-Titel litt ich am Pfeiffer’schen Drüsenfieber. Das war ein Zeichen, ich war total ­ausgelaugt. Ich tickte nicht mehr so, wie ich es normalerweise tue. Irgendwie habe ich es dann geschafft, mich im Winter 2016/2017 wieder zu erholen. Ich lernte, loszulassen, auch vom Perfektionismus.

Weshalb fällten Sie den Rückrittsentscheid erst im Spät­sommer?
Ich liess mir Zeit, weil ich absolut sicher sein wollte. Auch was mein Berufsleben betrifft.

Sie arbeiten nun als Lehrerin im sozialen Bereich . . .
. . . es geht darum, Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren wieder fit für die Gesellschaft zu machen. Ich bin nicht eine gewöhnliche Lehrerin, vielmehr Betreuerin, Coach, Erzieherin.

Wird Ihnen Ihre Vergangenheit als Spitzensportlerin bei der neuen Aufgabe hilfreich sein?
Ganz bestimmt. Der Profisport härtet ab und macht ungemein ­belastbar. Ich habe gelernt, wieder aufzustehen, Entscheidungen zu treffen, in Extremsituationen zu reagieren. Auch im Job werde ich mit Extremsituationen konfrontiert. Und ich glaube, ich habe mir dank dem Sport ein Korsett angelegt, das mich durch den Berufsalltag tragen wird. Ich brauche weiterhin Herausforderungen, Intensität und Emotionen.

Das Adrenalin aber wird fehlen.
Dieses Gefühl werde ich extrem vermissen. Das Feuer ist nicht erloschen, ich finde es nach wie vor etwas Wahnsinniges, mit 140 km/h runterzusausen. Aber das wird es für mich nicht mehr geben, jetzt fängt etwas Neues an. Da liegt der Unterschied zu andern Sportarten: Beim Rodeln heisst fertig wirklich fertig, nicht wie beim Skifahren oder beim Langlaufen, was man auch nach dem Rücktritt ausüben kann. Dabei würde mein Körper auch mit 33 mitmachen. Er ist unversehrt geblieben, was eigentlich absurd ist bei rund 6000 Fahrten, in denen Kräfte bis zu 5 g wirken.

Sie holten an Weltmeisterschaften drei Medaillen, blieben im Weltcup aber ohne Podestplatz. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich habe einen WM-Titel gewonnen. Also: Wen interessieren meine Weltcupergebnisse? Ich war einige Male nahe dran am Podest, schade, hat es nicht geklappt. Aber die Weltcuprennen waren für mich immer nur Mittel zum Zweck, gar nicht so relevant. Der Fokus galt den Titelkämpfen.

Inwiefern haben Sie finanziell von der Goldmedaille profitiert?
Geld war nie mein Antrieb. Ich habe treue Sponsoren, aber natürlich: Der Sport war über alle Jahre hinweg nicht ansatzweise kostendeckend. Ohne mein Umfeld wäre die Karriere nicht möglich gewesen. Eine Rodlerin muss im positiven Sinne verrückt sein, ein wenig gegen den Strom schwimmen. In der Schweiz sind die Grundstrukturen nicht vorhanden. Schon als Kind fuhr ich jeden Winter oft stundenlang nach Österreich, Deutschland und Frankreich zum Training und wieder zurück. Der Stellenwert des Rodelns ist im Verband viel zu tief.

Ihr Verhältnis zum Verband war von Konflikten geprägt. 2014 folgte die Trennung, danach ­waren Sie mit einem Privatteam unterwegs . . .
. . . hätte ich das nie getan, wäre ich nie und nimmer Weltmeisterin geworden.

Weshalb nicht?
Weil die Strukturen nicht stimmten, weil es viele organisatorische Probleme und Reibereien gab. Es war ein «Gstürm», das viel zu viel Kraft kostete.

«Ich musste immer aufs Essen achten, immer dafür  sorgen, dass ich zunehme. Das  war ein gewaltiger Stress, eine psychische Belastung.»

Künftig wird keine Schweizerin mehr auf Weltcupstufe fahren. Versuchte Swiss Sliding, Sie vom Weitermachen zu überzeugen?
Es gab viele Leute, die mich dazu bewegen wollten, weiter zu fahren. Mit den Verantwortlichen vom Verband aber habe ich gar nicht über meine Karriere gesprochen. Ich fühle mich nicht verantwortlich für den Rodelsport in der Schweiz. Ich musste auf mich schauen und egoistisch sein, sonst wäre ich nichterfolgreich gewesen. Es ist nicht meine Schuld, wenn niemand nachkommt. Fakt ist, dass es der Verband verpasst hat, etwas aus meinem WM-Titel zu machen. Man hätte in Schulen gehen können, Events aufziehen. Aber man liess diese einmalige Chance ungenutzt.

Haben Sie durch Ihren Alleingang gelernt, Chefin zu sein?
Das fiel mir leicht. Schon als Mädchen wollte ich Lehrerin werden. Ich war immer ein Alphatier, das Verantwortung übernehmen und Entscheide treffen wollte.

Sie sind die erfolgreichste Schweizer Rodlerin in der ­Geschichte – aber mit Verlaub: Sie haben die falsche Sportart gewählt.
(lacht) Sie meinen wegen meines Körperbaus?

Sie waren die mit Abstand leichteste Fahrerin im Weltcup, was im Eiskanal ein erheblicher Nachteil ist. Haderten Sie damit?
Ich haderte mit den Konsequenzen. Ich musste immer aufs Essen achten, dafür sorgen, dass ich zunehme. Das war ein gewaltiger Stress, eine psychische Belastung. Ich nahm viele Shakes zu mir, musste mich zwingen, auch am Abend energiehaltig zu essen. Manchmal war die Ernährungsgeschichte fast intensiver als ein hartes Training. Ich bin froh, ist das nun vorbei. Und ich bin erleichtert, kann ich nun essen, was und wann ich will.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.08.2018, 10:59 Uhr

Zur Person

Sie war 9 und sagte zum Papa: «Da will ich auch runter.» Also setzte Heinz Kocher, einst Bobfahrer und später Trainer der Schweizer Rodler, seine Tochter im Eiskanal von St. Moritz auf den Schlitten – und gab ihr einen Schubs. Das Mädchen weinte, nach der Zielkurve aber meinte es: «Papi, ich will gleich nochmals fahren.» Zwei Jahre später gewann sie ihr erstes Rennen.
33 ist Martina Kocher mittlerweile, während 20 Saisons gehörte sie einem Kader von Swiss Sliding an.

Die studierte Lehrerin aus Hinterkappelen personifiziert hierzulande Rodelsport, war im Weltcup (Bestergebnis Platz 4) jahrelang Alleinunterhalterin. Im Winter 2014/2015 erreichte sie in der Gesamtwertung Rang 6. Weitaus erfolgreicher war die vierfache Olympiateilnehmerin an Weltmeisterschaften. 2016 holte sie am Königssee Sprintgold und im klassischen Rennen Silber, 2017 gewann sie in Innsbruck die Silbermedaille im Sprint. Kocher kapselte sich vor vier Jahren vom Verband ab, Vater Heinz und der frühere Profi Stefan Höhener bildeten fortan den Betreuerstab. Zudem durfte die einstige Zeitsoldatin beim ­Militär jahrelang mit dem deutschen Team trainieren. Sie arbeitet künftig als Pädagogin, eine Funktion im Rodeln ist vorerst nicht geplant.phr

Artikel zum Thema

«Natürlich bin ich enttäuscht»

Thomas Lamparter (39) aus Aarwangen ist Chef Leistungssport für die Sparten Bob, Rodeln und Skeleton. Er berichtet aus Südkorea. Mehr...

Martina Kocher: Eine für den einen Tag

Rodeln In 14 Weltcupsaisons ist sie nie aufs Podest gefahren, an Weltmeisterschaften hingegen hat sie Gold und zweimal Silber gewonnen. Die Berner Rodlerin Martina Kocher hat gelernt, auf die Hinterbeine zu stehen. Mehr...

Paid Post

Langlaufträume in Österreichs Winterwunderland

Seefeld und Achensee verbinden Natur, Sport und Kulinarik. Zwei Profis verraten Ihnen ihre Geheimtipps.

Kommentare

Blogs

Mamablog Gewalt entsteht aus Überforderung

Sweet Home Platz da – die Dicken kommen!

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...