Ein Leben voller Triumphe und Tragödien

Er war ein gutmütiger Rebell und der erste Star im urchigen Nationalsport. Der dreifache Schwingerkönig Rudolf Hunsperger (†72) ist zu Hause in Zollikofen friedlich eingeschlafen.

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Philipp Rindlisbacher

Der Anruf liegt einen Monat zurück. Für diese Zeitung sollte er Anekdoten vom Brünigschwinget liefern, und auf die Frage, wie es ihm denn gehe, meinte Rudolf Hunsperger: «Ich kann den Hörer noch in den Händen halten. Also kann es so schlimm nicht sein.»

Hunsperger erzählte und referierte, sympathisch und frei von Allüren, wie er es laut Wegbegleitern immer getan hat. Er war nahbar im Erfolg und nahbar in der Krise. Einer, mit dem sich Mann und Frau, Gross und Klein, Arm und Reich identifizieren konnten.

Im Ring der bewundernswerte und selbstbewusste Kämpfer von imposanter Statur, ausserhalb des Sägemehls aber auch der sensible, nachdenkliche junge Mann. Wegen seiner Er­folge, wegen seines Wesens ist er vier Jahrzehnte nach seinem Rücktritt populär geblieben. Er war der Beste seiner Zeit, und mögen andere noch mehr gewonnen haben, ist er für viele bis ­heute der Schwinger schlechthin geblieben.

Am Samstag verstarb Hunsperger 72-jährig im Beisein seiner Familie daheim in Zollikofen, nachdem er eine Woche zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte. Eine Sterbehilfeorganisation begleitete ihn auf dem letzten Weg.

Boxen und Bär

Hunspergers Leben war geprägt von Triumphen und Tragödien, es böte Stoff für einen Kinostreifen. Lange vor Kilian Wenger war er der erste Popstar des Schwingens, den urchigen Nationalsport revolutionierte er auf seine Weise. Er erhielt eine Rolle in einem Film mit Hollywoodschauspieler Jon Voight, kämpfte mit einem Zirkusbären in Boxhandschuhen und besiegte diesen sogar. Er kommentierte am Radio, gab den Vorturner auf einer Kreuzfahrt. Er sprach munter drauflos in Interviews, warb für Herrenanzüge.

Hunsperger war keiner, der sich wie zu Gotthelfs Zeiten verhielt. Mit Funktionären legte er sich an, foutierte sich um die konservativen Strukturen. Und so galt er als Rebell, der gewissen Alteingesessenen nicht genehm war. Nach seiner Aktivzeit wurde ihm gar die Lizenz entzogen, am «Eidgenössischen» 1977 in Basel galt er in den Augen der Verbandsherren als Persona non grata.

Der junge «Rüedu» hatte nie Schwinger werden wollen. Seine Leidenschaft war das Boxen, doch es war ihm daheim verboten worden, sich mit den Fäusten zu messen. Im Weiler Habstetten zerrten ihn die Kollegen in den Schwingkeller, es musste ja funktionieren mit dieser Postur. Bereits 14 war Hunsperger, als er erstmals im Sägemehl kämpfte, und er dachte: «Das isch e huere Schissdräck.»

Sein Talent aber suchte seinesgleichen; obwohl er lässig und locker zur Sache ging, siegte er vier Jahre später bereits auf dem Brünig, als Jüngster in der Geschichte. Vier weitere Male entschied er den Klassiker für sich, sechsmal schwang er am Schwarzsee obenaus. 1968 gewann er den Unspunnen-Schwinget, vor allem aber liess er sich 1966, 1969 und 1974 zum Schwingerkönig küren, drei Titel holten sonst nur Hans Stucki (vor dem Ersten Weltkrieg) und Jörg Abderhalden.

Womöglich hätte Hunsperger ein viertes Mal am «Eidgenössischen» triumphiert, wäre er 1972 in La Chaux-de-Fonds angetreten – er trauerte damals um seinen wenige Tage zuvor verstorbenen Vater. War er beim ersten Titel ein 20-jähriger Rekrut im Tenü Grün gewesen, der den schier übermächtigen Karl Meli gebodigt und eine neue Epoche eingeläutet hatte, beendete er unmittelbar nach dem dritten Coup seine Karriere – mit 28. Er habe nicht voll durchgezogen, meinte Hunsperger einst, «das kann man mir als Fehler auslegen».

Operationen und Ohnmacht

Eine Berühmtheit war Rudolf Hunsperger geworden, schweizweit, und so gingen ihm viele Türen auf – wobei es vielleicht gerade der Bekanntheitsgrad und die Privilegien waren, welche ihn ins Verderben führten. Zwei Ehen scheiterten, als Garagist war er zu gutmütig, und aus Fehlern lernte er nicht, weil sie ihm, dem grossen Rüedu, halt lange verziehen wurden. Er war auch nicht der erfolgreiche Wirt, der er sein wollte, meldete bald einmal Konkurs an. Und als er vor der Jahrtausendwende wieder auf die Beine kam, wurde er auf brutale Weise in die Knie gezwungen.

Seine Rückenbeschwerden wurden mit einer nicht sterilen Spritze behandelt; der Vater zweier Kinder erlitt eine gravierende Blutvergiftung, musste notoperiert werden, wobei die Überlebenschancen nicht höher waren als 20 Prozent. Während zweier Wochen lag Hunsperger im Koma, er sprang dem Tod von der Schippe, sollte sich aber nie mehr ganz vom Infekt erholen. Vergangenen Sommer musste er innert Kürze siebenmal operiert werden, worauf er sich das Leben nehmen wollte.

Doch der grosse Kämpfer schöpfte nochmals Mut. Und in Erinnerung bleibt der Eindruck vom letzten Gespräch im Juli. Hunsperger lieferte die gewünschte Anekdote. Erzählte, wie er mit 18 auf dem Brünig gesiegt hatte, obwohl sein Start gar nicht vorgesehen gewesen war. Wie er er sich nichts ausgerechnet und sogar die Sennentracht zu Hause gelassen hatte.

Wie er in einem Leibchen mit Zebrastreifen statt in traditioneller Kleidung zur Siegerehrung erschien, was Obmann Otto Marti auf die Palme brachte und dazu bewog, das Preisgeld zunächst nicht ­auszuzahlen. Schelmisch meinte Hunsperger: «Das Couvert mit den 700 Stutz habe ich mir dann schon noch erstritten.» Er lachte und verabschiedete sich.

Berner Zeitung

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