Ein gigantischer Dopingsumpf

Ermittler sollen Tausende auffällige Befunde aufgespürt haben. In rund 60 Sportverbänden. Der Fokus liegt auf dem Biathlon und der WM 2017.

Im Zwielicht erscheint in diesen Tagen vor allem der Biathlonsport: Es geht um Doping und Korruption. Foto: Keystone

Im Zwielicht erscheint in diesen Tagen vor allem der Biathlonsport: Es geht um Doping und Korruption. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Biathlon-Weltverband (IBU) löst sich gerade in seine Einzelteile auf, österreichische Strafbehörden ermitteln zu zwei brisanten Themenkomplexen: Doping und Korruption. Vor einigen Tagen gab es Razzien am IBU-Hauptsitz in Salzburg, dazu in Bayern und in Norwegen; im Fokus der Ermittlungen stehen die langjährige IBU-Spitze sowie zehn weitere Personen, denen angelastet wird, mutmassliche Dopingfälle vertuscht zu haben. Und der organisierte Sport ­verfolgt die Vorgänge wie stets: mit ­gesammeltem Schweigen.

Hinter den Kulissen dürften die Aktivitäten indes enorm sein. Der Schlag gegen die internationale Biathlonführung beruht auf der Vorarbeit einer neuen, bisher erstaunlich eigenständig wirkenden Ermittlungseinheit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada): Die Abteilung Intelligence and Investigations (I&I) erhielt im Herbst 2017, wohl über einen Whistleblower, die sogenannte Lims-Datenbank des Moskauer Dopinglabors zugespielt – zur Auswertung: einen Datensatz mit allen dort gefertigten Dopingproben seit 2012. Darunter gewiss viele, aber nicht nur russische Athleten.

Schon im November waren die Ermittler unter Leitung des früheren bayrischen Polizeifahnders Günter Younger so weit, ein 16-seitiges Dossier zu den Missständen in der Skijäger-Welt herauszugeben – an die für die IBU zuständigen Behörden in Österreich.

Das ist nur die Spitze des Eisberges. Tatsächlich fanden die Ermittler rund 9000 auffällige Befunde quer durch die Sportwelt. Die Wada wollte diese Grössenordnung weder bestätigen noch dementieren. Mitgeteilt hat sie aber eine andere Dimension der weitflächigen Pharmaverseuchung: «Rund 60 internationale Verbände» umfasse der ganze Sumpf.

Die Fragen um Olympia 2018

60 Verbände, Winter- wie Sommersportarten – da stellt sich die Frage, welche Disziplinen eigentlich nicht betroffen sind. Neu ist das aber nur für die Öffentlichkeit – die betroffenen Spitzenverbände, so die Wada weiter, wüssten schon seit gut vier Monaten davon. «Das I&I-Team hat sich am 17. Dezember 2017 mit den internationalen Verbänden, dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Internationalen Paralympic-Komitee getroffen, um ihnen Lims-Daten aus dem Moskauer Labor zu geben, die Urinproben mit auffälligen Befunden enthielten. Diese Organisationen untersuchen nun alle Daten, und das I&I-Team erwartet ihre Schlussfolgerungen, ob sie Fälle gegen Athleten einbringen wollen.»

60 internationale Verbände schlagen sich also seit Dezember mit brisanten Dopingdaten in ihren Sportarten herum – bisher in aller Stille. Obwohl ja in dieser Zeit, im Februar 2018, auch die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang stattfanden. Das wirft neue Fragen auf: Waren dort Akteure zugange, die man aufgrund der im Dezember von der Wada vorgelegten Daten schon hätte sperren können?

Die Wiener Behördensprecherin Ingrid Maschl-Clausen verweist darauf, dass die Dopingermittlungen neben den beiden IBU-Spitzenleuten, Präsident Anders Besseberg (Norwegen) und Generalsekretärin Nicole Resch (Deutschland), auch «Betreuer und Sportler des russischen Biathlonteams wegen der Anwendung verbotener Substanzen beziehungsweise Methoden zum Zweck des Dopings» betreffen. Im Fokus der Ermittler ist die Biathlon-WM 2017 im österreichischen Hochfilzen.

Alle Fragen offen – wie stets, wenn sich der Spitzensport mit seinem Systemproblem herumschlägt. Auch der Dopingskandal um Besseberg und Resch köchelt vor sich hin. Es verdichten sich die Hinweise, dass Besseberg und seine Getreue ein Doppelleben an der Verbandsspitze geführt haben könnten.

Zwar weisen sie Fehlverhalten zurück, doch die im Wada-Report dargelegte Verdachtslage passt zu sehr vielem, was aus dem Arbeitsumfeld der IBU dringt. Demnach soll Resch, die das Generalsekretariat 2008 aus der Assistentenrolle übernahm, in der Zentrale eine immer umfassendere Alleinkontrolle ausgeübt haben – gerade auch im Umgang mit Dopingfragen.

Die Wada-Ermittler sehen die Deutsche, der auch das Blutpass-Programm unterstand, als «starke Verteidigerin russischer Interessen»; sie habe «fast autonome Kontrolle» über den Anti-Doping-Bereich ausgeübt – so steht es im Report für die Behörden.

Die Abstimmung pro Russland

Und Besseberg? Auch hier stützt das Dossier viele Insiderberichte. Die Rede ist von Stimmenkäufen, vielzähligen Jagdausflügen und notorischen Escort-Abenteuern. Dieser Teil der Affäre dürfte ebenso noch an seinem Beginn stehen wie andere Korruptionsfragen. So hat Besseberg in seinem IBU-Vorstand Anfang des Jahres nur mit Mühe die Bestätigung durchgeboxt, dass das Weltcupfinale im März, der russischen Doping-Staatsaffäre zum Trotz, im russischen Tjumen stattfand. Insider berichten von einem 4:4-Vorstandsvotum.

In dieser Pattsituation habe dann die Stimme des Präsidenten den Ausschlag gegeben. Vermeldet wurde indes, dass der Beschluss in einem demokratischen Prozess gefallen sei. Interessant könnte das noch werden, weil im Wada-Dossier – das sich ja ganz auf Zeiträume vor dieser Tjumen-Abstimmung bezieht – von Zahlungen an «nicht bekannte» IBU-­Vorstände die Rede ist, abgestuft von 25 000 bis 100 000 Dollar.

Dass die in der Biathlonaffäre Beschuldigten ihr Schweigen brechen, ist vorläufig so wenig zu erwarten wie ein klärendes Wort vonseiten der 60 internationalen Verbände, die diskret mit ihren Daten ringen. Aber die Wada hat sich positioniert. Sie will nicht ewig ­warten und notfalls dort auf Doping­verfahren drängen, wo Funktionäre in bewährter Manier nach Ausflüchten ­suchen – um Publikum und Geldgeber nicht allzu sehr zu verschrecken. Die Geldgeber sind aber jetzt unmittelbar in der Verantwortung. Gern wurde ja betont, dass es harte Anti-Doping-Klauseln in öffentlich-rechtlichen TV-Verträgen gebe. Deshalb könnte, was der Radsport einst erlebt hatte, demnächst auch den Wintersport erfassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2018, 23:24 Uhr

Artikel zum Thema

Noch mehr Russen-Doping? Nun geraten die Biathleten ins Visier

Der Weltverband soll positive Proben russischer Athleten ignoriert haben – allenfalls gegen Geld. Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon. Mehr...

Paid Post

Erkunden Sie Europa mit dem Zug

Mit einem Zugang zu 250 000 km Eisenbahnstrecken bietet Interrail die Möglichkeit, mit noch mehr Verkehrsunternehmen in 30 Länder zu reisen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Edler Schlitten: Eine Yacht wird im holländischen Oss gebaut (8. August 2018).
(Bild: Piroschka van de Wouw) Mehr...