«Du kannst nicht wegrennen»

Die 40-jährige Bernerin Nicole von Känel schliesst an der Schweizer Meisterschaft in Locarno ihren letzten Titelkampf mit dem Gewinn der Goldmedaille ab. 

Nicole von Känel über ihre Karriere: «Ich habe viel gelernt, über mich und über meine Gegnerinnen.»

Nicole von Känel über ihre Karriere: «Ich habe viel gelernt, über mich und über meine Gegnerinnen.»

(Bild: Andreas Blatter/Archiv)

Stephan Dietrich

Nicole von Känel, haben Sie Schmerzen?
Nur ein wenig Muskelkater. Der Blick in den Spiegel nach dem Finalkampf hat mir bereits verraten: Kein blaues Auge, und die Nase ist auch ganz geblieben. 

Ihr Spiegelbild zeigte auch die neue Schweizer Meisterin. Wie fühlen Sie sich?
Ich spüre eine riesige Genugtuung. Die Saison ist nicht nicht nach Wunsch verlaufen. Das Ende aber ist perfekt. 

Erzählen Sie zuerst von den Problemen.
Als Sportlerin willst du stets topfit sein. Ich aber war lange verletzt, musste mich im Sommer am Unterleib operieren lassen und fiel zwei Monate aus. Es war eine Situation, wie ich sie in meiner Karriere noch nie erlebt hatte. Mental war das ganz schwierig, weil ich genau wusste, dass ich meine letzte Saison boxe.  

Ist Ihr Zeitplan für die Schweizer Meisterschaft in Verzug geraten?
Im Nachhinein lässt sich sagen: Es ist alles perfekt gelaufen. Ich wollte unbedingt Gold gewinnen, das letzte Kapitel meiner Karriere mit dem Titelgewinn schreiben. Ich sehnte mich nach dem Happy End. 

Sie gewannen den Halbfinal am Samstag knapp und mussten am Sonntag zum Final antreten. Wie haben Sie die Nacht dazwischen überstanden?
Ich habe den Finalkampf 100-mal gekämpft. Ich konnte lange nicht einschlafen und bin jede Eventualität durchgegangen. 

Haben Sie auch in Betracht gezogen, dass Sie verlieren könnten?
Mit 40 Jahren müssen Sie altershalber zurücktreten. Sind Sie enttäuscht?
Enttäuschung ist der falsche Ausdruck. Natürlich möchte ich als Sportlerin den Zeitpunkt meines Rücktritts selber bestimmen. Andererseits kannte ich die Reglemente. Ich wusste also genau, was auf mich zukommt. 

Sie haben spät mit Boxen begonnen und nur sieben Jahre Wettkampferfahrung. Was hat Ihnen diese Zeit gebracht?
Haben Sie ein Beispiel?
Auf Teneriffa musste ich gegen eine Rumänin boxen. Ich habe bereits vor dem Kampf gewusst, dass sie sehr stark sein würde. Im Ring kannst du jedoch nicht wegrennen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung, die Gegnerin hat mir mein Limit aufgezeigt. Gleichzeitig konnte ich den Ring mit erhobenem Haupt verlassen, weil ich mich dem Kampf gestellt hatte. 

Berner Zeitung

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