Die seelische Wunde schmerzt mehr

Nach 150 Metern war die Heim-WM für den Mountainbiker Lukas Flückiger bereits zu Ende. Der Trainingssturz am Dienstag hat ihm eine klaffende Wunde beschert.

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Peter Berger@PeterBerger67

Humpelnd erscheint Lukas Flückiger am Mittwochmorgen zum vereinbarten Termin in der Lobby des Schweizer Teamhotels auf der Lenzerheide. «Sie wollten mir im Spital Krücken geben, aber damit komme ich mir blöd vor», erklärt der 34-jährige Oberaargauer, warum er ohne Hilfsmittel daherkommt.

Blöd ist es vor allem am Vortag gelaufen. Flückiger durfte wie die anderen Schweizer Cross-Country-Fahrer zu Trainingszwecken auf die Rennstrecke. Aber nach dem ersten kurzen Aufstieg lag er bereits nach 150 Metern auf dem Boden. Keine Ahnung, wie das genau passiert sei, hält Flückiger fest. «Ich bin eher ausgerutscht als richtig gestürzt. Es war auf jeden Fall nichts Spektakuläres.»

Beeindruckend war dafür das Resultat. Über seinem rechten Knie klaffte eine grosse und tiefe Fleischwunde. Die Kniescheibe blieb unversehrt, aber die Sehne war zu 80 Prozent gerissen. Der Versuch, die Blessur im Hotelzimmer zu nähen, scheiterte, weil die Blutung zu gross war und man keine Zimmerrenovation in Kauf nehmen wollte. Im Spital wurde dann geröntgt, genäht – 15 Stiche innen und 15 Stiche aussen – und gegipst. «Natürlich tut mir das Knie weh», sagt Flückiger. «Aber viel mehr schmerzt mich, dass ich die Heim-WM verpasse.»

Familien und Freunde, alle seien sie am Samstag für das Rennen auf der Lenzerheide. Keine Frage: Lukas Flückiger hat sich mächtig auf den Grossanlass vor heimischem Publikum gefreut. «Diese Chance kommt nicht mehr. Beim nächsten Heimanlass werde ich aus Altersgründen nicht mehr dabei sein.»,

Den Auftritt auf der Lenzerheide hätte Flückiger auch aus anderem Grund gebraucht. Er habe immer wieder gute Rennen gehabt, aber insgesamt sei die Saison nicht so verlaufen, wie er sich das vorgestellt habe. «Ich hatte immer das Gefühl, es wäre mehr möglich gewesen, war jedoch nicht fähig, mehr aus mir herauszuholen.»

Unweigerlich seien deshalb im Sommer Gedanken an das Karriereende aufgekommen, auch weil die Situation in seinem Team Thömus/RN Racing Team schwierig sei. Er und Bruder Mathias fahren in diesem Jahr quasi zum Nulltarif. Mit einem guten Resultat an der WM wäre vielleicht die eine oder andere Sponsorentüre noch aufgegangen. Diesbezüglich liegt nun der Druck auf Mathias. «Ich fiebere mit ihm mit und hoffe, er kann seine Träume verwirk­lichen.»

Immer wieder erscheinen während des Gesprächs Leute von Swiss Cycling, erkundigen sich bei Flückiger nach dessen Befinden und drücken ihr Bedauern aus. «Das ist nicht einfach», gesteht Flückiger mit einem Seufzer. «Mountainbike ist mein Leben und bedeutet mir viel. Deshalb habe ich mich entschieden, dass meine Karriere irgendwie noch weitergehen soll. Ich halte an meinem Fernziel, den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, fest.»

Aber vorerst braucht Lukas Flückiger erst einmal Abstand von der Szene, deshalb ist er gestern unverzüglich heim nach Wynigen gereist. Zum Rennen am Samstag werde er aber wohl zurückkommen – sofern die seelischen Schmerzen etwas abgeklungen seien, fügt er noch an, bevor er sich humpelnd auf den Weg macht.

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