Die Neuerfindung als Volltreffer

BZ-Sportredaktor Philipp Rindlisbacher zum Sieg Christian Stuckis am Unspunnen-Schwinget.

Natürlich Christian Stucki! Der Seeländer verdient seinen zweiten eidge­nössischen Titel; er ist der beste Schwinger des Jahres, agierte in Interlaken weitgehend über­legen. Stucki ist der Dauerbrenner schlechthin: Seit über einem Jahrzehnt gehört er zur Handvoll Dominatoren der Szene, letztmals verpasste er 2007 an einem Fest den Kranzgewinn. Und doch beruht sein Sieg auf einer per­sönlichen Neuerfindung.

Stucki wiegt rund 150 Kilogramm, ist knapp zwei Meter gross. In körperlicher Hinsicht bringt kaum einer bessere Voraussetzungen für den Schwingsport mit, nicht wenige Konkurrenten sprechen in Zusammenhang mit seiner Postur von der halben Miete. Trotz 38 Kranzfestsiegen blieb in den letzten Jahren jedoch der Eindruck haften, der Hüne hole nicht alles aus sich heraus. Im Weg stand ihm – nur auf den Sport bezogen – seine Wesensart. Stucki ist eine «Gmüetsmoore», ein genügsamer Mensch. Mittelmässige Leistungen beschönigte er gern, nicht immer strebte er mit letzter Konsequenz nach dem Optimum.

Nachdem er an den ersten zwei Festen in dieser Saison erstaunlich passiv agiert hatte, unterzog er sich der tiefgreifendsten Analyse in seiner Karriere. Seither reist Stucki einmal wöchentlich ins luzernische Gunzwil, wo er vom einstigen Bobfahrer Tommy Herzog im mentalen Bereich trainiert wird. In seinem Hirn habe es Klick gemacht, bestätigt er. Der 32-Jährige geht seither forscher, resoluter, selbstbewusster zur Sache. Aus sieben Festen resultierten sechs Siege, einmal wurde er Zweiter.

Stucki entspricht auf den ersten Blick nicht dem Ideal eines Spitzensportlers, zuweilen sieht man ihn in der Öffentlichkeit mit Bier und Zigarette in der Hand. Doch wer ihm beim Trainieren zuschaut, ist beeindruckt von seiner Kraft, seinen koordinativen Fähigkeiten, seiner Beweglichkeit. Mit der Bereitschaft, im hohen Schwingeralter nochmals kräftig in die Karriere zu investieren, hat Stucki seinen Ehrgeiz untermauert. In zwei Jahren findet in Zug das «Eidgenössische» statt. Einzig der Königstitel fehlt in seinem Palmarès. Und Stucki sagt: «Tueni nid soublöd, wirdi denn no nid am Stock gah.»

Berner Zeitung

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