Die Flucht von Bern

Reckspezialist Wolfgang Thüne setzte sich während der Kunstturn-EM 1975 in Bern vom DDR-Team ab. Eberhard Gienger, sein stärkster Widersacher, brachte ihn in seinem Opel Manta über die Grenze.

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Eberhard Gienger erzählt lebhaft, vermag sich ausgezeichnet zu erinnern – zuweilen gar bis ins Detail. Was keineswegs selbstverständlich ist, sind doch über vier Jahrzehnte verstrichen, seit der damalige Weltklasse-Kunstturner seinem stärksten Wider­sacher einen Gefallen tat, welcher dessen Leben verändern sollte. Gienger, Reckspezialist aus der Bundesrepublik, verhalf Wolfgang Thüne, Reckspezialist aus der DDR, während der Europameisterschaft 1975 in Bern zur Flucht in den Westen.

In den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit,besser bekannt als Stasi, findet sich die Annahme, wonach sich in 40 Jahren DDR rund 600 Sportler absetzten. Spektakulär ist das Beispiel von Schwimmer Axel Mitbauer, der 1969 am Ostseeufer aus einem fahrenden Zug sprang, um sich der Beschattung zu entziehen. Nach Einbruch der Dunkelheit stieg er 19-jährig nahe der Grenze ins Meer, kraulte 25 Kilometer westwärts, verbrachte die Nacht an einer Boje in der Lübecker Bucht und wurde am Morgen vom Kapitän einer Fähre an Bord genommen.

Das Erstaunlichste an Thünes Fall ist, dass die Wahrheit ein Vierteljahrhundert lang verborgen blieb; in Giengers Stasi-Akte sind keine Hinweise zu finden. Als Fluchthelfer hätte der Westdeutsche nicht mehr in den Ostblock einreisen dürfen, was in sportlicher Hinsicht einem Desaster gleichgekommen wäre, weil der Turnsport von den hinter dem Eisernen Vorhang lebenden Genossen dominiert wurde. Thüne liess daher verlauten, er sei per Anhalter in die Bundesrepublik gefahren. Was in den Annalen vermerkt und erst modifiziert wurde, als Gienger unmittelbar vor der Jahrtausendwende in einem Interview die realen Begebenheiten schilderte.

Die Geschichte begann auf einer Toilette im Eisstadion Allmend,heute als Postfinance-Arena bekannt. Thüne bat Gienger, ihm zu helfen; im Stadionrestaurant lief das offizielle Bankett. Gienger, damals 24-jährig, zögerte nicht lange. «Klar war ich überrascht, als er mich fragte. Aber mir wurde rasch klar, dass wir das tun würden. Wenn jemand Freiheit sucht, muss man ihm helfen», hält er fest. An der WM 1974 in Bulgarien hatte Gienger am Reck Gold gewonnen, Thüne war Zweiter geworden. Im Hinblick auf die EM in Bern erhielt der Unterlegene die Order, den Klassenfeind zu bezwingen; Trainingsumfang und Schwierigkeitsgrad seiner Übung wurden erhöht. Später hielt Thüne fest, er habe sich im Training vor der EM beim Reckabgang «fast das Genick gebrochen».

In Bern hatte er an einer Fersenprellung gelitten, war fit gespritzt worden. Der Schmerz jedoch war zu stark, Thüne ­verpasste gar den Final der besten 8, derweil Gienger wie an der WM triumphierte. Thüne war bewusst, dass er zu Hause als Versager betitelt werden würde, Repressionen zu fürchten hatte. Er sah nur noch einen Ausweg. Und wandte sich an Gienger, weil er ihm vertraute. Gemein hatten sie das Hobby, Münzen zu sammeln. An einem Wettkampf in Riga hatten sie sich zum Tauschen getroffen – heimlich, versteht sich. DDR-Sportlern war der Kontakt mit Rivalen aus dem Westen strikt untersagt.

Gienger rief seinen in der Nähe von Freiburg im Breisgau lebenden Standard-Zimmerkollegen Walter Mössinger an, der die Titelkämpfe in Bern wegen eines Achillessehnenrisses verpasste. Dieser willigte ein, Thüne vorübergehend bei sich aufzunehmen. Worauf die beiden Reckspezialisten in Giengers Opel Manta zum Hotel der DDR-Auswahl fuhren. Thüne ging in sein Zimmer, warf eine Tasche aus dem Fenster, verliess das Hotel, holte die Tasche und stieg wieder ins Auto. Gemeinsam mit Giengers Freundin, seiner heutigen Frau, einem Kampfrichter und einem Masseur fuhren sie Richtung Basel. «Wolfgang war extrem nervös. Er hatte Angst, dass am Zoll Grenzwächter auf uns schiessen würden», erzählt Gienger. «Er kannte es halt nicht anders.»

Bei der Passkontrolle mimten Thüne und Giengers Freundin ein Liebespaar. Was nicht sonderlich schwierig gewesen sein dürfte, wenn man sich vorstellt, dass es sich um ein dreitüriges Auto handelte und in der hinteren Reihe drei erwachsene Personen sassen. Gienger zeigte dem Zöllner vier Ausweise, sagte, der fünfte befände sich in einer Jacke im Kofferraum, er würde ihn gleich holen. Der Beamte jedoch wollte nicht stören, winkte den Manta durch – die Flucht war geglückt. Nachdem Gienger Thüne bei Mössinger abgesetzt hatte, fuhr er auf direktem Weg zurück nach Bern ans Bankett.

Der Geflüchtete schloss sich Bayer Leverkusen an, wurde 1977 BRD-Meister im Mehrkampf, notabene vor Fluchthelfer Gienger – die beiden haben den Kontakt bis heute aufrechterhalten. Später arbeitete Thüne als Trainer, betreute unter anderen Wolfgang Hambüchen, den Vater und Trainer des heutigen Weltklasseturners Fabian Hambüchen, der dieser Tage in Bern verletzungsbedingt fehlt. Trainer und Funktionäre, welche in der DDR mit Thüne gearbeitet hatten, wurden nach dessen Flucht aus ihren Ämtern entfernt.

Gienger gewann sechs weitere EM- und WM-Medaillen; nach ihm wurde ein Flugelement am Reck benannt, der Gienger-Salto. Seit 2002 sitzt der heute 64-Jährige für die CDU im Bundestag. Im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur sind Gienger und Thüne immer wieder zusammen als Redner und Diskussionsteilnehmer unterwegs – oft gemeinsam mit Axel Mitbauer, dem verwegenen Ostsee-Schwimmer. Gienger schmunzelt, nachdem er die Geschichte zu Ende erzählt hat, sagt, heutzutage bleibe nichts mehr lange geheim, verweist dabei auf Bundestagsitzungen und ergänzt: «In unserem Fall haben 15 Personen 25 Jahre lang geschwiegen.»

Berner Zeitung

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