Die erfolgreichste Ruderin musste Unternehmerin werden

Jeannine Gmelin geht nach dem Bruch mit dem Ruderverband im Privatteam in die vorolympische Saison. Mit weniger Erholungszeit, aber neuer Gelassenheit.

Im Boot sitzt Jeannine Gmelin schon lange alleine – nun ist sie auch an Land eine Einzelkämpferin.

Im Boot sitzt Jeannine Gmelin schon lange alleine – nun ist sie auch an Land eine Einzelkämpferin.

(Bild: Keystone Robert Perry)

Irgendwie ist es merkwürdig. Nach wochenlanger, ja fast monatelanger Hochdruckwetterlage hat sich der Winter mit Nachdruck zurückgemeldet. Die Farbe Weiss beherrscht die Szenerie im Kanton Obwalden, in Sarnen muss man sich den Weg durchs Schneegestöber bahnen.

Irgendwie passt diese Absurdität auch zum Anlass. Jeannine Gmelin wird über die neusten Entwicklungen informieren, nicht aber über die ganz normalen Vorbereitungen auf das Jahr vor den Olympischen Spielen. Und nicht wie sonst am Sitz des Ruderverbandes, sondern einen grossen Steinwurf entfernt, bei ihrem Hauptsponsor, der Obwaldner Kantonalbank.

Schlaflose Nächte

Zwei Monate sind seit dem Bruch zwischen Swiss Rowing und Gmelin vergangen. Robin Dowell, der britische Trainer, der für ihren Aufstieg zur Weltnummer 1 verantwortlich war, wurde entlassen – nach einem monatelangen Konflikt. Damit fehlte der Ustermerin plötzlich die sportliche Bezugsperson, sogar ein Rücktritt schien nicht ausgeschlossen. «Dieser Moment war der Tiefpunkt», sagt sie, «da hatte ich schon schlaflose Nächte und auch ein paar Tränen vergossen.»

Nach dem medialen Aufschrei wurde es wieder still um die 28-Jährige. Es war klar, dass sie nicht in der bisherigen Verbandsstruktur weitermachen würde, und die beiden Parteien suchten nach Lösungen. Gmelin begann, sich Gedanken über ihr Privatteam zu machen, trainierte aber vorerst alleine. Anfang März erhielt sie die Erlaubnis, dass ­Dowell sie bis zum Ende seines Vertrages beim SRV Ende April betreuen könne. Nachher wird das erfolgreiche Duo weiter zusammenarbeiten. «Robin wird mich im Mandatsverhältnis betreuen», so Gmelin.

Das Generieren neuer Gelder ist schwierig. Auch als grosse Schweizer Medaillenhoffnung.

Sie ist gut gelaunt, man merkt: Eine Last ist von ihr abgefallen. «Ich lief mit vielen offenen Fragen durch die Welt», gibt sie zu, «jetzt habe ich wieder Stabilität und Sicherheit.» Besonders wichtig ist das auch, weil sie durch eine Blinddarmoperation und Rückenprobleme einen Trainingsrückstand hatte.

Viele Trainings im Ausland

Ihren Lebensmittelpunkt wird sie in Obwalden behalten, «hier ist meine Wahlheimat, hier fühle ich mich wohl, wenn ich den Pilatus sehe oder den Bürgenstock. Das ist mir wichtig, das hat mit dem Sport nichts zu tun.» Trainieren wird sie nun aber viel häufiger im Ausland, zuerst in Spanien, dann in Norditalien, speziell im Grossraum Varese, wo sie ideale Bedingungen vorfinden wird.

Unterwegs sein wird sie mit Dowell – und mit ehrenamtlicher Unterstützung. So wird sie ein Koch nach Spanien begleiten. Generell haben ihr in den vergangenen Monaten viele Leute Unterstützung zugesagt. «Das hat mir in dieser Phase sehr gut getan», sagt sie.

Nicht zuletzt ist dieser Support auch finanziell wichtig. Die Auslagen sind durch die neue Situation deutlich gestiegen, und vom Verband werden ans neue Privatteam keine Zahlungen ausgerichtet, anders als dies beispielsweise bei Mujinga Kambundji und dem Leichtathletikverband der Fall war.

Im tiefen sechsstelligen Bereich liegt der Betrag, der für eine erfolgversprechende Saison nötig ist. Neben der Unterstützung der Armee, der Sporthilfe und ihrer Sponsoren gestaltet sich das Generieren neuer Gelder schwierig, auch als eine der grössten Schweizer Medaillenhoffnungen.

Ein fünfstelliger Betrag sei noch offen, heisst es vonseiten ihrer Management-Agentur Samm Group. Umso wertvoller ist die Unterstützung von Roger Achermann: Der Präsident des RC Uster hat einen Gönnerverein ins Leben gerufen.

Klassische Einzelkämpferin

Rudern ist zwar in vielen Bereichen ein Teamsport, gerade im Skiff ist man aber auch Einzelkämpfer. So gesehen ist der Unterschied auf dem Wasser überschaubar, schliesslich ruderte Gmelin ja allein, war oft die einzige Frau. Grösser ist der Unterschied an Land. War sie jahrelang in eine fixe Struktur eingebunden und schaffte so auch den Sprung in die Weltspitze, ist sie nun klassische Einzelkämpferin. Alles, was ihr vorher abgenommen wurde, muss sie nun selber erledigen, aus der Athletin ist gezwungenermassen eine Unternehmerin geworden.

Das sei nicht einfach, sagt sie: «Es nimmt sehr viel Zeit und Energie in Anspruch, und diese Zeit fehlt mir bei der Regeneration.» Vom Optimalzustand sei sie noch weit entfernt: «Ich bin schon noch am Schwimmen.»

Vom Verband gibts ein Boot

Die Berührungspunkte mit dem SRV werden künftig nur noch klein sein. Der Verband wird weiter die Selektionen vornehmen, man sieht sich an den Regatten, und Gmelin kann dort auch die medizinische Unterstützung in Anspruch nehmen. Ferner bekommt sie ein Zweitboot.

Dass man nun wieder in die gleiche Richtung geht, ist für sie klar: «Der Verband und ich, wir wollen beide meinen Erfolg.» Bis zur WM im August wird man so arbeiten, anschliessend «ziehen wir eine Zwischenbilanz». Im Idealfall besteht die neue Struktur bis Tokio 2020.

Bleibt die Frage, was von den letzten Monaten zurückbleibt. «Es ist eine Erfahrung», sagt Gmelin, «die mir sehr viel bringen wird. Ich bin überzeugt, dass es immer, wenn man sich durchkämpfen muss, einen Grund hat. Irgendwann werde ich auf diese Erfahrung zurückgreifen können.»

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