Die Aufholjagd der Kunstturnerinnen

Bis zu den Erfolgen von Ariella Kaeslin standen die Schweizerinnen im Schatten der Männer. Eine Erklärung, wie sich der Sport entwickelte, was der Mauerfall damit zu tun hat, und wer Kaeslins und Giulia Steingrubers Wegbereiterin war.

Die drei besten Turnerinnen der Schweiz: Romi Kessler, Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber.

Die drei besten Turnerinnen der Schweiz: Romi Kessler, Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber.

(Bild: Keystone)

Sibylle Hartmann@sibelhartmann

Die Schweizer Kunstturner haben an internationalen Wettkämpfen seit den 1950er-Jahren immer wieder Erfolge feiern können. Die Namen Jack Günthard, Sepp Zellweger und Donghua Li dürften vielen Schweizern bekannt sein. Die Frauen dagegen turnten jahrelang abseits des Rampenlichts. Das änderte sich erst 2009, als Ariella Kaeslin an der Europameisterschaft in Mailand zwei Medaillen gewann.

Doch natürlich gab es sie, die Wegbereiterinnen im Frauenkunstturnen. Allen voran Romi Kessler – «die Legende» – wie ­Kaeslin sie in ihrem Buch «Leiden im Licht» nennt. Die heute 53-Jährige erreichte an der EM 1979 in Kopenhagen auf dem Balken den fünften Rang, an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wurde sie am Barren und am Boden ebenfalls Fünfte und am Balken Sechste.

Wissen aus dem Osten

Was hat sich seit Kesslers Rücktritt im Jahr 1984 getan, dass nun auch die Frauen mit den Weltbesten mithalten können? Einerseits haben sich die Trainingsmöglichkeiten in der Schweiz verbessert. Während heute für eine Spitzenturnerin kaum ein Weg an Magglingen vorbeiführt, hätten in ihrer Zeit nur die Männer regelmässig im Sportzentrum über dem Bielersee trainiert, erzählt Kessler. Zudem gab es unter den Turnerinnen damals keine Profisportlerinnen.

«Wir hatten weder Verträge, noch waren Sponsoren erlaubt», sagt Kessler. Dies änderte sich erst 1988, als der Schweizerische Turnverband seine Gesetzgebung lockerte. Die Zürcherin lobt überdies den Aufbau der Talentförderung in der ganzen Schweiz. Heutzutage werden die besten Turnerinnen bereits mit Erreichen des Schulalters in acht regionalen Leistungszentren gezielt gefördert.

Jahrelang dominierten Athletinnen aus der ehemaligen Sowjetunion und Rumänien die Szene. Dass mittlerweile Turnerinnen aus westlichen Ländern mit der Weltspitze mithalten können, liegt vorab an einem Ereignis aus dem Jahr 1989. «Durch den Mauerfall drang das Wissen aus dem Ostblock in den Westen», erklärt Kessler.

Der Vorreiterrolle in dieser Entwicklung gebührt dem Rumänen Béla Károlyi, der 1981 in die USA flüchtete. Er hatte zuvor Nadia Com?neci zur besten Turnerin ihrer Zeit geformt; die Rumänin gewann bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980 fünf Gold-, drei Silbermedaillen und einmal Bronze. 1996 führte Károlyi schliesslich die Amerikanerinnen in Atlanta zum Teamolympiasieg.

Geringe Talentdichte

Auch die Erfolge von Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber gehen auf das Konto eines Osteuropäers. Nach dem Aufstand von Kaeslin und Kolleginnen gegen den damaligen Cheftrainer Eric Demay wechselte Zoltan Jordanov vom britischen zum Schweizer Nationalteam. «Die Schweiz war für mich ein weisses Blatt Papier», sagt der Ungar. Kaeslin sei bei seinem Amtsantritt bereits 20 Jahre alt und eine gute Turnerin, aber noch keine Medaillengewinnerin gewesen.

«Die Spezialarbeit eines Trainers besteht darin, aus einer talentierten Turnerin eine Championne zu machen», meint Jordanov. Das gelang ihm nicht nur bei Kaeslin, sondern auch bei Steingruber. Trotz der Erfolge erwähnt Jordanov immer wieder die geringe Talentdichte in der Schweiz, was an der Grösse des Landes liege. So seien letztes Jahr bei der Elite-Landesmeisterschaft 7 Turnerinnen angetreten, während es in Grossbritannien 54 waren.

Kaeslin und Steingruber mögen Ausnahmetalente sein, ihre Erfolge jedoch hatten einen positiven Effekt auf den Nachwuchs. Einerseits habe sich die Winnermentalität bei den Schweizer Turnerinnen verstärkt, sagt Jordanov. Andererseits gebe es nun zwar nicht mehr, aber besser vorbereitete Turnerinnen. Jordanov lobt damit wie Kessler den ­Ta­lentaufbau in der Schweiz.

Notwendige Härte

Was die Änderungen der Trainingsbedingungen betrifft, fällt vor allem eines auf: Seit rund zehn Jahren arbeiten mehrheitlich Trainer aus dem Ausland sowohl in Magglingen als auch in den regionalen Leistungszentren. Einer von ihnen ist der Ungar Mihaly Esztergalyos. Der ehemalige Turner wurde vor sieben Jahren Frauenchef im RLZ Bern.

Seiner Meinung nach hat der Erfolg der Frauen auch mit dieser Tatsache zu tun: «Die Trainingskultur aus dem Osten ist viel härter als jene in der Schweiz.» Sie sei nötig, müsse aber der hiesigen Mentalität angepasst werden. «Ein guter Mix aus beiden Kulturen bringt den Erfolg», hält Esztergalyos fest.

Zoltan Jordanov würde diese Theorie nicht unterschreiben, er sieht andere Gründe für die hohe Anzahl Trainer aus den ehema­ligen Ostblockstaaten in der Schweiz. «In Osteuropa ist es für Turner nach ihrem Rücktritt eine gute Möglichkeit, als Trainer zu arbeiten.» In der Schweiz habe man viel mehr Optionen, sich weiterzubilden, und der Trainerjob sei sicher nicht der lukrativste, hält er fest.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt