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Der Wunderläufer glänzt als Entertainer

Heute Samstag um 16 Uhr beginnt jenes Kapitel, welches in der Historie des GP dereinst als Sternstunde bezeichnet werden dürfte. Im Vorfeld demonstrierte Haile Gebrselassie, dass er nicht nur in den Laufschuhen ein aussergewöhnlicher Athlet ist.

Im Zentrum sitzt der Hauptdarsteller: Athletenverpflichter Markus Ryffel, Haile Gebrselassie und Viktor Röthlin (von links) über den Laufsport.
Im Zentrum sitzt der Hauptdarsteller: Athletenverpflichter Markus Ryffel, Haile Gebrselassie und Viktor Röthlin (von links) über den Laufsport.
Andreas Blatter

Gut gelaunt sind alle, einer jedoch lächelt nahezu permanent. Haile Gebrselassie zöge die Aufmerksamkeit auch ohne klingenden Namen auf sich. Der 40-jährige Äthiopier sitzt zwischen Markus Ryffel und Viktor Röthlin, trägt einen gelb leuchtenden Trainingsanzug, parliert munter mit den Schweizer Journalisten und strahlt Lebensfreude aus. Welch ein Kontrast zu einer herkömmlichen Medienkonferenz im Vorfeld des samstäglichen Grand Prix von Bern – in der Regel muss Athletenverpflichter Ryffel seinen melancholisch bis traurig wirkenden Gästen aus Afrika die Würmer aus der Nase ziehen.

Fortschritt und Faulheit

Ryffels Beziehungen zu Gebrselassies renommiertem Manager Jos Hermens stehen am Ursprung des aussergewöhnlichen Gastspiels; in den Siebzigerjahren begegneten sich der Berner und der Holländer jeweils auf der Tartanbahn. In Gebrselassies besten Marathonzeiten bewegten sich seine Gagen auf dem gleichen Level wie die jetzigen von Usain Bolt; laut gut Informierten ging unter 300'000 Dollar nichts. Heute ist Hermens glücklich, wenn er je nach Renndistanz einen Drittel bis die Hälfte des genannten Betrags erhält. Wobei es sich immer noch um ein verhältnismässig hohes Salär handelt. Ryffels Spitzenathletenbudget umfasst 120'000 Franken, gut die Hälfte hat der Olympiazweite von Los Angeles für den Auftritt der Laufikone aufgewendet.

Ryffel fungiert als Moderator, Gebrselassie antwortet, integriert häufig Röthlin und weicht immer mal wieder vom Thema ab. So führt ihn die Frage über seine Trainingspensen zu den Folgen des Wirtschaftswachstums in seiner Heimat. Luxus sei der grösste Feind des Laufsports, halt er sinngemäss fest. Und: «Der technische Fortschritt liess die Europäer faul werden, nun ist bei uns die gleiche Entwicklung zu beobachten.» Wer sich nun dabei ertappt, im vermögenden Grossunternehmer einen Wein trinkenden Wasserprediger zu sehen, wird sogleich wieder in die andere Richtung schwenken. Als Exempel dienen Gebreselassie die eigenen Kinder, die nie Leistungssport betreiben würden, «weil sie einen Computer haben». Einmal forderte ich sie dazu auf, die drei Kilometer bis zur Schule zu Fuss zurückzulegen. Das hat beinahe einen Aufstand gegeben.» Er selbst sei als Schüler täglich zweimal zehn Kilometer gelaufen – «hin und zurück».

Autokratie und Konkordanz

Gebrselassie versteht sich als Botschafter für seinen Sport – wohl auch, weil er ihm sehr viel zu verdanken hat. Zuweilen wirkt er wie ein Politiker, welcher andere von seinen Ideen zu überzeugen versucht. Nationalrat Matthias Aebischer, beim GP von Bern seit zwei Jahren als OK-Präsident engagiert, hat sich mit dem berühmten Gast unterhalten und dabei ein reges Interesse an der Schweizer Politik registriert. Gebrselassie erzählte dem Berner, dass es auch in Äthiopien zwei Parlamentskammern gebe, die grössere und deutlich wichtigere aus 580 Abgeordneten bestehe. «Laut Haile sind 574 Teil der Regierungspartei, von den restlichen 6 bezeichne sich lediglich einer als Oppositionellen.» In diesem Kontext erstaunt es nicht, dass der Weitgereiste alles über das helvetische Konkordanzsystem wissen will.

Auf der GP-Strecke wird sich Gebrselassie nicht etwa demokratisch, sondern eher autokratisch verhalten. Der Mann, der ausser Olympiagold im Marathon alles gewonnen hat, sagt deutlich, «ich will das Rennen gewinnen». Worauf er sich in bester Entertrainermanier dem verletzungsbedingt nicht antretenden Röthlin zuwendet und diesen fragt, wie er denn seine Chancen beurteile. «Gut», sagt der Obwaldner schmunzelnd, «aber schau, dass du die Jungen vor dem letzten Anstieg abhängst, sonst könnte es für dich eng werden.» Gebrselassie lacht, alle lachen. Den von Röthlin angesprochenen Aargauerstalden wird er später besichtigen.

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