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Der Rekordathlet, der Hitler den Gruss verweigerte

Fünf Medaillen wollen die Schweizer an den Olympischen Spielen mindestens gewinnen. Einer, der im Alleingang achtmal Edelmetall holte, ist Georg Miez. Der Turner ist der erfolgreichste Schweizer in der Olympiageschichte.

Der erfolgreichste Schweizer:?Georg Miez holte an Sommerspielen nicht weniger als 8 Medaillen.
Der erfolgreichste Schweizer:?Georg Miez holte an Sommerspielen nicht weniger als 8 Medaillen.
Wikimedia

Ungesichert baumelt der 19-jährige Turner aus der Schweiz über den Dächern von Paris. Georg Miez stemmt auf dem Geländer der dritten Etage des Eiffelturms eine Stütze. Eine kleine Unachtsamkeit, und der Athlet fiele 276 Meter in die Tiefe. Angst hat Miez keine. Er ist derart von sich selbst überzeugt, dass er es für ausgeschlossen hält, einen fatalen Fehler zu begehen.

Ist es Übermut? Ist es Vorfreude auf diesen Juli 1924 in der französischen Hauptstadt? Miez ist gerade aus dem provinziellen Winterthur Töss mit der Eisenbahn in die Weltmetropole Paris gereist, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Angemeldet hat sich Miez unter dem französischen Vornamen Georges. Das tönt etwas weltmännischer.

Vom Komfort heutiger olympischer Dörfer sind die damaligen Einrichtungen weit entfernt.

Das Geld reicht knapp für ein Billett dritter Klasse; es ist buchstäblich die Holzklasse. In Paris hat sich Miez zusammen mit den anderen Schweizer Spitzenturnern in Baracken einquartiert. Dort müssen die Männer in unbequemen Militärbetten übernachten. Vom Komfort heutiger olympischer Dörfer sind die damaligen Einrichtungen weit entfernt.

Gestärkt durch Ovomaltine

Jahrzehnte später erzählt Miez seinem Enkel die Anekdote vom Eiffelturm. Der Grossvater hat noch weitere Details auf Lager: Ernährt habe er sich während der Sommerspiele in Paris ausschliesslich von Ovomaltine, Zucker und Brot. Das Essen vor Ort habe ihm missfallen.

Miez’ eigenwilliger Ernährungsplan dürfte heute Sportwissenschaftlern die Haare zu Berge stehen lassen. Doch schaden tut Miez das einseitige Essen damals nicht. 1924 feiert er seinen ersten olympischen Erfolg: Er holt mit der Schweizer Turnmannschaft die Bronzemedaille.

Grafik: jon

Sieben weitere Medaillen an den nächsten drei Olympischen Sommerspielen in Amsterdam 1928, Los Angeles 1932 und Berlin 1936 werden folgen. Mit viermal Gold, dreimal Silber und einmal Bronze ist Georg Miez somit der erfolgreichste Schweizer Olympionike in der Geschichte. Zwar schafft es Miez’ Mannschaftskollege Eugen Mack total auch auf acht Medaillen. Mack holt jedoch «nur» zweimal das gelbe Edelmetall.

Die erfolgreichste Schweizer Sportlerin an Olympischen Sommerspielen heisst Christine Stückelberger. Die Dressurreiterin gewann an den Sommerspielen in Montreal 1976, Los Angeles 1984 und Seoul 1988 insgesamt fünf Medaillen: einmal Gold, dreimal Silber und einmal Bronze. Das ergab eine Analyse sämtlicher Medaillengewinner an Olympischen Sommerspielen seit 1896.

Aus Schweizer Sicht habe Georg Miez den Olympischen Spielen seinen Stempel aufgedrückt, sagt Nicolas Hermann. Der heutige Geschichtsstudent hatte sich in seiner Maturarbeit intensiv mit dem Sportler auseinandergesetzt. Dafür hat Hermann nicht nur die Memoiren von Miez aus dem Jahr 1978 gelesen, sondern auch dessen Enkel befragt. «Georg Miez war ehrgeizig und hatte wohl ein übersteigertes Selbstbewusstsein. Doch wenn es darauf ankam, brachte er Bestleistungen», sagt Hermann.

Grafik: jon

Zwei weitere Geschichten zeigen, wie Miez getickt hat. An den Sommerspielen 1932 in Los Angeles wird seine Lieblingsdisziplin, das Bodenturnen, erstmals gewertet. Zwar absolviert Miez seine Übung fehlerfrei. Trotzdem erhält er von den drei Punktrichtern eine um drei Hundertstel tiefere Note als sein ärgster Widersacher, der Ungare Istvàn Pelle. Mit

der Silbermedaille gibt sich Miez nicht zufrieden, steht ihm doch aus seiner Sicht Gold zu. Er wittert Betrug, weil ein ungarischer Punktrichter in der Jury sitzt – und legt Rekurs ein. Als die Einsprache abgelehnt wird, zieht sich Miez entnervt aus dem Wettkampf zurück.

Trainer von Hollywood-Diven

Die Silbermedaille ist ein zu kleiner Ertrag bei grossem finanziellem Aufwand. Für seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Los Angeles, an denen er als einziger Schweizer startet, hat Miez 10'000 Franken aus der eigenen Tasche bezahlt. Das entspricht einem heutigen Wert von knapp 153'000 Franken. Dafür verdingt sich der Zürcher als Animateur in der Filmgesellschaft Century Fox und trainiert Hollywood-Diven wie Greta Garbo und Marlene Dietrich.

Die letzte olympische Goldmedaille gewinnt Miez 1936 in Berlin im Bodenturnen. Es sind die Propagandaspiele der Nazis mit wehenden Hakenkreuzfahnen und Körperkult. Der Deutsche Carl Diem, Generalsekretär des Organisationskomitees, empfiehlt dem Schweizer, an der Siegerehrung den anwesenden Reichskanzler Adolf Hitler mit dem Hitlergruss zu grüssen.

«Sie haben die Ehre der Schweiz gerettet», raunt Hitler bei der Übergabe des Edelmetalls Miez zu. Der Diktator ist verstimmt, weil der Deutsche Konrad Frey im Bodenturnen nur Bronze geholt hat. Miez hebt den rechten Arm nicht. Für den Offizier der Schweizer Armee ist das eine Frage der Ehre.

«Als Hauptmann der Kavallerie verweigerte ich den Hitlergruss.»

Georg Miez 1996 gegenüber dem «Sonntagsblick»

«Als Hauptmann der Kavallerie verweigerte ich den Hitlergruss», sagt Miez 1996 gegenüber dem «Sonntagsblick». Ob bewusst oder unbewusst – der Schweizer setzt so ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus.

Im Rückblick gibt es aber auch eine andere Erklärung für Miez’ Verhalten: «Für Athleten aus nicht-faschistischen Ländern war es in Berlin 1936 unüblich, Hitler an der Siegerehrung zu grüssen», sagt Nicolas Hermann. Miez ist ein Kind seiner Zeit. «In seinen Erinnerungen wird zwar seine tiefe Abneigung gegen die Nazis ersichtlich», sagt Hermann.

Jedoch habe sich Miez auch von der NS-Propaganda blenden lassen und sei durch seine Teilnahme an den Olympischen Spielen Teil derselben geworden. «Er schwärmte von seinen schönen Erlebnissen und der guten Organisation», so Hermann.

Georg Miez stirbt 93-jährig am 21. April 1999 in Savosa. Bereits im Jahr 1929 ist er ins Tessin gezogen. Im zivilen Leben arbeitete er als Turnlehrer, Trainer und Eidgenössischer Kursleiter. Während seines Aufenthalts im Tessin ändert er seinen Namen wieder – in Giorgio.

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