Der Preis für viel Schweiss

Nicole Boss hat im zweiten Anlauf den Box-EM-Titel im Leichtgewicht gewonnen. Finanziell lukrativ ist der Erfolg nicht. «Mein Lohn ist die Genugtuung, dass sich der grosse Aufwand gelohnt hat», sagt die Bernerin.

Nach einem intensiv geführten 10-Runden-Kampf gegen die erst 21-jährige Bulgarin Kremena Petkova holt sich Nicole Boss (rechts) den EM-Titel im Leichtgewicht.

Adrian Ruch

Als der letzte Gong ertönt, reisst Nicole Boss sofort beide Arme in die Höhe. Sie weiss nach zehn überlegen gestalteten Runden gegen die Bulgarin Kremena Petkova, ohne das Urteil der Punktrichter abwarten zu müssen, dass sie am Ziel ihrer Träume angelangt ist. Kurz darauf ist die Profiboxerin aus Wohlen offiziell Europameisterin im Leichtgewicht. Der 34-Jährigen kullern Tränen über die Wangen, als sie den Gürtel des Europäischen Boxverbands in Empfang nimmt.

«Einfach nur: wow», ist das Erste, was Boss nach dem EM-Kampf über die Lippen kommt. Die meisten der über 400 Zuschauer sind begeistert, viele auch gerührt. Kurz darauf gibt die Profiboxerin, von zwölf Scheinwerfern beleuchtet, per Mikrofon eine Liebeserklärung an ihren Gatten Stefan Künzi ab: «Du bist mein Mann, mein bester Freund, mein Mentor – merci vielmal, dass es dich gibt.»

Starke Frauen

Es ist nicht der Schluss eines kitschigen Films made in Hollywood. Schauplatz der ergreifenden Szene ist der eher rustikale Sternensaal in Bümpliz, im Gang ist eine Veranstaltung, die «Boxen nature» bietet, harten, mehrheitlich fairen Sport ohne Showeffekte. «Wir wollen Spass haben und den Berner Giele und Modi die Gelegenheit geben, sich zu präsentieren», erzählt Sascha Müller, der Manager der Box Academy Bern, die den Anlass durchführt. Ein Grossteil der Besucher ist wegen Nicole Boss gekommen. Überhaupt steht das Meeting im Zeichen des vermeintlich schwachen Geschlechts.

Die Hälfte aller Kämpfe bestreiten Damen; jede Einzelne wirkt fit, austrainiert. Und wer Elhem Mekaled zusieht, wird nie mehr behaupten, Frauenboxen sei unästhetisch. Die in Lausanne lebende Algerierin tänzelt durch den Ring wie weiland der junge Muhammad Ali. Die 22-Jährige lässt die Fäuste hängen, weicht Schlägen durch geschmeidige Oberkörperbewegungen aus und platziert ansatzlos Haken und Schwinger. Savas Iskender, Betreuerin der Bernerin Nicole von Känel, sieht sich in der zweiten Runde veranlasst, das Handtuch zu werfen. Zu früh, findet von Känel. «Ich weiss, dass er mich schützen wollte, aber als Boxerin will man immer weitermachen.»

Trotz dem unglücklich verlaufenen Auftritt vor Heimpublikum denkt Nicole von Känel nicht daran, mit Boxen aufzuhören. Sie schwärmt von der Atmosphäre in der Box Academy Bern und vor allem von Nicole Boss: «Sie ist offen, freundlich, hilfsbereit, zielstrebig und sehr professionell – ein echtes Vorbild.» Bewundernswert sei, wie Boss trotz 100-Prozent-Pensum zweimal täglich trainiere. Das betont auch Manager Sascha Müller. Boss habe in den letzten zehn Wochen ein äusserst hartes Trainingsprogramm durchgezogen, «von A bis Z, ohne einmal zu jammern». Finanziell zahlt sich der EM-Titel nicht aus – im Gegenteil: Die Durchführung des Kampfs gegen Petkova hat den Klub über 10000 Franken gekostet.

Die Nummer 5 der Welt

«Mein Lohn ist die Genugtuung, dass sich der grosse Aufwand gelohnt hat», sagt Boss, die in der unabhängigen, per Computerprogramm errechneten Leichtgewichtsrangliste von Boxrec auf Platz 5 vorgerückt ist. Die Bernerin ist nur noch hinter drei Argentinierinnen und Delfine Persoon klassiert. Die Belgierin, der Boss 2011 im ersten EM-Kampf nach Punkten unterlag, ist Weltmeisterin dreier Verbände. Sie behaupte nun nicht, sie sei auf dem Niveau der Nummer 1, sagt Nicole Boss. Sie wolle Schritt für Schritt machen, sich vorerst in den Top Ten behaupten und den EM-Titel verteidigen.

Vorerst gönnt sie sich zwei Wochen Ferien, doch schon am 6.Januar 2014 wird sie das Training wiederaufnehmen. «Ich habe viel Spass im Boxkeller; wir sind ein tolles Team.» Die 34-Jährige glaubt, weitere Fortschritte machen zu können. Und auch Manager Müller hat noch unausgeschöpftes Potenzial geortet. «Wir sind noch nicht am Limit angekommen. Nicole soll jetzt den gewonnenen Gürtel in vollen Zügen geniessen, doch schon bald werden wieder Schweiss und Blut fliessen.»

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