Der Pokal wechselt die Seite

Die «Sportart für Hooligans, gespielt von Gentlemen» gewinnt im Bernbiet an Popularität. Die Clubs aus Bern und neu ebenfalls aus Thun tragen ihren Teil dazu bei – auch mit guten Derbys.

  • loading indicator
Peter Berger@PeterBerger67

Stolz präsentieren die Thuner den Pokal. «Das ist unser Derbypokal», erklärt Lorenz Zellweger. Am 6. Mai hatten die Thuner nach Aussage ihres Präsidenten zum «aller-, allerersten Mal» ein Derby gegen den RC Bern ge­wonnen. Flugs wurde nach dem dramatischen und historischen 18:17-Sieg auf der Berner Allmend ein Pokal angeschafft.

Bei der Derbyrevanche in Thun sind am vergangenen Samstag rund 200 Zuschauer anwesend. Das ist erstaunlich. Die Sportart hat im Oberland innerhalb kurzer Zeit an Popularität gewonnen. «Früher wurde in Thun durchaus Rugby gespielt», weiss Zellweger, selber ehemaliger ­Junioren-Internationaler. Dann verschwand die Sportart.

Bis im Oktober 2015 Andreas Christen, ein Vorstandsmitglied des TV Thun, an Zellweger gelangte. «Er bat mich, den Rugby-Club zu reaktivieren, seine Söhne würden ihm zu Hause den Garten umpflügen», berichtet Zellweger. Christen lacht und bestätigt die Geschichte: «Wir hatten am Fernsehen die Weltmeisterschaft in England mitverfolgt.»

Die WM ist im Rugby das Mass aller Dinge. Die Faszination zeigte auch in Thun Wirkung. Zwei Monate nach Christens Anfrage erschienen sechzig Personen zu einem Probetraining. «Nach mehr als zwanzig Jahren Unterbruch blieb uns keine andere Wahl, als wieder zu starten», sagt Zellweger.

Schulen einbeziehen

Bereits zählen die Thuner achtzig Mitglieder, wovon die Hälfte eine Spiellizenz besitzt. Tendenz steigend. Vor kurzem wurde der Kantonal-Bernische Rugbyverband gegründet. Zellweger präsidiert diesen. «Es geht darum, Aktivitäten zu koordinieren.» So gehen die Thuner vor allem in Mittelschulen, um den Sport vorzustellen. Die Berner sind derweil im Projekt Rugby@School aktiv. Vor einer Woche fand das 9. Schülerturnier statt. «36 Schulklassen, alles 5.- bis 8.-Klässler, haben teilgenommen», weiss Gerhard Bachmann.

Der frühere 38-fache Schweizer Nationalspieler ist eine imposante Erscheinung und verkörpert das typische Bild eines Rugbyspielers. «Rugby braucht die 125-Kilo-Brocken mit dem kurzen Hals. Aber Rugby braucht auch die langen Schnellen oder die kleinen Filigranen.» Dieser Mix in einem Team sei der grosse Unterschied zu anderen Sportarten, betont Bachmann.

Auffallend ist auch die Disziplin. Das Berner Derby wird von einer Frau geleitet. Die Schiedsrichterin steht am Anfang ihrer Karriere. Die Akteure akzeptieren Fehlentscheide und beweisen, dass der Spruch aus England auch in der drittklassigen Liga, NLB Excellence, gültig ist: «Rugby ist ein Spiel für Hooligans, das von Gentlemen gespielt wird; Fussball ist ein Spiel für Gentlemen, gespielt von Hooligans.»

Schneller und attraktiver

Schon nach zwei Minuten blutet ein Berner aus der Nase, wenig später bleibt ein Thuner nach einem Tackling mit einem Brummschädel kurz liegen, bevor auch er wieder weiterspielt. «Rugby ist ein harter Sport», meint Bachmann. Zellweger entgegnet lachend: «Nur für diejenigen Spieler, die müde sind, wird Rugby zu einem Kampfsport.»

Norbert Li-Marchetti kommt hinzu und nickt. Der Franzose ist Präsident des RC Bern, war während zehn Jahren CEO des Schweizerischen Rugbyverbandes und coacht Schiedsrichter. Ihn freuen die steigende Popularität und die Entwicklung in der Schweiz: «Die Spiele sind heute auf jedem Niveau schneller und attraktiver.» Das Berner Derby bestätigt diese Aussage. Erst kurz vor Schluss gelingt den Bernern die Entscheidung und mit dem 22:13 die Revanche. Nun haben sie den Derbypokal.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt