Der neue Star im US-Basketball ist eine 98-jährige Nonne

Sister Jean ist die Mannschafts-Seelsorgerin des College-Teams Loyola Ramblers, welches überraschend Sieg an Sieg reiht.

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Anna Baumgartner@tagesanzeiger

Wenn Schwester Jean am Morgen aufsteht, betet sie als Allererstes. Sie bittet Gott um einen ruhigen Tag. Doch in den vergangenen Wochen wusste sie dabei wohl selbst, dass das ein bisschen schwierig werden könnte.

In den USA ist die Zeit der «March Madness», wie das Saisonfinale der College-Basketball-Meisterschaft heisst. 64 Teams spielen in K.-o.-Runden gegeneinander. Die Runden haben Namen wie «Sweet 16» und «Elite 8» und locken Millionen vor den Fernseher.

Mit dabei sind auch die Loyola Ramblers aus Chicago, die viele mit ihrem Lauf überraschten, in dem sie schon vier besser gesetzte Teams ausschalteten. Der Star des Teams, ja des ganzen Monats, ist aber keiner der Basketballer. Der Star sitzt Spiel für Spiel in einem Rollstuhl am Rand des Feldes. Es ist die 98-jährige Nonne Jean. Sie ist die Mannschafts-Seelsorgerin der Loyola Ramblers und hat die USA im Handumdrehen für sich gewonnen. Die Medienstelle der Ramblers erhält pro Tag 75 Anfragen für Interviews, Schwester Jean selbst bis zu 300 E-Mails.

Die E-Mails beantwortet sie selbst. Das tut sie jeden Morgen, jeweils nach dem Beten. Die meisten der Nachrichten, die sie momentan erhält, enthalten Links zu sogenannten Internet-Memes. Denn die Nutzer der sozialen Medien lieben sie. Und das über die Landesgrenze hinweg. Als sie von einer Reporterin gefragt wurde, wie es denn sei, eine nationale Berühmtheit zu sein, antwortete sie: «Ich muss Sie korrigieren, eine internationaleBerühmtheit.»

Dass der Schal, den sie bei jedem Spiel trägt, aussieht, als käme er direkt aus einem Harry-Potter-Film, half ihrem steilen Aufstieg genauso wie der Tweet, der Barack Obama ihr schrieb.

Schwester Jean ist seit 1994 bei den Ramblers. Bevor sie Nonne wurde, war sie selbst Basketballspielerin. Ihr Spielverständnis bringt sie auch heute noch ein. Donte Ingram, ein Spieler der Ramblers, erzählte der «Chicago Tribune» von ihren Ansprachen: «Ich dachte, sie würde vor dem Spiel einfach ein Gebet sprechen, aber dann begann sie Dinge zu sagen wie: ‹Ihr müsst besser sein als die anderen, achtet auf ihre Nummer 23 …›»

Ihre Spielanalysen schickt sie dem Team nach den Partien per E-Mail. Doch eines musste sie zugeben. An einen so erfolgreichen März von Loyola hat selbst sie nicht geglaubt. Im K.-o.-Baum, den sie zu Beginn des Monats ausgefüllt hatte, schieden ihre Ramblers im Achtelfinal aus. Nun stehen sie am kommenden Wochenende im Finalturnier, den Final Four. Schwester Jean muss darum wohl noch ein wenig warten, bis ihre Tage wieder ruhiger werden.

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