Der goldene Herbst des Claudio Capelli

Claudio Capelli ist der älteste Athlet im Nationalkader. Er habe vor drei Jahren nicht gedacht, dass das Team einmal so stark sein werde, sagt der 28-jährige Seeländer nach dem erfolgreichen WM-Auftritt.

Claudio Capelli verspürte nach seinem WM-Auftritt grosse Freude.

Claudio Capelli verspürte nach seinem WM-Auftritt grosse Freude.

(Bild: Keystone)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Eine Stunde war Claudio Capelli zu Hause in Biel, dann ging er bereits wieder ins Training. «Ein bisschen die Muskeln auflockern, das musste sein», meint der Kunstturner. 23 Stunden war die Schweizer Delegation zuvor mit dem Car unterwegs gewesen, weil sie die Heimreise aus Glasgow wegen Nebel nicht hatte mit dem Flugzeug antreten können.

Plötzlich starke Nerven

So blieb den Schweizern wenigstens etwas mehr Zeit, die letzten Tage Revue passieren zu lassen. An der WM in der schottischen Metropole hatten sie für die grosse Überraschung gesorgt. Die Männer erreichten im Teamfinal den 6. Platz – geschlagen wurden sie nur von den grossen Turnnationen Japan, Grossbritannien, China, Russland und USA. Damit qualifizierte sich erstmals seit 1992 wieder ein Schweizer Männerteam für die Olympischen Spiele.

«Das ist krass», antwortet Capelli, angesprochen auf diese Leistung. Seit 2004 gehört er dem Nationalkader an, nie hat er einen vergleichbaren Erfolg erlebt. Hatten den Schweizern in der Vergangenheit an Grossanlässen die Nerven oft einen Streich gespielt, bewiesen sie nun diesbezüglich Stärke.

«Am wichtigsten Wettkampf waren wir bereit. Ehrlich gesagt habe ich vor drei Jahren nicht gedacht, dass wir mit dem Team einmal so stark sein werden», hält der in Lätti aufgewachsene Capelli fest.

Diese Aussage erstaunt kaum, erlebte der Seeländer im Nationalkader doch andere, weitaus schwierigere Zeiten. 2011 erreichten die Männer an der WM in Tokio mit der Mannschaft den schwachen 17. Platz. Seither wurden die Strukturen professionalisiert, so steht den Athleten beispielsweise nun sportpsychologische Betreuung zur Verfügung.

Das schlechte Abschneiden in Tokio hatte auch den mehr oder weniger freiwilligen Rücktritt einiger Athleten zur Folge. Doch Capelli blieb.

Heute ist er mit bald 29 Jahren der Teamsenior. Doch sei der grosse Altersunterschied innerhalb der Equipe kein Problem betont Capelli und erwähnt den tollen Zusammenhalt. «Aber ich wurde noch nie so gefordert wie jetzt. Ich habe rasch gemerkt, dass es kein Selbstläufer wird, in diese Mannschaft zu kommen.»

Mehrkampf als Chance

Capelli ist ein Mehrkämpfer, an der WM jedoch musste er darauf verzichten. Eine Entzündung der Bizepssehne hinderte ihn am Auftritt an allen sechs Geräten, nicht zum ersten Mal in seiner Karriere kämpft er mit Schulterproblemen.

Doch für Capelli ist klar, dass er im nächsten Jahr – seinem letzten als Spitzensportler – nochmals voll auf den Mehrkampf setzen will. «Turne ich an so vielen Geräten wie möglich, ist es einfacher, ins Team zu kommen.»

Bekanntlich stehen mit der EM in Bern und den Olympischen Spielen in Rio zwei Highlights bevor – kein schlechtes Programm dafür, seine Karriere zu beenden.

Berner Zeitung

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