Der Effekt der Medaille

Vor dreizehn Monaten gewann Heidi Diethelm Gerber Olympiabronze. Diese Medaille hat im Schweizer Schiesssport einiges bewirkt.

Bronze vergoldet: Heidi Diethelm Gerber strahlt mit ihrer Medaille.

Bronze vergoldet: Heidi Diethelm Gerber strahlt mit ihrer Medaille. Bild: Keystone

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Rio de Janeiro, 9. August 2016, kurz vor 16 Uhr. Ein grösseres Schaufenster gibt es für Schüt­­zen und ihren Sport nicht. 7250 Zuschauer verfolgen den Fi­nal des 25-Meter-Pistole-Wettkampfs im Olympischen Schiesszentrum in Deodoro und erleben Schweizer Sportgeschichte, als sich Heidi Diethelm Gerber im Kampf um Rang 3 gegen die Weltnummer 1 Jingjing Zhang durchsetzt.

Das Schweizer Fernsehen verzeichnet ausgezeichnete Einschaltquoten. In den Schweizer Stuben fiebern während des nervenaufreibenden Wettkampfs bis zu 140'000 Leute vor dem Fernseher mit und freuen sich schliesslich über die erste Schützenmedaille seit 16 Jahren, die erste überhaupt einer Frau.

Szenenwechsel. Heidi Diethelm Gerber steht am letzten Montag in der Schiessanlage in Thun. Bei der Schweizer Meisterschaft sind viele Augen auf sie ­gerichtet – freilich ein Vielfaches weniger als vor dreizehn Monaten in Brasilien. Diesmal ist sie nicht die eher unbekannte Schweizerin, sondern die haushohe Titelfavoritin, das Aushängeschild, dem die Konkurrentinnen nur zu gerne ein Schnippchen schlagen würden.

«Es war eine spezielle Herausforderung», sagt die 48-Jährige, doch sie meistert sie, egalisiert im Final gar ihren eigenen Schweizer Rekord und holt souverän den Sieg. Zu den Gratulanten vor Ort gehören Freunde, Verwandte, Schützenkolleginnen und -kollegen. Ausserhalb der Szene bleibt der Erfolg weitgehend unbeachtet.

«Heidi verkörpert uns alle»

Der Bronzecoup der Thurgauerin, die im Alter von 33 Jahren erstmals eine Sportpistole in der Hand hielt, hat nicht dazu geführt, dass auch bei nationalen Wettkämpfen 7250 Zuschauer mitfiebern, und eine Liveübertragung sucht man im Programm des Schweizer Fernsehens ebenfalls vergebens. Wobei, das hätte in der Szene auch niemand erwartet.

«Wir betreiben immer noch eine Randsportart, und ­daran wird sich auch nichts ­ändern», sagt Daniel Burger, Leiter Spitzensport beim Verband sowie Nationaltrainer Gewehr, «aber», und dieses Aber ist ihm besonders wichtig, «Schiessen wird in der Bevölkerung nun vermehrt als Sport wahrgenommen und anerkannt.»

Simon Beyeler hat ähnliche Beobachtungen gemacht. Er werde zudem immer wieder auf Diethelm Gerbers Medaille angesprochen, erzählt der zweimalige Olympiateilnehmer aus Schwarzenburg. «Heidi ist in den Köpfen erstaunlich vie­ler Leute verankert.» Wegen ihrer ungewöhnlichen Geschichte wurde Diethelm Gerber populär, auch heute ist ihr Terminkalender ziemlich ausgelastet.

Als sie vor kurzem das Unspunnenfest in Interlaken besuchte, rannten ihr die Kinder nach, um ein Autogramm zu ergattern. Für Daniel Burger ist klar, worauf diese anhaltende Popularität zurückzuführen ist. «Heidi verkörpert uns alle, sie zeigt, dass man nicht bereits im Juniorenalter zu den Besten gehören muss, um im Schiesssport erfolgreich zu sein, sondern dass man mit Wille und Ausdauer ans Ziel kommen kann, solange man geduldig bleibt.»

Erfolg als Momentaufnahme

Das Interesse, Schiessen auszuprobieren, sei gestiegen und mehr Junge würden nun einen Jungschützenkurs besuchen, sagt Diethelm Gerber. Die Ostschweizerin bleibt jedoch skeptisch: «Wie nachhaltig dies sein wird, lässt sich heute schwer abschätzen.» Zumal ein Interessensanstieg unweigerlich auch mit Erfolg gekoppelt sei.

Bleiben die guten Resultate aus, flacht das Interesse meist rapide ab. Erfolge im Weltcup, an Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Spielen – auch von anderen Kaderathleten wie Jan Lochbihler, Petra Lustenberger und Nina Christen, die sich in Rio ein Diplom holte – haben jedoch nicht nur die öffentliche Wahrnehmung verändert, sondern sie zahlen sich auch finanziell aus: Der Schweizerische Schützenverband kletterte im Förderprogramm von Swiss Olympic nämlich wieder auf die höchste Stufe, was das Budget um circa 20 Prozent erhöht.

«Elementar wichtig» sei das, sagt Burger, denn beim Verband wolle man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern investieren, den Athletinnen und Athleten bestmögliche Trainingsbedingungen bieten, um die Schweiz nachhaltig in der Weltspitze zu etablieren.

Ein Schritt in diese Richtung wurde bereits im letzten Oktober gemacht – mit der Eröffnung des nationalen Leistungszentrums in Magglingen, das vier Kaderathleten ermöglicht, sich als Zeitsol­daten vollumfänglich auf ihren Sport zu konzentrieren. «Erfolg ist eine Momentaufnahme, aber man muss immer nachliefern», sagt Burger. Spätestens in drei Jahren soll schliesslich in den Schweizer Stuben wieder mitgefiebert und gejubelt werden, wenn in Tokio am nächsten Kapitel Sportgeschichte geschrieben werden könnte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 11:46 Uhr

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