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Das Tor nach London steht weit offen

Einem glücklichen Zufall hat es Yvonne Leuthold zu verdanken, dass sie bei den Olympischen Spielen 2012 in London im Scheinwerferlicht stehen könnte.

Eine «Engländerin» in Deutschland: Die Wattenwilerin Yvonne Leuthold posiert vor einem Wahrzeichen Bietigheim-Bissingens, das den Bremer Stadtmusikanten ähnelt.
Eine «Engländerin» in Deutschland: Die Wattenwilerin Yvonne Leuthold posiert vor einem Wahrzeichen Bietigheim-Bissingens, das den Bremer Stadtmusikanten ähnelt.
Jens Christ

Sie gehört zwar zu den besten Handballerinnen des Landes, die helvetische Auswahl geniesst im internationalen Vergleich aber kaum Kredit und verpasst in der Regel Grossanlässe. Zu Hilfe kommt ein britischer Pass; die Grosseltern der in Wattenwil aufgewachsenen Sportlerin lebten vor Jahren kurz in Wales. Damals wurde Leutholds Vater geboren, und wer auf der Insel das Licht der Welt erblickt, darf für sich und seine Nachkommen den britischen Pass beantragen – was Vater Leuthold wohlweislich getan hat.

Vor einem halben Jahr hat Leuthold ihre sieben Sachen gepackt: Sie kehrte ihrem Klub Rotweiss Thun und dem Schweizer Nationalteam den Rücken zu. In Bietigheim-Bissingen gelandet – einer 45'000-Seelen-Stadt unweit von Stuttgart gelegen –, spielt sie in der 2. Bundesliga und vertritt das britische Königreich, welches bei den Spielen 2012 als Gastgeber gesetzt ist. Der Olympiatraum dient als Anreiz für eine Luftveränderung.

Yvonne Leuthold lebt ihren Traum. Die 29-Jährige will auch im «handballerischen Grossmutteralter» noch einmal Fortschritte erzielen. Die Opfer, welche sie dafür bringen muss, sind gross. Die Anwältin hat ihre Stelle als Kammerschreiberin am Berner Wirtschaftsstrafgericht gekündigt, ihren Lebenspartner und die Familie zurückgelassen. Sport sei für sie eine Art Lebensschule. «Der Verzicht formt den Charakter», sagt die Linkshänderin, welche sich bis zu den Olympischen Spielen im Ausland beweisen will.

In Bietigheim hat sich Leuthold gut eingelebt, mit Sabrina Marty, der zweiten Schweizerin im Verein, bewohnt sie ein kleines, umfunktioniertes Bürogebäude. «Zunächst war es abenteuerlich. Wir lebten sechs Wochen ohne Küche und Duschwand», erzählt sie schmunzelnd. Der Klub zahlt ihr die Miete und stellt ihr ein Auto zur Verfügung, bei einem Sponsor arbeitet sie zu 80 Prozent in der Buchhaltung. Für die Juristin nicht unbedingt ein Traumjob. Einige Male habe sie sich die Sinnfrage gestellt. «Letztlich bin ich aber nur wegen des Handballs hier.»

In der letzten Saison ist die Spielgemeinschaft Bietigheim-Bissingen-Metterzimmern in die 2.Bundesliga aufgestiegen, das Team hat den Schwung mitgenommen und figuriert auf Rang 3. Zu Gast ist das Team aus Weibern, 20 Minuten vor Anpfiff ist die Halle mit rund 600 Plätzen gut gefüllt. Zum Vergleich: In der NLA der Frauen hat es selten über 100 Zuschauer. Leuthold zeigt sich kämpferisch und mannschaftsdienlich, zum Torschuss gelangt sie indes selten. «Ich bin hier nur eine von vielen. Die Deutschen sind mir punkto Selbstbewusstsein weit voraus. Sie scheuen sich nicht, ein sechstes Mal aufs Tor zu schiessen, auch wenn zuvor fünf Versuche das Ziel verfehlt haben.»

Mit Trainer Hagen Gunzenhauser habe sie seit ihrer Ankunft noch kein längeres Gespräch geführt. «Ich muss mich mit Leistung, nicht mit Worten aufdrängen.» Der Teamchef zeigt sich mit seinem «Import» zufrieden. «Eine Spielerin wie Yvonne habe ich noch nie getroffen. In den Trainings zerreisst sie sich, nach den Einheiten gibt es auf ihrem Trikot keinen trockenen Flecken mehr.» Die Partie gegen Weibern endet 30:31 – erstmals seit 1010 Tagen verliert die SG BBM ein Heimspiel.

Als Sportlerin spüre man in Deutschland Respekt und Anerkennung, sagt Yvonne Leuthold. «In der Schweiz werden Handballerinnen oft belächelt. Gehe ich in Bietigheim in den Kraftraum, kommt es vor, dass mir jemand auf die Schulter klopft und gratuliert.» Als Fahnenflüchtige sieht sie sich nicht. Sie fühle sich mit der Schweiz und den Kolleginnen im Nationalteam verbunden, «die Olympiachance konnte ich mir aber nicht entgehen lassen». In dieser Woche weilt Yvonne Leuthold in London, zu Inspirationszwecken steht ein Besuch des sich im Bau befindenden Olympic Park an. «Der Gedanke an die Eröffnungsfeier verursacht bei mir bereits jetzt Gänsehaut.» Statt zu «Trittst im Morgenrot daher» wird sie in London jedoch zu den Klängen von «God Save the Queen» einmarschieren. «Kein Problem, ich kann die britische Hymne auswendig singen.

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