Das Rätsel an der Wand

Zum 3. Mal fällt in Meiringen der Startschuss des Sportkletterweltcups. Über 200 Athleten messen sich an der Boulderwand. Doch was ist das eigentlich?

Unter Beobachtung: Nationaltrainer Kevin Hemund schaut Petra Klingler zu.

Unter Beobachtung: Nationaltrainer Kevin Hemund schaut Petra Klingler zu.

(Bild: SAC/Davidschweizer.ch)

«Boulder» heisst Felsbrocken. Davon leitet sich auch der Begriff Bouldern ab, der das Beklettern eines solchen Felsbrockens beschreibt. Doch längst ist Bouldern, neben dem Lead und dem Speed, eine Disziplin des Sportkletterns geworden. Dabei wird an der Kletterwand ohne Seil in Absprunghöhe geklettert, wie das auch draussen auf einem Fels­brocken der Fall wäre.

Komprimiert und komplex

Die Kletterrouten, die Boulderprobleme heissen, sind relativ kurz, dafür umso kniffliger. Das Ziel ist, in möglichst wenigen Versuchen zum letzten Griff, dem Top-Griff, zu gelangen und diesen mit beiden Händen stabil zu halten.

Zwischen Start und Top gibt es einen gekennzeichneten Zwischengriff, die Zone, mit deren Erreichen schon gepunktet wird. In ­jeder Runde, der Qualifikation, dem Halbfinal mit den besten 20 und dem Final mit den besten 6, gibt es eine gewisse Anzahl Boulderprobleme zu klettern, für jedes einzelne Problem steht den Kletternden eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Gewertet werden zuerst die Anzahl erreichter Tops, dann die erreichten Zonen und schliesslich die Anzahl der dafür benötigten Versuche.

«Bouldern ist vergleichbar mit dem Lösen eines Rätsels», sagt Kevin Hemund, der zusammen mit Pirmin Scheuber das Nationalteam der Schweiz betreut. Während beim Lead die Schwierigkeit in der Aneinanderreihung der verschiedenen Kletterzüge liegt, ist das Boulderproblem komprimiert und dadurch komplexer. So kommt es vor, dass die Kletternden gar nicht richtig aus der Startposition kommen, weil schon diese derart vertrackt ist.

Mehrere Berner Vertreter

Und einfacher werden die Auf­gaben nicht: «In den letzten Jahren sind vermehrt koordinative Herausforderungen dazugekommen, beispielsweise komplexe Sprünge oder gleichzeitige Hand- und Fussbewegungen», sagt der 33-jährige Hemund, der in Meiringen nicht als Trainer, sondern als Organisator im Einsatz steht.

Hemund kommt aus Kappelen, lebt in Bern und war selber Sportkletterer. Heute ist er nicht nur Nationaltrainer und Nachwuchsverantwortlicher von SAC Swiss Climbing, sondern auch Trainer von Petra Klingler – von Hemund betreut wurde sie 2016 Boulder-Weltmeisterin.

Die 26-jährige Zürcherin wohnt in Bern und studiert an der Universität Sportwissenschaften. Auch in Meiringen ist sie die grosse Schweizer Hoffnung. Für die anderen 14 Schweizer wäre bereits der Vorstoss in den Halbfinal ein Erfolg.

Eher auf Lead spezialisiert ist die Bielerin Anne-Sophie Koller, die sich dennoch im März am Swiss Climbing Cup im Bouldern auf dem 2. Platz vor Klingler klassierte. Koller ist nicht die einzige Berner Vertreterin in Meiringen. Dimitri Vogt (21) aus Worben, Kevin Heiniger (24) aus Schwarzenbach und Benjamin Blaser (27), Mitglied der SAC-Sektion Oberhasli, aus Ried bei Kerzers treten ebenfalls am Heimweltcup an. Ihnen traut Hemund eine Top-30-Klassierung oder den Halb­final zu.

Das gilt auch für den Erlacher Franz Krakenberger, der sich als Einziger über den Selektionswettkampf qualifiziert hat und nicht dem Nationalteam angehört. Debütieren im Weltcup wird Zoé Egli aus Hünibach. Die 16-Jährige wird in einem speziellen Zusatzkader für Nachwuchsathleten mit grossem Potenzial an die Elite herangeführt. Für sie geht es darum, Erfahrungen zu sammeln.

Olympic Combined

Aus der Region Bern gehören Koller und Vogt ebenso wie der derzeit verletzte Burgdorfer Sascha Lehmann dem Olympiapool an, einer Auswahl innerhalb des Nationalteams, die im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 gefördert wird.

Denn Sportklettern wird in Tokio erstmals als olympischer Wettkampf ausgetragen. Dafür wurde auch das neue Wettkampfformat Olympic Combined entwickelt, das die drei Disziplinen kombiniert: Ein Speed-, ein Boulder- und ein Lead-Wettkampf werden ausgetragen. Die drei erreichten Ränge werden multipliziert, die je sechs Männer und Frauen mit den wenigsten Punkten kommen in den Final. «Es war klar, dass nur ein Medaillensatz für die Frauen und einer für die Männer vergeben würde, deshalb ist die Kombination für mich gut nachvollziehbar.

Wenn nur Bouldern olympisch geworden wäre, hätten die anderen Disziplinen gelitten», sagt Hemund. Gerade die Integration der Speed-Disziplin sorgte teils für Stirnrunzeln. «Viele haben sich dagegen gesträubt, doch es ist nun so.»

Für das Schweizer Kletter-Aushängeschild Klingler sieht Hemund die Kombination als Chance: «Sie war schon immer eine Allrounderin. Weder sie noch ich sind unglücklich über diese olympische Kombination. Sie hat sehr gute Chancen, sich einen Startplatz für Tokio zu erklettern, und einmal dort, ist vieles möglich.»

Berner Zeitung

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