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Stucki: «Du, Knick ir Fichte?»

Am Tag nach seinem Unspunnen-Sieg erzählt der 32-jährige Seeländer, wie sein Sohn während des Schlussgangs mitgelitten hat. Und er verrät, was ein ­einziges Gespräch im Frühling bei ihm ausgelöst hat.

Klares Dementi: Unspunnen-Sieger Christian Stucki sagt, es habe vor dem Schlussgang gegen Curdin Orlik keine Absprachen gegeben. «Da geht es auch um Stolz, um Ehre.»
Klares Dementi: Unspunnen-Sieger Christian Stucki sagt, es habe vor dem Schlussgang gegen Curdin Orlik keine Absprachen gegeben. «Da geht es auch um Stolz, um Ehre.»
Beat Mathys
Christian Stucki mit...
Christian Stucki mit...
Andreas Blatter
Christian Stucki und Florian Gnägi singen die Nationalhymne mit.
Christian Stucki und Florian Gnägi singen die Nationalhymne mit.
Andreas Blatter/Berner Zeitung
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Hätte der Schlussgang 62 Sekunden länger gedauert...Christian Stucki:...dann wäre er gestellt gewesen...

...und es wäre jetzt... ...bei mir weniger los – und bei den Bernern Trauerstimmung.

Sie kannten die Ausgangslage: Bei einem Gestellten geht der Unspunnensieg zu Joel Wicki in die Innerschweiz. Wir wussten: Im Schlussgang muss etwas gehen. Es dauerte etwas länger. Ich bin glücklich, lief es zu meinen Gunsten.

Ganz ehrlich: War ein Gestellter bei dieser Ausgangslage wirklich vorstellbar? Auf jeden Fall! Es wird gemunkelt, der Schlussgang sei eine abgemachte Sache gewesen. Das kann ich an dieser Stelle stark dementieren. Ich habe mit Orlik vor dem Gang kein Wort gewechselt – auch nicht mit Pesche (Schmutz, der technische Leiter; die Red.) oder einem anderen Betreuer. Es geht um den Schlussgang an einem der drei wichtigsten Anlässe, die ein Schwinger gewinnen kann. Hätte mir Pesche gesagt: «Gibt es nach 15 Minuten keinen Sieger, dann gehst du runter», hätte ich ihm geantwortet: «Du, Knick ir Fichte?» Da geht es auch um Stolz, um Ehre.

Aber es gab die Vorgabe, wonach beide Berner Schwinger zwei Minuten vor Ablauf der Zeit «all in» gehen sollen. Natürlich war es das Ziel, einen Berner Sieger zu haben. Der Schlussgang war kräftezehrend, gegen Ende hatten wir beide kaum noch Energie. Als Curdin auf dem Rücken lag, konnte auch ich nicht mehr – «flattu», weg und tschüss. Und dann darfst du nicht einmal 30 Sekunden am Boden liegen, sondern musst sofort aufstehen (lacht).

Christian Stucki stellte sich am Sonntag kurz nach seinem Unspunnen-Sieg den Fragen der Medien. Video: sda

Wie ging der Sonntag für Sie nach dem offiziellen Teil mit der Pressekonferenz weiter? Gemütlich, sehr gemütlich. In der Aula beim Sekundarschulhaus war ich mit den engsten Freunden zusammen. Es gab zu essen, dazu zwei, drei Fläschli Weisswein. Ich konnte herunterfahren, bis der grösste Rummel vorbei war. Danach gingen wir kurz aufs Festgelände, aber nicht ins Getümmel. Ich war müde und froh, nach Hause zu gehen. Dort habe ich kurz die Wäsche gemacht und...

Sie? Das mache ich eigentlich nach ­jedem Fest. (Ehefrau Cécile hört mit und sagt: «Also: Er hat die Maschine gestartet, das wars.») Und den Tumbler auch! Um halb eins hiess es dann: liegen lang. Und am nächsten Morgen brachte ich Xavier in den Kindergarten.

Wie ist das, wenn der Unspunnen-Sieger am Tag danach den Sohn in den Kindergarten bringt? Mütter und Väter sowie einige Kinder haben mir gratuliert. So war es auch in der Bäckerei. Das ist schon schön.

Wissen Ihre Kinder eigentlich, dass Sie berühmt sind? Der Kleinere (Elia, 2 Jahre alt) noch nicht. Aber Xavier (4) nimmt das sicher wahr. Er fiebert auch stark mit. Seit er 3 Monate alt ist, ist er praktisch an jedem Schwingfest. Aber ans Unspunnenfest wollte Xavier nicht. Und den Schlussgang konnte er am TV nicht live ansehen. Er war zu nervös und ging aufs Zimmer.

War das bei Ihnen früher ähnlich? Ich weiss nicht mehr, ob ich damals nervös war, wenn mein Vater als Schwinger im Einsatz stand. Aber ich hatte früher auch lange blonde Locken. Da hiess es ab und zu: «Jööh, das härzige Meitschi!» Nun habe ich auch bei Xavier und Elia schon gehört: «Dasch de es härzigs Meitschi.»

«Ich renne doch keine 10 Kilometer! Joggen ist nichts für mich.»

Christian Stucki

Sie haben früh mit Schwingen angefangen. Der frühere Spitzenschwinger Niklaus Gasser sagt, kaum einer habe so ein gutes Gefühl für den Zweikampf wie Sie. Hat Sie dieses «Gspüri» schon immer ausgezeichnet? Du kannst das nicht trainieren. Das hast du, oder du hast es nicht. Zu Beginn meiner Karriere war ich eher die rohe Gewalt (lacht). Ich beherrschte nur einen Schwung; die Jungschwinger hatten Angst vor mir. Ich war anderthalb bis zwei «Gringe» grösser. Einmal musste ich an einem Jungschwingertag meinen Ausweis zeigen, weil alle dachten, ich sei älter.

Ihre imposante Grösse ist bekannt, Ihre koordinativen Fähigkeiten werden häufig unterschätzt. Aber wie steht es um ­Ihre Ausdauer? Würden Sie 10 Kilometer rennen, wäre das... ...was soll das für eine Frage werden? Ich renne doch keine 10 Kilometer! Joggen ist nichts für mich.

Sie trainieren keine Ausdauer? Ab und zu gehe ich Velo fahren. Aber der grösste Teil meines Trainings beinhaltet Kraftausdauer.

Stucki Chrigu ist nicht nur Unspunnen-Sieger, sondern auch Sieger der Herzen, wie unsere Umfrage zeigt. Video: Florine Schönmann

Im Schlussgang am Sonntag... ...kam die Ausdauer an ihre Grenzen. Das Programm war happig: ­7-Minuten-Gänge, später 8-Minuten-Gänge. Mit jeder Sekunde mehr im Sägemehl spürst du die Anstrengung. Du schnaufst wie ein Walross, die Pumpe geht «wine More», du kriegst Sägemehl in den Mund, bist seit 14 Stunden auf den Beinen. Das hängt an.

Trotzdem ging es für die Berner auf. Ist diese Dominanz auf die individuelle Stärke zurückzuführen oder auf den Teamgeist? Am Sonntag ging der vierte Gang ins Höschen: Sempach, Kämpf und Wenger verloren. Ich wusste: Nun bin ich auf mich gestellt, Unterstützung gibts keine. Aber grundsätzlich ist das Team für uns Berner eminent wichtig. In Interlaken gings nicht nur um Unspunnen, sondern auch bereits darum, im Hinblick auf das nächste «Eidgenössische» zusammenzuwachsen.

Sie haben sich im hohen Schwingeralter dazu entschieden, neue Wege zu gehen, mit Tommy Herzog einen Mentaltrainer zu engagieren. Weshalb? Die zwei ersten Schwingfeste in diesem Jahr liefen nicht wie gewünscht. Ich entschied, etwas zu ändern, erinnerte mich an Tommys Worte. Er hatte gesagt, er dränge sich nicht auf, ich dürfe mich bei Bedarf melden. Ich dachte mir: Bringts nichts, schadet es nichts. Es gab ein Gespräch, er zeigte mir gedanklich ein paar Dinge auf. Wir sprachen über die Einstellung. Danach ging ich ans «Seeländische», und es hängte an.

Wie muss man sich diese ­Zusammenarbeit vorstellen? Wir machen nichts Wahnsinniges. Es ist nicht so, dass ich aufs Sofa liegen und die Augen schliessen müsste (lacht). Wir sprechen viel – Tommy sagt geradeheraus, was er denkt. Als Typ passt er hervorragend zu mir. Bei ihm frage ich mich nie: «Was für einen ‹Hafechäs› erzählt der mir eigentlich?»

Ist es Herzogs Aufgabe, das letzte Quäntchen Ehrgeiz aus Ihnen ­herauszuholen? Manchmal sicher. Es geht darum, den Glauben in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Ich gehe nicht umsonst vier-, fünfmal pro Woche ins Training, drücke Schweiss und Blut aus mir heraus. Das sollte doch schon zu etwas führen. Tommy kann mir gut vor Augen führen, was alles möglich ist.

Inder und Kuwaiter am Unspunnen-Schwinget: Besucher aus Nah und Fern feierten am Sonntag zusammen. Video: Florine Schönmann

Wäre trotz 40 Festsiegen mehr möglich gewesen? Ist man im Nachhinein nicht immer schlauer? Hätte die Zusammenarbeit mit Herzog früher begonnen, wäre ich jetzt vielleicht noch erfolgreicher. Ich entschied mich erst mit 32 dafür – aber immerhin habe ich jetzt einen Karrierehöhepunkt erledigt (lacht). Nun warten wir auf den nächsten.

Gab es die Befürchtung, dass Sie in dieser Saison womöglich zu früh in Topform waren? Jein. Während der Saison stellte ich vieles um. Das zahlte sich sofort aus, dann kam ich ins Fliegen. Irgendwann war ich erschöpft, nicht unbedingt körperlich, aber im Kopf. In Interlaken war ich nicht weniger fit als im Juli auf dem Weissenstein. Was den Formaufbau betrifft, war es wohl noch gerade so eine Punktlandung.

Vor 12 Jahren hatten Sie den ­Unspunnen-Schwinget wegen einer schweren Infektion im ­linken Bein verpasst. Waren die Gedanken an diese schlimme Zeit am Sonntag präsent? Nein. Klar, diese Geschichte gehört zu meinem Leben, es ist keine wirklich gute Geschichte. Ich lag damals lange im Spital, hatte sogar Angst, mein Bein zu verlieren. Aber solche Erinnerungen versuche ich immer in den Hintergrund zu rücken.

Werden Sie 2023 Ihren ­Unspunnen-Titel verteidigen? Uff, wahrscheinlich nicht. Bis zum «Eidgenössischen» 2019 in Zug mache ich sicher weiter. Danach werde ich von Jahr zu Jahr schauen. Irgendwann muss auch ich sagen: Schön ists gewesen, nun ist es gut. Meine Frau wird mir schon sagen, wenn es genug ist.

Aufgrund leistungsbezogener Sponsoringverträge zahlt sich der Sieg in Interlaken auch finanziell aus. Hand aufs Herz: Sie könnten vom Schwingsport leben. Diese Frage höre ich oft, aber eigentlich muss ich darauf nicht antworten (überlegt). Ich arbeite gerne; wäre ich Profisportler, würde mir nach zwei Monaten die Decke auf den Kopf fallen, spätestens dann wäre mir langweilig. Zehn Trainingseinheiten pro Woche? Das wäre nichts für Stucki Chrigu.

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