«Da dachte ich: ‹Läck, bin ich ein Tubeli›»

Schwingerkönig Matthias Sempach und Sieger des Kilchberger Schwinget spricht über den riskanten Plan im Schlussgang, schwierig nachvollziehbare Entscheide des Kampfgerichts und die bevorstehende Geburt seines ersten Kindes.

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Philipp Rindlisbacher

Am Morgen nach dem Gewinn des Königstitels wollten wir wissen, an was Sie nach dem Aufwachen als Erstes gedacht haben. Dass ein paar zusätzliche Stunden Schlaf nett gewesen wären, antworteten Sie. Was lässt sich über die Nacht nach dem Kilchberg-Coup sagen?Matthias Sempach: Ich habe sehr gut geschlafen, etwa 7 Stunden – erwacht bin ich später als geplant.

Lassen sich die Gefühle vergleichen? Bevor ich Schwingerkönig wurde, war ich sicher gewesen, dass ich im Falle des Titelgewinns ausflippen würde. In Burgdorf blieb ich aber ruhig. Es mag verrückt klingen, doch am Sonntag war die Freude grösser, ich konnte mehr Emotionen zeigen. Vielleicht war ich aufgewühlter, weil ich wegen meiner Erkältung nicht richtig an den Sieg geglaubt hatte.

3 Stunden nach dem Schlussgang wirkten Sie bereits wieder nüchtern, abgeklärt. Unmittelbar nach dem Kampf nahmen mich viele Leute in Beschlag. Ich hatte keine freie Minute, musste mich fürs «Sportpanorama» herausputzen, zur Rangverkündigung, zur Dopingprobe, an eine Medienkonferenz gehen. Es ist schade, hatte es so lange gedauert, bis ich mit meinen Liebsten sprechen konnte. Die ersten, intensiven Emotionen hätte ich gerne geteilt.

Viele meinen, es sei schwieriger, in Kilchberg zu siegen, als Schwingerkönig zu werden... ...egal, welches Fest man bestreitet, letztlich entscheiden die Tagesform und das Wettkampfglück. Ich halte sowieso nichts von Theorien oder ungeschriebenen Gesetzen. Ein paar Leute sind auch der Ansicht, ich würde stärker schwingen, weil ich bald Vater werde. Das ist Humbug.

Sie brauchten sieben Sekunden, um Philipp Laimbacher im Schlussgang zu bodigen. War ihre offensive Ausrichtung nicht etwas verwegen? (überlegt) Der Plan war schon riskant. Aber ich fühlte mich gut, wusste, dass zu Beginn der Kraftspeicher noch voll ist. Ich wollte ihn überraschen, er rechnete denn auch nicht mit einer derart frühen Attacke. Klar, es hätte ins Auge gehen können. Als ich danach die TV-Bilder sah, da dachte ich: «Läck, bin ich ein Tubeli.»

Noch im Sägemehl unterhielten Sie sich lange mit Laimbacher. Was sagten Sie ihm? Nichts Spezielles, wir gratulierten uns zu den guten Leistungen. Wir sind ja Kollegen – deshalb war ich etwas enttäuscht, hatte ich nach dem Gang kein Müntschi bekommen. (lacht)

Womöglich hätte Sie Matthias Siegenthaler im Schlussgang herausgefordert, wäre er im Duell mit Christian Schuler nicht betrogen und um den Sieg gebracht worden. Wie beurteilen Sie den Fehlentscheid? Man muss sich bewusst sein, dass das sehr schnelle Entscheidungen sind. Die Unparteiischen am Tisch hätten anders entscheiden müssen. Klar, es war unfair. Matthias tut mir leid. Aber anhand von TV-Bildern ist es immer einfach, sich ein Urteil zu bilden. Immerhin hat er den Schönschwingerpreis erhalten. Diese Auszeichnung mag ich ihm von Herzen gönnen.

Einige Ihrer Teamkollegen reagierten mit Unverständnis auf die Einteilung. Können Sie das nachvollziehen? Ja. Dass es schon im 3.Gang zu einem Berner Duell kam, erachte ich als fragwürdigen Entscheid. Offenbar ist das Selbstvertrauen bei einigen Einteilungsverantwortlichen nicht sonderlich gross, es gibt eine Anti-Bern-Allianz. Für uns war die Situation unangenehm. Am Morgen hatten wir uns gemeinsam warmgelaufen, mit einem Schlachtruf stark gemacht. Und kurz darauf mussten einige gegeneinander antreten.

Hätte das Kampfgericht nicht konsequent sein, für den Schlussgang den mit Laimbacher punktgleichen Emmentaler Thomas Sempach nominieren müssen? Das ist eine sehr schwierige Frage. Mühe bekunde ich aber mit der Tatsache, dass um jeden Preis verhindert werden sollte, zwei Berner im Schlussgang zu haben. Wenn schon alle sagen, wir seien klar die Besten, sollte man so etwas auch zulassen. Aber von aussen lässt sich vieles leichter sagen, als wenn man im Einteilungsbüro sitzt und Entscheide fällen muss.

Themawechsel: Früher hiess es, Sie würden sich an Grossanlässen verkrampfen. Mittlerweile wirken Sie gelöster, machen während Wettkämpfen Witze. Wie erklären Sie sich diesen Wandel? Ich habe technisch und physisch Fortschritte gemacht. Dadurch stieg mein Selbstvertrauen an, entsprechend lockerer bin ich.

Besteht die Gefahr, dass man nach so vielen Erfolgen genügsam wird? Ich hoffe nicht. Im Moment habe ich den Willen, gnadenlos den Sieg zu suchen. Verändert hat sich aber die Erwartungshaltung, auch von aussen. Für viele ist es mittlerweile etwas Normales, dass ich ein Fest gewinne.

Nach dem Gewinn des Königstitels fielen Sie in ein kleines mentales Loch, machten eine längere Trainingspause. Kann so etwas wieder passieren? Das kann man nie ausschliessen. Wichtig wird sein, dass ich mir genug Erholungszeit gönne.

Haben Sie sich bereits ausgemalt, inwieweit sich Ihr jüngster Coup in finanzieller Hinsicht auswirken könnte? Darüber habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht. Klar ist, dass ich mich – sofern ich das wollte und mir die Zeit dafür nehmen würde – noch wesentlich besser verkaufen könnte. Ich habe aber gelernt, auch Nein zu sagen, und es ist mir wichtig, dass ein Partner zu mir passt.

Dank Ihrer Erfolge und den Sponsoringeinnahmen könnten Sie den Sport als Vollprofi betreiben. Arbeiten Sie, damit in der Szene keine Kritik laut wird? Ich habe zwei Berufe gelernt, immer gerne gearbeitet. Es ist mir wichtig, an einem Tag oder auch mal an zwei Tagen etwas anderes zu machen; diese Abwechslung tut mir gut. Das würde bestimmt auch dem einen oder anderen Profisportler gut tun.

Im Dezember erwartet Ihre Partnerin Heidi das erste Kind... ...darauf freue ich mich sehr, und ich mache mir natürlich Gedanken, was sich ändern wird. Wir lassen uns überraschen, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird. Das Baby strampelt ziemlich heftig, es gibt wohl ein zappeliges Kind.

Ist eine Hochzeit geplant? Das ist eine Frage wie von der Regenbogenpresse. (lacht) Im Moment nicht, nein.

Berner Zeitung

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