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«Boxen ist nicht alles»

Der Ungar Gabor Vetö stand 2012 vor einer grossen ­Karriere als Profi, trat aber überraschend zurück. Vier Jahre ­später steigt der 27-Jährige in seiner Wahlheimat Bern wieder in den Ring. Eine Lebensgeschichte.

Zurück im Ring: Der Wahl-Berner Gabor Vetö hat seine Karriere noch nicht ausgereizt.
Zurück im Ring: Der Wahl-Berner Gabor Vetö hat seine Karriere noch nicht ausgereizt.
Raphael Moser

Der Teppich war ausgerollt. Ein Vertrag für drei grosse Kämpfe, unterzeichnet vom berühmten Boxpromoter Don King, lag auf dem Schreibtisch bereit, doch Gabor Vetö hatte genug. Wegen fehlender Wertschätzung beendete der Ungar seine Karriere.

Sein Gegner im letzten Kampf, damals im April 2012, war kein Fallobst gewesen, sondern ein Kämpfer mit ansehnlichem Palmarès. ­Justin Juuko war Jahre zuvor mit dem legendären Floyd Mayweather im Ring gestanden. Aber Gabor Vetö befand sich in Topform und gewann bereits in der zweiten Runde durch K.o. Der Superleichtgewichtstitel der Global Boxing Union blieb im Besitz des Topathleten.

Statt Lob für den Sieg erhielt Vetö jedoch Tadel vom Meetingveranstalter. «Ich hätte den Gegner länger stehen lassen müssen», sagt er. Die Worte waren Auslöser für seinen Rücktritt. Die Dreifachbelastung Job, Sport und Privatleben war zu gross geworden.

Er arbeitete in der Nacht als Lagerist, trainierte den Tag hindurch und hätte auch gerne Zeit mit seiner Freundin verbracht. «Boxen ist nicht alles», sagte sich Vetö und schmiss den Bettel hin. Als Profi hatte er bis zu diesem Zeitpunkt sämtliche seiner 28 Kämpfe gewonnen, 22 durch K. o.

Bruder als Vaterersatz

Gabor Vetös Karriere war nicht geplant. Er wuchs in Varpalota, einer ungarischen Kleinstadt, auf. Zusammen mit der alleinerziehenden Mutter und dem neun Jahre älteren Bruder. Den Vater hat er einmal gesehen, kurz mit ihm gesprochen. Das wars.

Für Vetö wurde der Bruder zum Ersatzvater. Ins erste Boxtraining wurde er von diesem geschickt. «Ich war 12 Jahre alt, klein und schmächtig», erzählt Gabor Vetö. «Du musst dich wehren können», hat mein Bruder gesagt. Nach sechs Monaten Training durfte Klein Gabor seinen ersten Kampf austragen in der Kategorie bis 32 Kilogramm.

Vetö machte rasch Fortschritte, ungarischer Meister aber war er nie. Mit 17 Jahren, an der Junioren-EM, kam es zum Treffen mit dem Schweizer Boxmanager Oliver Dütschler. «Er hat den Kontakt zu Osteuropäern gesucht, und ich hatte den Vorteil, dass ich in der Schule Deutsch gelernt hatte.» Vetö weilte fortan ab und zu zwecks Training in der Schweiz, und Dütschler machte dem Athleten die Profikarriere schmackhaft.

Für die ungarischen Trainer kam dies zu früh, doch der Bruder habe gesagt, man müsse dann zupacken, wenn sich die Chance ergebe. Vetö wollte Geld verdienen. «Ob mit Sport oder sonst wie, war egal», gibt er unumwunden zu. Ein Leben in der Armut Ungarns entsprach nicht seinem Traum.

«Ich habe vor 45'000 Zuschauern geboxt.»

Gabor Vetö

Die Profikarriere Vetös wurde von Dütschler fein säuberlich geplant. Mit der Zeit stellten sich dem Ungar zähe Brocken in den Weg. Aber keiner konnte Vetö bodigen. Es gab einige Höhepunkte, «ich habe vor 45'000 Zuschauern geboxt», erzählt Vetö und strahlt. Das war im Juli 2011 im Fussballstadion des Hamburger SV.

«Gleich nach meinem Kampf fand der Hauptkampf zwischen Wladimir Klitschko und David Haye statt.» Vetös Gegner, der Kenianer James Kimori, ging in der 8. Runde auf die Bretter. Man kann durchaus sagen, Vetö hätte mit Boxen ein paar Franken verdienen können. Ausgereizt war seine Karriere jedenfalls nicht.

Treffen mit Wirkung

Vetö blieb auch nach seinem Rücktritt in Bern wohnhaft, arbeitete fleissig und war mit sich und der Welt im Reinen. Dann lernte er Leander Strupler kennen, der ihn überredete, einmal ein Plauschtraining im Keller von Boxenbern zu besuchen. «Mit wenig Begeisterung ging ich hin», sagt er.

Bis die Idee zum Comeback gereift war, vergingen fast eineinhalb Jahre. Manager ist jetzt Geri Staudenmann, der sich dabei auf ungewohntem Gebiet bewegt: «Einen Profiboxer zu haben, war nie mein Plan», erklärt der Inhaber von Boxenbern.

«Wir haben Gabor kennen und schätzen gelernt und wollen ihm ermöglichen, eine Existenz aufzubauen.» Zuerst wurde der 27-Jährige mit einem 50-Prozent-Pensum im Boxklub angestellt – ab 1. Oktober wird dieses auf 100 Prozent erhöht.

«Wir haben Gabor kennen und schätzen gelernt und wollen ihm ermöglichen, eine Existenz aufzubauen.»

Geri Staudenmann, Inhaber Boxenbern

«Boxen ist ein Sport, in dem man trainiert, um sich verhauen zu lassen», sagte Vetö früher einmal. Warum er boxt, weiss er bis heute nicht genau. Trotzdem kam irgendwann der Entschluss, wieder in den Ring zu steigen. Irgendwo im Hinterkopf ist immer noch der Traum, vor Tausenden von Zuschauern einen grossen Kampf bestreiten zu können.

Am 1. Oktober kämpft der Wahl-Berner im Kubus Bern gegen den Tansanier Mfaume ­Ahmad Said. Organisiert wird der Event von Leander Strupler, der Sport und Kultur in einem Event kombinieren will. Auf dem Programm steht auch ein Ausschnitt aus der Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny». Denn wie hat Gabor Vetö so schön gesagt: «Boxen ist nicht alles.»

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