Bloss weg – selbst wenn es 30 Millionen kostet

Football-Star Antonio Brown tat alles, um von seinem neuen Team wieder loszukommen. Nach der Entlassung rannte er jubelnd durch den Garten.

Kaum vom alten Verein losgelöst, hat Antonio Brown bereits einen neuen Vertrag. (Bild: Getty)

Kaum vom alten Verein losgelöst, hat Antonio Brown bereits einen neuen Vertrag. (Bild: Getty)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Es ist ein Drama mit einigen Akten. Mit vielen Wendungen, manche vorhersehbarer, einige gänzlich unerwartet. Und vor allem: mit einem veritablen Schlussfeuerwerk.

Der Anfang liest sich harmlos: Für die neue Saison der National Football League verpflichteten die Oakland Raiders im März den 31-jährigen Passempfänger Antonio Brown aus Pittsburgh. Die Raiders sind ein mässig erfolgreiches Team aus Kalifornien, mit einer leidenschaftlichen Fanbasis zwar, aber derzeit eigentlich ohne Heimat. Nach dieser Saison zügeln sie aus ihrem völlig veralteten Stadion in Oakland in eine brandneue Arena nach Las Vegas. Hierfür wurden ein neuer Trainer und ein neuer Sportdirektor verpflichtet, sehr gut bezahlt und mit der Zusage ausgestattet, das Team nach ihrem Gusto formen zu dürfen.

Perfekt für die Spielerstadt

Deshalb verpflichteten sie Brown, ein All-Star mit neun Jahren Erfahrung in der NFL. Weil er polarisiert, weil er Spektakel produziert auf dem Feld, weil er Schlagzeilen garantiert und wie geschaffen scheint für den Neubeginn in der Spielerstadt. «Ich bin hier, um jeden im Team besser zu machen», versprach er nach seiner Ankunft, im Club herrschte allgemeines Hochgefühl. Doch leider, wie die Raiders schmerzvoll erfahren sollten, sorgt Brown auch neben dem Platz für reichlich Aufruhr.

Zunächst waren da die Probleme mit dem Helm. Aus zehn verschiedenen Modellen können die NFL-Spieler ihren Helm auswählen, dasjenige, das Brown seit Jahren trägt, ist nicht darunter. Brown schäumte, drohte mit Rücktritt und boykottierte das Training, um zu erzwingen, das veraltete Modell weiter tragen zu dürfen. Durfte er nicht, zweimal entschied ein Schiedsgericht gegen ihn. Zur gleichen Zeit machte ein Foto von Browns Füssen die Runde in den sozialen Medien: Indem er unsachgemäss und ohne Betreuer eine Kältetherapie angewandt hatte, zog er sich Frostbeulen zu und verpasste deshalb fast das gesamte Trainingslager.

Das Team büsste ihn wegen diverser Abwesenheiten mit 54000 Dollar – eigentlich ein Klacks angesichts der über 50 Millionen, die er von den Raiders für drei Jahre erhalten würde. Aber wieder ging Brown auf die Barrikaden. Erst veröffentlichte er die Busse auf Instagram (ein No-Go in der NFL), dann geriet er am Rand einer Trainingseinheit in einen wüsten Streit mit General Manager Mike Mayock. Er nannte diesen einen «cracker» und wäre sogar fast tätlich geworden. Ein Teamkollege konnte das gerade noch verhindern.

Überall sonst wäre das Fass nun wohl übergelaufen, in Oakland genügte das noch immer nicht. Zwei Tage später, letzten Freitag, bat Brown um Entschuldigung und bekannte sich zu den Raiders. An einem Medientermin sagte er: «Ich bin begeistert, hier zu sein und entschuldige mich bei meinen Kollegen und meinem Team.» Im Gespräch mit Cheftrainer Jon Gruden bekräftigte er, am ersten Spieltag für die Raiders auflaufen zu wollen. In der Nacht auf Dienstag starten sie mit einem Heimspiel gegen Denver in die neue Saison.

30 Millionen Dollar weg

Daraus wurde nun nichts. Denn weniger als einen Tag später war Brown kein Raider mehr. Grund: Das Telefongespräch mit Gruden hatte Brown als Grundlage für ein Video genommen, das er am Samstag auf Youtube lud. Es ist aufwendig produziert, nur: Der unautorisierte Mitschnitt von Telefonaten ist in Kalifornien verboten. Das Team hatte kaum eine andere Möglichkeit, als Brown zu entlassen, und sie taten es wenige Stunden, bevor die garantierten Beträge in seinem Vertrag fällig geworden wären. Brown verlor so auf einen Schlag mehr als 30 Millionen Dollar. Sein Reaktion? Nun liess er ein Video verbreiten, das ihn jubelnd durch den Garten rennen zeigt, als er die Meldung seiner Entlassung las.

Für Brown gab es nach seiner Entlassung kein Halten mehr. (Video: Antonio Brown via Youtube)

Die Frage, die sich die Experten stellen? Hatte Brown gar nie vor, je für die Raiders zu spielen? Die letzte Episode seiner Saga lässt darauf schliessen. Denn nur fünf Stunden nach seiner Entlassung hatte Brown bereits wieder ein neues Team. Und nicht irgendeines: Er wurde vom sechsfachen Superbowl-Sieger New England Patriots verpflichtet und mit einem Einjahresvertrag ausgestattet, der ihm 20 Millionen Dollar garantiert. Selbst wenn er morgen wieder entlassen würde.

Trainer bei New England ist seit fast zwei Jahrzehnten der legendäre Bill Belichick, berühmt für seine strenge Hand und seine Gabe, auch mit schwierigen Charakteren umgehen zu können – wenn sie spuren. Zu seinem Coup mit Brown, der für den alternden Quarterback-Superstar Tom Brady eine brandgefährliche Waffe mehr ist, hat sich Belichick noch nicht geäussert. Die Fragen werden nach dem ersten Saisonspiel der Patriots vom Sonntagabend gegen die Pittsburgh Steelers kommen. In dieser Partie gegen sein früheres Team ist Brown noch nicht spielberechtigt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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