Bis der Gummiarm euch trennt

An der Racketlon-WM in Schlieren messen sich die Liebhaber von vier Racket-Sportarten. Christian Schäfer, Nummer 2 der Schweiz, über Drucksituationen und Familiengefühle.

Der Zuger Christian Schäfer spielt gegen seine Konkurrenten nacheinander Tischtennis, Badminton, Squash und Tennis. Foto: Sabina Bobst

Der Zuger Christian Schäfer spielt gegen seine Konkurrenten nacheinander Tischtennis, Badminton, Squash und Tennis. Foto: Sabina Bobst

Stellen Sie sich vor, Roger Federer und Rafael Nadal haben eineinhalb Stunden gegeneinander gekämpft, und dann muss im Tiebreak des dritten Satzes beim Stande von 6:6 ein letzter Ballwechsel über Sieg oder Niederlage entscheiden. Oder die Volleyball-Nationalmannschaft muss bei 14:14 im fünften Satz den nächsten Punkt gewinnen, um die Partie nicht zu verlieren.

Solche Situationen sind vom Reglement her undenkbar – nicht so im Racketlon. Vier Sätze auf 21 Punkte haben die Kontrahenten dann schon gespielt, je einen im Tischtennis, im Badminton, im Squash und im Tennis, vom kleinsten Racket gehts zum grössten. Wenn es dann nach Punkten unentschieden steht, kommt es zum «Gummiarm». Ein Punkt entscheidet, auf dem Tennisplatz, mit nur einem Service. «Man geht mit dem Gegner ans Netz, beide sind nervös», beschreibt Christian Schäfer den Ablauf, «dann macht man den Aufschlag aus, und wählt normalerweise Return. Der Druck ist riesig, es ist verrückt.»

Schäfer lacht. Alles ist dann möglich, normale Stärkeverhältnisse sind ausser Kraft gesetzt. Obwohl es nur selten zu einem solchen Extremfall kommt, hat er schon mehr als 20 «Gummiarme» bestritten. Und auch schon bittere Niederlagen kassiert, erinnert er sich: «Ich hatte gegen einen A1-Spieler im Badminton, der nicht ganz so gut Tennis spielt, im Tennis 21:3 gewonnen und rettete mich so in den Gummiarm. Dort verlor ich.»

Er sitzt im Sports Zugerland, gerade hat er eine Squasheinheit absolviert. Er ist die Schweizer Nummer 2 und einer von vier Eidgenossen, die an der WM in Schlieren im A-Tableau teilnehmen. Er war auch schon die Weltnummer 12, ist aber nach einer Weltreise zurückgefallen und derzeit die Nummer 69. Die Liebe zum Racketlon ist weder in Indonesien noch in Melbourne erloschen: «Der grösste Reiz ist, innert kurzer Zeit in allen vier Sportarten Leistung abzurufen.»

Im Siebenjahrrhythmus

Um top zu sein, muss man in allen vier Bereichen regelmässig am Ball respektive am Shuttle sein. Neben seinem 100-Prozent-Job als CFO in einer Rehaklinik steht der Sport klar im Vordergrund: «Wenn nicht gerade der Jahresabschluss ansteht, versuche ich, jeden Tag etwas zu machen.» Sein Wochenziel von 15 Stunden erreicht er oft nicht, sein Programm ist aber auch so nahrhaft: 2 Stunden Tennis, je 3–4 Stunden Tischtennis und Badminton, 3–5 Stunden Squash. Dazu ein- bis zweimal Krafttraining pro Woche: «Ich bin 37, das muss ich machen, sonst würde ich zusammenklappen.»

Beim Zuger kam alle sieben Jahre eine Sportart dazu. Tennis mit 14, Badminton mit 21, Squash mit 28 und mit 35 auch noch Tischtennis. «Dort bin ich aber richtig schlecht, und wenn ich noch einmal einen grossen Sprung machen wollte, müsste ich nur noch Tischtennis spielen.» Dem Spiel mit dem Zelluloidball gehört aber nicht sein Herz, da «schwitzt man oft nicht und liest nur Bälle auf». Ganz im Gegensatz zum Squash, da blüht der Sport-Aficionado auf: «Wenn man 15 Sätze in zwei Stunden spielt und auf jeden Ball rennt, bis man kaum mehr stehen kann, dann ist das meine Welt.»

Mit den Trainings ist es nicht getan: Schäfer spielt vier bis sechs Auslandturniere pro Jahr, sechs bis neun in der Schweiz und in allen Sportarten Interclub, was allein über 40 Wettkampfdaten sind. ­Dabei schätzt er auch die ­Atmosphäre: «Wir sind wirklich eine Familie. Da geht man auch einmal zusammen nach einem Turnier in den Ausgang.»

Gemeinsam ist allen Sportarten, dass sie permanente Konzentration erfordern. Ansonsten sind unterschiedliche Qualitäten verlangt, sagt Schäfer: «Im Badminton und Squash hast du ohne gute Physis keine Chance, beim Tischtennis und Tennis stehen technische Herausforderungen im Vordergrund.» Gerade die Auftaktdisziplin werde oft unterschätzt: «Im Tischtennis gibts Seiten-, Unter- und Überschnitt, und es geht sehr schnell, da hat man keine Zeit zum Überlegen.»

«Disziplin für Gescheiterte»

Alles etwas, aber nichts richtig. Racketlon-Spieler bekommen oft zu hören, dass sie eine «Disziplin für Gescheiterte» betreiben. Schäfer widersprecht nicht: «Das stimmt. Wenn jemand irgendwo sackstark ist, spielt er nicht Racketlon. Wenn ich meine beste Sportart mit 5 begonnen hätte, wäre ich da vielleicht richtig gut geworden und hätte gar keine Zeit gehabt für die anderen 3.»

Nichtsdestotrotz wird das Niveau an der WM hoch sein. Mit dabei sind zahlreiche Ex-Profis einer Sportart, die in den anderen Bereichen ein akzeptables Niveau erreicht haben.

Die Auslosung hat es mit Schäfer gut gemeint. Zuerst trifft er am Freitag (17 Uhr) auf einen Schweden, gegen den er eine 1:1-Bilanz aufweist, auch der Zweitrundengegner wäre machbar, ehe im Viertelfinal wohl die Weltnummer 1 warten würde. «Zuerst will ich die erste Runde überstehen», bleibt der zweifache Schweizermeister bescheiden.

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