Berner Quintett für Südkorea

Nach der WM-Saison ist vor dem Olympiawinter: Wir stellen fünf Athleten vor, die im Hinblick auf die Spiele in Pyeongchang aus kantonaler Optik als Hoffnungsträger gelten.

Neun Medaillen gewann die Schweiz an den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver, gar elf waren es 2014 in Sotschi. Bernerseits trug in Russland einzig ­Angela Frautschi zur eindrücklichen Bilanz bei – als Mitglied des mit Bronze dekorierten Eishockeynationalteams. Der letzte grosse Triumph geht auf Mike Schmid zurück; in Vancouver hatte sich der einstige Skicrosser aus Frutigen Gold umhängen lassen. 2018 findet der Wintergipfel im südkoreanischen Pyeongchang statt. Wer die eben zu Ende gegangene Saison aus kantonaler Perspektive analysiert, findet eine Handvoll Hoffnungsträger.

Luca Aerni – der schnelle Flachländer

Überraschung: Luca Aerni ist ­Kombinationsweltmeister. Keystone

Weltmeister Luca Aerni. Wer vor den Titelkämpfen in St. Moritz auf diese Schlagzeile gewettet hätte, wäre reich geworden. Der Grosshöchstetter vermochte den Vorteil der Startnummer 1 im Kombinationsslalom zu nutzen, dank seines schnellen Schwungs sogar den bei vergleichbaren Verhältnissen gefahrenen Marcel Hirscher zu distanzieren.

In seiner Spezialdisziplin reihte er sich bei vier Ausfällen fünfmal im Bereich der Ränge 8 bis 13 ein, was ihm in der Spartenwertung Rang 15 und damit zumindest Mitte November beim Auftakt in Levi einen Platz in der zweiten Startgruppe beschert. Den Ausreisser nach oben verpasste Aerni in Madonna di Campiglio, als ihm wenige Meter vor dem Ziel ein Einfädler unterlief. Ohne das Missgeschick wäre er Dritter geworden.

Setzt der seit gestern 24-jährige Flachländer den Steigerungslauf im bisherigen Tempo fort, dürfte er sich im nächsten Winter in den Top 15 etablieren. Was die Kombination betrifft, ist alles möglich – auch in Pyeongchang, sofern Aerni die interne Hürde meistert. Zu jenen Athleten, die in St. Moritz die Ränge 1, 3, 6 und 7 belegten, dürfte sich Juniorenweltmeister Loïc Meillard gesellen, Startplätze gibt es nur vier.

Für den Weltmeister von St. Moritz spricht nicht zuletzt der Fakt, wonach das Rennen Mitte Februar stattfinden wird, wenn die Pisten weicher werden, Slalomspezialisten mit tiefen Startnummern im Vorteil sind. Wie sich im Engadin offenbarte.

Beat Feuz – das havarierte Genie

Überflieger: Beat Feuz rast auf der Corviglia zu Abfahrtsgold. Keystone

Dreimal Dritter, einmal Erster: Der Auftritt von Beat Feuz liesse sich mit «Soll erfüllt» betiteln. Hätte der Emmentaler erwähnten Sieg nicht im wichtigsten Rennen des Winters realisiert, wäre da nicht seine unvergleich­liche Geschichte. Am 12. Februar, einen Tag nach seinem 30. Geburtstag, triumphierte er in der WM-Abfahrt; es handelt sich um die Krönung seiner zweiten Karriere.

Die erste war im November 2012 mit einem Spitalaufenthalt zu Ende gegangen, die Folgen der bakteriellen Infektion im linken Knie wird Feuz zeitlebens spüren. Körperlich sind die Einschränkungen immens. Das elffach operierte Knie lässt sich nur bedingt belasten, der Schangnauer trainiert nicht einmal halb so viel wie seine Kollegen. Was ihn daran hindert, von Ende November bis Mitte März permanent vorne dabei zu sein.

Im Januar und im Februar jedoch, an den prestigeträchtigen Wettkämpfen, ist mit Feuz zu rechnen – in der nächsten Saison eher in Wengen und Kitzbühel als in Pyeongchang. Dem Olympiakurs mangelt es an Gefälle wie an technisch anspruchsvollen Passagen, in denen der klein gewachsene ­Berner seinen Gewichtsnachteil wettzumachen vermöchte. Trotzdem: Stimmt die Form, ist ihm dank seines ausserordentlichen Gespürs für den Schnee ein Podestplatz zuzutrauen.

Martina Kocher – die lockere Einzelkämpferin

Bestätigung: Martina Kocher ­gewinnt WM-Silber im Sprint. Keystone

Je grösser die Bühne, desto schneller saust Martina Kocher den Eiskanal hinunter. Nach Gold und Silber an den Welttitelkämpfen 2016 am Königssee setzte sie im Januar einen drauf, wurde in Innsbruck WM-Zweite im Sprint. Mit Rang 4 an der Europameisterschaft sowie mehreren Top-10-Ergebnissen im Weltcup bewies die Rodlerin ihre Konstanz.

Erst vor wenigen Wochen entschied Kocher, ihre Karriere fortzusetzen, zum vierten Mal eine Olympiasaison in Angriff zu nehmen. Was keineswegs selbstverständlich ist, war die 32-Jährige im vergangenen Sommer dem Rücktritt doch nahe gestanden. Ihr Erfolgsrezept beruht auf zwei Dingen: Einerseits ist sie losgelöst vom Landesverband mit einem Privatteam unterwegs. Andererseits hat die Bernerin im Training und abseits des Sports neue Reize gesetzt. Kocher verzichtete auf die Überseerennen, arbeitet nun auch in den Wintermonaten als Lehrerin. Ihre ausgeprägte Verbissenheit ist Lockerheit gewichen.

Allein wegen ihrer Fähigkeit, am Tag X das Potenzial abzurufen, wird sie in Südkorea zum erweiterten Kreis der Medaillenanwärterinnen gehören. Zudem wird sie nicht ansatzweise so viel Druck verspüren wie etwa die erfolgsverwöhnten Deutschen. In deren Trainingsgruppe ist Kocher als Einzelkämpferin integriert – mit allzu viel Unterstützung wird sie künftig nicht mehr rechnen dürfen. Wegen ihrer starken Darbietungen wird sie mittlerweile als echte Kontrahentin betrachtet.

Moritz Thönen – der kreative Aufsteiger

Durchbruch: Moritz Thönen ist im Weltcup angekommen. Kuno Egli / zvg

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit hat sich Moritz Thönen in der erweiterten Weltspitze etabliert. In Mönchengladbach wurde er nach gewonnener Qualifikation Vierter im Big Air, beim stark besetzten Slopestyle-Contest in Laax belegte der Schweizer Meister Platz 8. Thönen lässt sich als Aufsteiger unter den Berner Wintersportlern bezeichnen. Wobei ihn ein Malheur die Teilnahme am Saisonhöhepunkt kostete.

Am US Open hatte sich der 20-Jährige aus Hilterfingen an der Ferse verletzt, worauf er die WM in der Sierra Nevada verpasste. Und so dürften die Spiele in Pyeongchang Thönens erster Grossanlass werden – seine Qualifikationschancen je­denfalls sind gut. Dass der Oberländer im Zusammenhang mit Olympia nur schon erwähnt wird, überrascht, steht er doch erst seit knapp sieben Jahren auf dem Brett.

Nun ist er Profi und setzt alles daran, den nächsten Schritt zu machen. Im Slopestyle attestieren ihm Experten viel Potenzial; der Hindernisparcours mit Geländern und Schanzen ist auf seine Stärke, die Kreativität, zugeschnitten.

Nathalie von Siebenthal – die rasante Spätstarterin

Aufstieg: Nathalie von Siebenthal nähert sich dem Podest. Keystone

Rang 17 im Gesamtweltcup, obwohl die Langläuferin in der zweiten Saisonhälfte zweimal pausierte: Nathalie von Siebenthal hat sich markant gesteigert, die besten Leistungen an den wichtigsten Anlässen erbracht. Die Tour de Ski beendete die Lauenerin auf Rang 8; nie zuvor war eine Schweizerin in den Top 10 klassiert gewesen. An der WM in Lahti belegte die 23-Jährige im Skiathlon Rang 4, so weit vorne ist ihr Name noch in keiner Weltcuprangliste aufgetaucht.

Der ­beherzte Auftritt im 30-Kilometer-Rennen lässt erahnen, welch grosses Potenzial in der Bergbäuerin steckt. Von Siebenthal trainiert erst seit vier Jahren in professionellem Rahmen, dürfte daher noch über Reserven verfügen. Wie bei kaum einer Athletin aus ihrer Stärkeklasse ist das Leistungsvermögen von der Topografie abhängig: je kupierter das Gelände, desto besser sind ­ihre Aussichten.

Wird in der Fläche gelaufen, treten die Kraftdefizite des Leichtgewichts zutage, primär in Klassischrennen, wenn die Doppelstocktechnik gefragt ist. Von Siebenthal im Hinblick auf Olympia 2018 als Medaillenkandidatin zu bezeichnen, wäre vermessen. Aussenseiterchancen jedoch dürfen ihr eingeräumt werden.

Berner Zeitung

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