Ausblenden und laufen – für sich und seine Familie

Vorjahressieger Tadesse Abraham ist das Aushängeschild des heutigen Grand Prix von Bern. Der Marathonspezialist wünscht sich Rekorde und will sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die er beeinflussen kann.

Mai 2015: Tadesse Abraham, seit elf Monaten Schweizer, spricht über nahezu konträre Emotionen an der EM in Zürich.

Mai 2015: Tadesse Abraham, seit elf Monaten Schweizer, spricht über nahezu konträre Emotionen an der EM in Zürich.

(Bild: Andreas Blatter)

Die Grobplanung bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro steht. Spricht Tadesse Abraham über Etappen und Ziele, tut er dies leise, aber dezidiert. Mit Wettkämpfen auf Unterdistanzen will der Langstreckenspezialist seine Grundschnelligkeit verbessern.

Und sich nach Möglichkeit in die Rekordbücher eintragen – wie Mitte Februar, als der 32-Jährige zwecks Vorbereitung auf den Seoul-Marathon den Halbmarathon von Barcelona bestritt, dabei die Marke Stéphane Schweickhardts aus dem Jahr 1997 gleich um 44 Sekunden unterbot.

Am 23. Mai dürfte Markus Ryffels vor 29 Jahren realisierter Bestwert über 10 km auf der Strasse ins Wanken geraten. Ehe Abraham ans Rennen in der kanadischen Hauptstadt Ottawa reisen wird, tritt er als Titelverteidiger zum Grand Prix von Bern an.

Vor Jahresfrist setzte sich der gebürtige Eritreer auf der Zielgeraden gegen den Kenianer Patrick Ereng durch. Der Sieger dürfte am Samstag im gleichen Duell ermittelt werden.

Vor elf Monaten erhielt Abraham den Schweizer Pass – ziemlich genau zehn Jahre, nachdem er sich an der Cross-WM in Belgien gemeinsam mit Simon Tesfay von der eritreischen Delegation abgesetzt hatte, als Asylbewerber in Uster gelandet war.

Im Gespräch dringen typisch helvetische Züge durch, der für afrikanische Verhältnisse ausgeprägte Hang zum Perfektionismus beispielsweise. Abraham kennt Termine und Zeiten; er legt Wert auf Details. Lässt sich trotzdem Unklares ausmachen, klingen seine Erläuterungen fast entschuldigend.

So hat er noch nicht entschieden, wo er die unmittelbare Vorbereitung auf den WM-Marathon von Ende August in Peking absolvieren wird. Wohl auch, weil er einen Fehler keinesfalls ein zweites Mal machen will.

Abraham ist routiniert und dennoch unerfahren. Jahrelang lief er vornehmlich in der Schweiz, das Debüt über 42,195 km erfolgte 2009. Auf erwähnten Marathon in Seoul bereitete er sich in der äthiopischen Höhe vor, bei Temperaturen von 25 bis 30 Grad.

In Korea gelandet, sah er sich mit minus 3 Grad konfrontiert. Worauf er sich erkältete, den Rhythmus nicht durchziehen konnte. Ziel war gewesen, seinen Bestwert (2:07:45) und den Landesrekord Viktor Röthlins (2:07:23) zu unterbieten.

Nach 17 km schaltete er einen Gang zurück, konzentrierte sich fortan auf die WM-Norm von 2:15:00, welche er in 2:11:37 locker erfüllte. Er ist denn auch bestrebt, das Positive zu betonen, wobei dies nur bedingt gelingt.

Ähnliches gilt im Zusammenhang mit seinen Erinnerungen an die EM in Zürich. «Ich bin fröhlich, wenn ich an die Zuschauer denke, die aus dem Wettkampf ein grosses Fest gemacht haben», hält er fest. Die Enttäuschung jedoch ist nicht weit weg, mit seiner Leistung verbunden.

Abraham, in Anbetracht seiner Referenzen als Gold-Kandidat gehandelt, hatte mir der Vergabe der Medaillen nichts zu tun, reihte sich in 2:15:05 als Neunter ein. Er weiss mittlerweile, warum seine schwächste Marathonzeit ausgerechnet hinter der Grossanlass-premiere steht.

«Meisterschaften sind anders, es wird taktiert.» Und traktiert, wie der Neuling erfahren musste. Ein Konkurrent trat ihm gezielt in die Wade, mehr als einmal. Abraham, ein sanftmütiger Mensch, enervierte sich, packte den Widersacher kurz am Hals.

Die Absicht des Übeltäters war, den Favoriten aus der Ruhe zu bringen; er reüssierte. Abraham fällt es sichtlich schwer, darüber zu sprechen. «Nun kenne ich die Regeln. Ich habe in Zürich viel gelernt.» Die Aussage lässt sich auf den Umgang mit der Öffentlichkeit übertragen.

«Wie von null auf hundert» sei es ihm vorgekommen, erwidert er auf die Frage, wie sich das Interesse an seiner Person entwickelt habe. Nicht nur medial, sondern auch real, draussen auf der Strasse, wobei dies mit Viktor Röthlin zu tun habe. «Wenn du mit ihm unterwegs bist, schauen sehr viele Leute hin.»

Abraham sagt sinngemäss, sich nicht als Erbe des Obwaldners zu betrachten. Er merke aber, dass er in dieser Rolle wahrgenommen werde. «Die Leute sind froh, dass wieder einer da ist, der ein Spitzenergebnis erzielen kann.»

Abraham wäre froh, würde sich die steigende Bekanntheit auszahlen. Wobei ihm Dankbarkeit und Demut verbieten, derartige Worte auszusprechen. Er sagt, die Gesamtsituation werde besser, als Vater dieses Gedankens entpuppt sich kurz darauf die Hoffnung.

Seine Verträge mit Ausrüstern sind leistungsbezogen; mit dem Fixum lässt sich die Familie nicht ernähren. Ehefrau Senait arbeitet nach wie vor im Vollpensum, betreut zudem den vierjährigen Sohn Elod.

Abraham sagt denn auch, er wünsche sich einen grossen Sieg und Rekorde, damit sein Name bekannter werde, «für ein besseres Leben». Und er gesteht, der in Zürich verpassten Chance nachzutrauern, weil es sich um eine vielleicht einmalige Plattform gehandelt habe.

Düstere Themen versucht er auszublenden, so gut es eben geht. Er will keine Energie verschwenden, sich auf Dinge konzentrieren, die er beeinflussen kann. Seine Eltern hat er seit der Flucht nicht mehr gesehen.

Das kleine Eritrea wird oft als Nordkorea Afrikas bezeichnet, das repressive System von Diktator Isayas Afewerki treibt die Bürger in die Flucht. Ein Bruder Abrahams lebt in Holland, einer in Uster; die fünf andern Geschwister und die Eltern weilen in der Heimat.

Der Kontakt beschränkt sich aufs Telefon; Abraham sagt, es gehe der Familie gut. Offen bleibt, ob dem so ist oder er sich es sich so zurechtgelegt hat. Letzteres würde ihm angesichts der Ohnmacht, welche die Zustände auslösen, kaum jemand übel nehmen.

Lieber spricht der Migrant über seine Passion und den Weg an die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Einen Monat vor dem Gipfel am Zuckerhut findet in Amsterdam die EM statt. Zumindest in diesem Bereich haben sich die Geschehnisse zu seinen Gunsten entwickelt.

So werden in Holland erstmals Halbmarathon-Medaillen vergeben. Seine Augen leuchten, als er dies erwähnt. Umgehend wird klar, dass dieser Wettkampf in erwähnter Grobplanung nicht nur als Vorbereitungsrennen deklariert ist.

Selbiges lässt sich über den heutigen GP nicht sagen. Alles geben wird Abraham trotzdem, geht es doch nicht zuletzt um einen Zustupf für die Haushaltskasse.

Berner Zeitung

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