Angriffslustige Spätzünderin

Schach

Lena Georgescu wurde Ende Juli erstmals Schweizer Meisterin. Die 17-Jährige Moosseedorferin hat klare Meinungen – auch zu in der Szene kontrovers diskutierten Themen.

Angriffslustig: Lena Georgescu (17) aus Moosseedorf.

Angriffslustig: Lena Georgescu (17) aus Moosseedorf.

(Bild: Nicole Philipp)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Als Lena Georgescu auf dem Bärenplatz an einem Tisch sitzt, vor sich eine Flasche stilles Wasser, schweift der Blick manchmal zum Gartenschach direkt dahinter, wo eine Handvoll Männer mittleren Alters eifrig Figuren hin und her bewegen. Sie habe heute auch schon zwei Partien gespielt, sagt sie – und gewonnen.

Natürlich, denn die 17-Jährige ist anders als der gemeine Gartenschachspieler. Ende Juli wurde sie erstmals Schweizer Meisterin. «Etwas glücklich» sei der Titel in Grächen zu Stande gekommen, gibt die Moosseedorferin zu. Denn nach verhaltenem Start überholte sie ihre Konkurrentinnen erst in den letzten drei Runden. «Aber es ist natürlich schön, dass ich diesen Titel nun habe.»

Die Aussage passt zu Lena Georgescu, der freundlichen, zurückhaltenden Gymnasiastin, die nach ihrem bisher grössten Erfolg nicht abheben würde. Sowieso ist sie eine Spätzünderin, deren Karriere am Brett erst spät Fahrt aufgenommen hat: Nachdem sie im Alter von fünf Jahren durch ihren Vater mit Schach vertraut gemacht worden war, folgte drei Jahre später die Aufnahme in den Schachklub Bern, für den sie auch heute noch aktiv ist.

Damals spielte Georgescu jedoch ohne grosse Ambitionen, einfach aus Freude am königlichen Spiel. Erst 2013 begann die Zusammenarbeit mit dem gebürtigen Russen Artur Jussupow, der als Schweizer Jugendtrainer amtet. Im gleichen Jahr nahm sie an der U-14-EM in Montenegro teil – ihrem ersten internationalen Turnier.

Dort lernte sie den Zürcher Kambez Nuri kennen, der sie seither betreut. Mit ihren beiden Trainern ist Georgescu wöchentlich per Skype in Kontakt, analysiert ihre eigenen Partien, sowie diejenigen der grossen Meister wie zum Beispiel Garri Kasparow. «Das gehört zur Allgemeinbildung», sagt sie mit einem Schmunzeln. Georgescu hat gerade ihr letztes Jahr am Gymnasium Neufeld in Angriff genommen.

Da sie Teil der Sportförderungsklasse ist, bleibt genug Zeit, neben der Schule zu trainieren. Etwa 20 Stunden pro Woche investiert sie in Schach, einst hörte sie für ihre Leidenschaft gar mit Querflötespielen auf. «Man hat nie ausgelernt», sagt Georgescu. «Ich könnte jetzt zwanzig Jahre lang jeden Tag zwölf Stunden spielen und würde nie dieselbe Partie zweimal erleben. Das ist faszinierend.»

Die Beste als Vorbild

Fantasievoll spiele sie, angriffig. Eröffnungen seien eine ihrer Stärken, sagt Georgescu. Als Vorbild für ihr Spiel diente keine Geringere als Judit Polgar. Die Ungarin gilt als die beste Frau in der Geschichte des Schachsports. In der gemischten Weltrangliste rückte die heute 41-Jährige einst auf den achten Platz vor.

Die Chinesin Hou Yifan, die vor kurzem das Bieler Schachfestival gewonnen hat und die unangefochtene Weltnummer 1 der Frauen ist, firmiert im gemischten Ranking aktuell auf Position 100. Dass Frauen zwar vorne mitspielen, aber doch nicht ganz das Niveau der Männer erreichen, ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Erklärungsversuche und Studien dazu hat es viele gegeben, keine konnte bisher eine weithin akzeptierte Begründung liefern.

Lena Georgescu musste schon oft zu dieser Thematik Stellung beziehen. Auch sie kennt die Theorien, dass Frauen und Männer aufgrund unterschiedlicher Hirnstrukturen anders Schachspielen würden, oder dass es bei Männern grössere Schwankungen im Spektrum der Intelligenz, es also mehr Hochbegabte gebe.

Sie sagt, dass der Unterschied schon nur statistisch erklärbar sei, da es viel mehr männliche als weibliche Schachspieler gibt. Das ist für Georgescu jedoch alles zweitrangig: «Wenn ich gegen einen starken Gegner spielen kann, ist mir das Geschlecht egal.»

An den Männern orientieren

Mit der Angriffslust der jungen Bernerin musste auch ein Grossmeister schon schmerzliche Erfahrungen machen. Anfang April 2016 schlug sie den Griechen Spyridon Skembris in einem Ligaspiel. Es ist das bisher einzige Mal, dass sie einen Grossmeister bezwingen konnte. «Es wäre wieder einmal an der Zeit», sagt Georgescu und lacht.

Selbst hält sie aktuell den Titel der Frauen-Fide-Meisterin (WFM). Für die Schülerin sind jedoch die frauenspezifischen Titel nicht aussagekräftig. «Man muss sich an den Männern orientieren, um möglichst gut zu werden.»

Momentan hält Georgescu bei 2250 Elo-Punkten, zum Fide-Meister fehlen ihr noch 50, zum Internationalen Meister 150 Elo-Punkte. Dieses Ziel hat die 17-Jährige ins Auge gefasst. Sie setzt sich diesbezüglich jedoch nicht unter Druck.

Nach der Matura möchte sie ein Profijahr einlegen und dann ein Studium beginnen. 35 Frauen haben bisher den Grossmeistertitel verliehen bekommen. Georgescu setzt sich diesen nicht als Ziel, «aber träumen ist ja erlaubt». Wohin ihr Weg führt, wird sich weisen.

Als sie das stille Wasser getrunken hat und nach ihrer Tasche greift, liefert Lena Georgescu jedoch unfreiwillig ein Stichwort, das treffend beschreibt, was sie in der Schweizer Schachszene im Begriff ist zu werden. In weissen Lettern steht auf dem roten Stoffbeutel: «Aushängeschild».

Berner Zeitung

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