«Als Schwingerkönig wirst du vom C-Promi zum A-Promi»

Am Samstag eröffnen Matthias Glarner (31), Matthias Sempach (31) und Kilian Wenger (26) die Kranzfestsaison. Vor dem Auftakt haben sich die drei Berner Schwingerkönige an einem Tisch versammelt.

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Angenommen, die Schweiz ­wäre ein Königreich. Welcher der drei Berner Schwingerkönige wäre der beste Regent?Kilian Wenger:Wahrscheinlich ich! (Gelächter)

Matthias Sempach: Ich wäre der Anreisser. Und Glarner wäre . . .

Wenger: . . . der Stratege! Er würde im Hintergrund koordinieren.

Sempach:Wenger und ich würden umsetzen.

Wenger:Ich wäre der Herrscher über das Arbeitervolk.

Matthias Glarner: So, wie ich das sehe, würde einfach die ganze Arbeit an mir hängenbleiben. (lacht) Als Schwingerkönig regierst du drei Jahre lang, deshalb wäre es sinnvoll, wenn jeder von uns drei Jahre lang die Verantwortung tragen würde – mit begrenzter Zeit also, wie in der Politik. Denn jeder hat Stärken und Schwächen. Ich müsste dann korrigieren, was meine zwei Vorgänger falsch gemacht haben.

Was müsste der König der Schweiz ändern?Wenger:Die Frage stellt sich: Würde man überhaupt etwas ändern? Schauen Sie sich das Weltgeschehen an. Da müssen wir doch zufrieden damit sein, wie es uns geht, und nicht sofort an Änderungen denken. Uns geht es sehr gut, das gilt es zu schätzen.

Glarner:Der Wohlstand, den wir heute haben, ist über Generationen gewachsen. Das ist ein grosses Verdienst der Bevölkerung. Deshalb: so weiterfahren.

Sempach: Mir sind die Schweizer Werte wichtig, vor allem die Sicherheit. Wenn du Kinder hast, schätzt du diese Dinge noch mehr.

Kommen wir zum Schwingen: Kilian Wenger, welcher der drei Könige ist der stärkste?Wenger: Sempach hat die beste Schnellkraft, Glarner hat vielleicht die beste Rohkraft.

Sempach:Und Wenger hat die stärksten Arme. Er würde beim Armdrücken gewinnen.

Matthias Glarner, welcher der drei Könige ist der beste Schwinger?Sempach: Das sind dumme Fragen.

Wenger: Ja, wenn sie nicht besser werden, gehe ich sofort nach Hause! (alle lachen)

Glarner: Der beste Schwinger? Sempach ist sicher der kompletteste mit seinem grossen Repertoire an Schwüngen.

Wenger:Dazu kommt seine mentale Stärke. Was er in Burgdorf 2013 beim «Eidgenössischen» und danach gezeigt hat, das war beeindruckend.

Einige Leute meinen, die drei Berner Könige seien durchaus ähnliche Charaktere. Andere sagen: Die sind total verschieden. Wer hat recht?(lange Pause)

Glarner:Soll ich beginnen? (lacht)

Wenger: Gerne.

Glarner: Wenn Wenger in den Schwingkeller kommt, hat er dieses Feuer in den Augen. Ich kenne ihn, seit er 15 Jahre alt ist. Seine Leidenschaft fürs Schwingen ist riesig. Das war früher manchmal mühsam, wenn du den ganzen Abend geschwungen hast, und am Schluss kam immer dieser junge Wenger und fragte: «Machen wir noch einen Gang?» An Sempach beeindruckt mich sein Killer­instinkt. Er hatte einen grossen Traum, ein klares Ziel: in Burgdorf den Königstitel zu gewinnen. Er konnte es durchziehen, ohne Wenn und Aber. Das können nur sehr wenige Sportler von sich ­behaupten. Roger Federer vielleicht, und Fabian Cancellara. Dieser Wille zeichnet ihn aus.

Sempach: Jetzt müssen wir den Glarner noch loben. (alle lachen)

Glarner:Soll ich rausgehen, damit ihr offen sprechen könnt?

Wenger:Glarner hat lange Sport studiert und unterrichtet, das merkst du. Er ist gewissermassen wie ein Lehrer, immer überlegt. Ich bin manchmal ein «Laueri», Glarner ist das nie. In Estavayer zog er sich nach jedem Gang ins stille Kämmerlein zurück, machte sich seine Taktik zurecht – und er zog es durch.

Sempach: Glarner hat sich über Jahre hinweg nach oben gearbeitet mit seiner konsequenten Schwingart. Wenn Chrigu Stucki, Wenger oder ich Schwächen zeigten, sprang er immer in die Bresche. Er ist seit Jahren extrem konstant.

Wenger: Die Leidenschaft fürs Schwingen verbindet uns. Die ist immer noch gross, bei allen.

Glarner:Jeder hat seine Ziele, jeder gibt alles, um diese zu er­reichen. Aber jeder hat auch seinen eigenen Weg. Natürlich gibt es Charakterunterschiede, das soll auch so sein. Es gäbe nichts Langweiligeres als drei gleiche Schwingerkönige.

Sempach: Jeder mag dem andern den Erfolg gönnen. Aber: Wenn der andere gewinnt, «chutzelet» dich das, es noch besser zu machen. Dieses positive Konkurrenzdenken zeichnet uns aus.

Als Kilian Wenger 2010 mit 20 Jahren Schwingerkönig wurde, stellte dies sein Leben auf den Kopf. Matthias Sempach gewann 2013 mit 28 Jahren, stark veränderte der Erfolg sein Leben nicht. Wie ist es nun bei Ihnen, Matthias Glarner?Glarner: Ähnlich wie bei Sempach. Mein Umfeld ist super. Ich habe eine 14-jährige Lehre absolviert, um Schwingerkönig zu werden. Deshalb habe ich quasi alles bereits gemacht und erlebt, einfach nicht in dieser Intensität. Wirst du mit 30 Schwingerkönig, ist das wunderbar. Wirst du es mit 20, ist es auch schön, aber mit viel grösseren Herausforderungen verbunden.

Wenger: Es war extrem. Aber ich fühlte mich nie wie ein Popstar. Ich hatte auch nicht das Gefühl, in einer anderen Welt zu leben. Natürlich musste ich viel lernen: in der Öffentlichkeit zu stehen, Nein sagen zu können. Und mit 20 Jahren musste ich plötzlich Dinge entscheiden, mit denen du im Normalfall viel später konfrontiert wirst.

Sempach: Bist du Schwinger­könig, läuft grundsätzlich immer etwas, weil die Sportart derart populär geworden ist. Nun gibt es im Bernbiet drei Könige, insofern gehe ich davon aus, dass jener am interessantesten sein wird, der die besten Leistungen zeigt.

Die Leistungen der letzten Schwingerkönige im Jahr nach dem Titelgewinn:

Der Titel Schwingerkönig bringt viele Annehmlichkeiten mit sich. Aber auf was würden Sie gerne verzichten?Glarner: Ich habe sehr viel Posi­tives erlebt. Der Fokus liegt nun verstärkt auf mir. Wenn dich dann der Zehnte nach dem Ballenberg-Schwinget fragt: «Was ist los, weshalb bist du nicht fit?», dann denkst du schon: Was soll das? Es war der Ballenberg, nicht das «Eidgenössische». Niederlagen kriegen ein anderes Gewicht. Und das ungezwungene Bewegen in der Öffentlichkeit fällt als König weg. Wenger:Zum Bild des Schwingerkönigs gehört, dass jeder denkt, er könne immer und überall mit dir sprechen. Du überlegst dir schon zweimal, ob du in den Ausgang gehen willst.

Sempach: Als Wenger amtierender Schwingerkönig war, ging ich mit ihm nach Adelboden zum Skiweltcup. Ich war zu dieser Zeit auch ein sehr guter Schwinger, aber alle wollten nur mit Wenger ein Foto machen, alle wollten von ihm ein Autogramm, mit ihm sprechen. Wegen mir hat sich ­keiner umgedreht, das war fast ein wenig peinlich. Da merkte ich erstmals: Der Schwingerkönigstitel hat ein ganz anderes Ausmass.

Glarner:Als Schwingerkönig wirst du vom C-Promi zum ­A-Promi.

Sempach: Aber das Positive überwiegt bei weitem. Der Titel wäre für jeden von uns unverkäuflich.

Stichwort «unverkäuflich»: Der Schwingerkönigstitel bringt vor allem auch sehr viel Geld ein . . .Wenger:. . . äähh, es geht so. (alle lachen)

Sie könnten alle drei vom Sport leben, müssten nicht mehr arbeiten.Wenger:Da muss man weder ein Philosoph noch ein guter Rechner sein, um das zu bestätigen.

Glarner: Als Schwingerkönig lebst du «gäbig», keine Frage.

Sempach: Glarner, wie viel verdienst du denn jetzt?

Glarner: Zweimal die Hälfte. (lacht) Es kommt natürlich immer darauf an, wie stark du dich vermarkten willst.

Sempach: Du musst die Kuh melken, solange sie Milch gibt. Aber jeder von uns hat immer Entscheide getroffen, die zum Schwingen passen. Und was manchmal vergessen geht: Nicht nur wir drei profitieren davon. Wir geben jährlich Tausende von Franken von unserem Sponsoring in die Nachwuchsförderung respektive an den Eidgenössischen Schwingerverband ab. Und: Unsere Sponsoren unterstützen auch die Organisatoren der Feste. Der ganze Sport profitiert.

Es gibt eine Faustregel: Der Schwingerkönigstitel bringt eine Million Franken ein.Glarner: Brutto oder netto?

Wenger: Haben wir einen Joker zugute? (lacht)

Sempach:Es ist ja nicht so, dass wir mit Schwingen begonnen haben, um Geld zu verdienen. Die Leidenschaft war und ist zentral. Glarner entschied sich mit etwa 14 Jahren fürs Schwingen und gegen den Fussball . . .

Glarner:. . . obwohl klar war, dass du im Fussball viel Geld verdienen kannst, wenn du den Durchbruch schaffst. Im Schwingen ­waren hohe Summen früher unvorstellbar.

Sempach:Ich hatte mit 20 Jahren zwar einige Kranzfeste gewonnen, aber noch keinen Sponsor. Es war nie das Ziel, richtig Geld zu verdienen. Das war damals unvorstellbar.

Ist es für Sie Stand heute unvorstellbar, dass es in 10 Jahren den Profistatus geben wird?Wenger: Wenn der Nachwuchs ­einigermassen bei Sinnen ist, wird es das nicht geben.

Glarner: Und es ist auch nicht ­erstrebenswert. Wir Schwinger leben vor, dass zwei, drei Tage Arbeit pro Woche die richtige Lebensstruktur und Sicherheit geben. Du bist einer wie die anderen, du gehst zur Arbeit. Mein Bruder Stefan ist Fussballprofi (beim FC Thun; die Red.). Er muss Profi sein, von Vertrags wegen. Das ist auch nicht nur angenehm. Es täte einigen Sportlern gut, neben dem Sport noch eine Tätigkeit zu haben.

Sprechen wir noch über die Saison 2017. Matthias Sempach und Kilian Wenger: Können Sie Matthias Glarner einen Tipp geben, wie es ist, als amtierender König in eine Saison zu steigen?Wenger: Er hat mehr Routine als ich. Glarner braucht von mir keine Tipps. Sempach: Ich habe den Druck als Motivation verwendet. Nach Burgdorf wollte ich es allen zeigen, war extrem motiviert.

Glarner: Ich bin realistisch genug zu sagen, dass ich den Schwingsport in den nächsten Jahren nicht dominieren werde. Es wird schlechte Feste geben, es wird ­gute Feste geben. Der Königstitel macht dich nicht zum besseren Schwinger. Letztes Jahr war ich am «Emmentalischen» im letzten Kranzrang. So etwas wird es auch in Zukunft geben, vielleicht verpasse ich den Kranz auch mal. Aber es muss mein Ziel sein, jedes Jahr ein noch besserer Schwinger zu werden.

Viele vermuten, dieses Jahr könnte die Wachablösung erfolgen: Youngsters wie Armon Orlik und Samuel Giger schwingen äusserst erfolgreich.Wenger:Gut, in der Ostschweiz gibt es diese beiden. Aber im Bernbiet haben wir zehn Schwinger, die das Unspunnenfest gewinnen können. Wir haben noch immer die stärkste Mannschaft.

Glarner:Und wir haben viel Erfahrung: Stucki, Sempach, ich . . . Wenn wir gesund bleiben, können wir es noch immer hinkriegen, am Tag X ein grosses Fest zu gewinnen. Klar, wir sind nicht mehr 20 Jahre alt, können nicht mehr an zehn Festen pro Saison das Maximum abrufen. Aber bei den Höhepunkten können wir noch immer zur Spitze zählen. Es würde mich nicht überraschen, wenn es 2019 beim nächsten «Eidgenössischen» in Zug einen Schwingerkönig geben würde, der 33 oder 34 Jahre alt ist. Es wird für jeden Nichtberner schwierig.

Und dieses Jahr wird ein Berner das Unspunnen gewinnen?Sempach:Das hoffe ich. Wird es ein Junger sein, hat er es verdient. Wenn ich schaue, wie Orlik arbeitet, dann kommen diese Erfolge kaum aus dem Nichts.

Wenger: Der Beste wird gewinnen.

Sempach:Und noch von wegen Wachablösung: Beim «Eidgenössischen» in Aarau 2007 waren wir um die 20, da wurde auch diskutiert, wann die jungen Berner die starken Nordostschweizer ab­lösen. Ein Jahr später standen Stucki und ich am Kilchberg-Schwinget im Schlussgang. Das soll aber nicht bedeuten, dass nun die Konkurrenz am Zug ist.

Wenn wir in 10 Jahren wieder ein Königstreffen machen: Wer steht wo im Leben?Glarner: Ich werde sicher nicht mehr schwingen.

Sempach:Ich auch nicht mehr.

Wenger: Ich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Ich hoffe, auch Glarner und ich werden dannzumal eine Familie haben und beruflich mit beiden Beinen im Leben stehen, vielleicht mit eigenem Geschäft.

Glarner: Und ich hoffe, dass jeder von uns noch in irgendeiner Form mit dem Schwingen in Verbindung stehen wird.

Sempach:Und Langnau wird Eishockeymeister sein.

Glarner:Die Frage war doch in 10 Jahren, nicht in 20 Jahren? (alle lachen)

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