«Als Amateursport ist Schwingen langfristig gefährdet»

Obmann Mario John spricht über die finanzielle Situation des «Eidgenössischen» in Burgdorf, die starke Berner Mannschaft und die Diskussionen mit Swiss Olympic. Der 58-Jährige sagt: «Manager passen grundsätzlich nicht zum Schwingen.»

Mario John

Mario John

(Bild: zvg)

Philipp Rindlisbacher

Wer wird am 1.September in Burgdorf zum Schwingerkönig gekürt?Mario John: (lacht) Als Obmann sollte ich nicht Partei ergreifen. Ich denke aber, dass sich die Berner eindeutig in der Favoritenrolle befinden. Christian Stucki, Matthias Sempach und Kilian Wenger sind Topschwinger, haben eine starke Mannschaft im Rücken. Das ist eine unheimliche Macht, die schwer zu durchbrechen sein wird.

Gibt es aus Verbandssicht einen idealen Schwingerkönig?Was 2010 in Frauenfeld passierte, war ideal für den Schwingsport. Da kam mit Kilian Wenger ein junger Kerl, der mir nichts, dir nichts den jahrelangen Dominator Jörg Abderhalden ablöste. Aber ganz ehrlich: Es gibt keinen Wunschkönig. Aus dem kleinen Kreis, der dafür infrage kommt, ist uns jeder genehm. Es spielt keine Rolle, ob er jung oder alt ist, ob er leichter ist oder mehr Speck auf den Rippen hat.

Sind Sie erstaunt, was Wenger mit seinem Sieg in Frauenfeld ausgelöst hat? Dass der Schwingsport auf einmal dermassen populär wurde, dass Einzelne auf einmal wesentlich von der Werbung profitieren können – das hat mich doch ziemlich überrascht.

Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorgen? In gewisser Weise schon. Im Verband sind rund 3000 Schwinger registriert, 36 von ihnen haben Sponsoringverträge abgeschlossen. Überspitzt formuliert sahnt also 1 Prozent ab, die restlichen 99 Prozent erhalten nichts.

Von den Werbeeinnahmen müssen die Schwinger 10 Prozent an den Verband abtreten. Ist diese Regelung zeitgemäss? Die Schwinger generierten 2012 etwa eine Million Franken, die Abgaben beliefen sich daher auf rund 100'000 Franken. Der Verband unternimmt mit diesem Geld keine Ferienreise, es fliesst in den Nachwuchs. Die Athleten profitieren vom Schwingen, ich finde es legitim, dass sie etwas zurückgeben müssen. Einigen fällt das sehr schwer, die meisten haben aber Verständnis.

Braucht ein Spitzenschwinger einen Manager? Mittlerweile hat fast jeder Topathlet einen Manager, ob er ihn braucht, ist eine gute Frage. Kilian Wenger hätte den Rummel um seine Person wohl kaum alleine meistern können. Manager passen grundsätzlich aber nicht zum Schwingen. Einige hören zu stark auf die Berater, zum Teil haben diese keine Ahnung von der Szene. Dies kann zum Misserfolg führen, Beispiele gibt es genug.

Denken Sie, dass sich Schwingen zum Profisport entwickeln wird? Als Amateursport ist Schwingen langfristig gefährdet. Es gab Projekte von exklusiven Schwinganlässen im Hallenstadion und in der Zuger Eishalle. Es kann aber nicht das Ziel sein, beispielsweise nur die 16 besten Schwinger zuzulassen. Gewisse Traditionen müssen beibehalten werden, zur endgültigen Zweiklassengesellschaft darf es nicht kommen – sonst würde der Schwingsport seine Einzigartigkeit verlieren.

Wer investiert Geld in den Schwingsport? Es sind Firmen, die das Urschweizerische, die Zurückhaltung gegenüber dem Sponsoring schätzen. Wer auf einem Schwingplatz weilt, wird nicht von Werbung erschlagen. Mittlerweile bekunden viele Unternehmen Interesse am Schwingen, auch solche, die gar nichts damit zu tun haben. Die Plattform ist nun mal sensationell: Beim «Eidgenössischen» sind 52'000 Menschen in der Arena, das Fernsehen überträgt zweimal über acht Stunden.

Kann diese Plattform noch grösser werden? Nein, ich habe das Gefühl, dass die oberste Grenze erreicht ist.

In den letzten Wochen gab es Wirbel um Ticketzahlen und -preise fürs «Eidgenössische» in Burgdorf. Es ist problematisch, wenn jemand ohne Bezug zum Schwingen nur mit Glück an einem «Eidgenössischen» dabei sein kann. Hingegen frage ich Sie: Ist es nicht richtig und fair, dass vor allem die treuen Schwingfans die Chance zum Ticketerwerb erhalten? Es gibt rund 3000 Funktionäre, die unentgeltlich arbeiten. Sie haben es verdient, das «Eidgenössische» in der Arena zu verfolgen. Rund 4000 Tickets gehen in den öffentlichen Verkauf; mag sein, dass diese Zahl zu tief ist.

Und die Preise... ...das teuerste Ticket kostet 225 Franken, Bahnbillett inbegriffen. Ich finde dies im Vergleich zu anderen Anlässen billig. Meine Frau war an einem Open-Air-Musical, zahlte für einen ungedeckten Sitzplatz 150 Franken. Aber das Musical dauerte zwei Stunden, nicht zwei Tage. 16 Prozent von jedem Ticketerlös fliessen in die Verbandskasse; der Betrag wurde gegenüber Frauenfeld erhöht (von 14 auf 16 Prozent, die Red.), weil im Kanton Bern die Sicherheitskosten höher sind. Wir sind keine Abzocker. Mit diesem Geld muss sich der Verband finanzieren.

Sind die Burgdorfer Verantwortlichen vier Monate vor dem Grossanlass im Fahrplan? Das Organisationskomitee leistet gute Arbeit und ist grundsätzlich auf Kurs. Gewisse Probleme gibt es im finanziellen Bereich. Es fehlen einige Kleinsponsoren zum Ausgleich des 26-Millionen-Budgets. Womöglich waren die Prognosen etwas zu optimistisch. Nun wird nach Sparpotenzial gesucht.

Ist es schwierig, im Zuge der Modernisierung die Traditionen aufrechtzuerhalten? Mein Vorgänger Ernst Schläpfer war traditioneller eingestellt als ich. Doch auch mir sind typische Werte des Schwingsports sehr wichtig. So bin ich dagegen, dass alle Topschwinger mehrmals pro Saison gegeneinander antreten. Man sollte Augen und Ohren aber offen halten. Ich setzte mich dafür ein, dass im Fernsehen die Noten eingeblendet werden. Und ich unterstützte das Projekt mit der Schwingerapp, sodass die Resultate auch auf dem Mobiltelefon ersichtlich sein werden.

Gibt es im Schwingen eine Dopingproblematik? Es gab zuletzt die kommunizierten Fälle von Stefan Marti und Peter Bänziger. Wir haben eine eigene Dopinginstanz, halten uns aber an die Richtlinien von Antidoping Schweiz. Nicht zuletzt wegen des Themas Doping sollte sich der Schwingerverband Swiss Olympic anschliessen. Sollte es zum Horrorszenario kommen und ein Spitzenschwinger würde erwischt, wäre es heikel, würden wir den Betroffenen selbst sanktionieren.

Berner Zeitung

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