So haben sich die Marathon-Läufer auf Hitze eingestellt

Statt 50'000 starten heute in Berlin nur 130 Läufer, für die Sieger gibt es EM-Gold, und die Schweizer sind gerüstet für ein Hitzerennen.

Tadesse Abraham läuft heute in Berlin um EM-Gold.

Tadesse Abraham läuft heute in Berlin um EM-Gold.

(Bild: Keystone Lukas Lehmann)

Innerhalb eines Monats kommt Berlin zu zwei Marathons: Heute läuft die europäische Elite um die EM-Titel, in vier Wochen eine riesige Masse zum Spass und zur Selbstbestätigung. Heute werden es gut 130 Läuferinnen und Läufer sein, am 16. September über 50 000 – angeführt von den Weltbesten Eliud Kipchoge und Tirunesh Dibaba. Während diese eine 42-km-Schlaufe um die Hauptstadt ziehen, wird das EM-Gold (Starts 9/10 Uhr) auf einem Rundkurs von 10 Kilometern mit Start und Ziel bei der Gedächtniskirche vergeben. Auf die Frage, ob er Rund­kurse gern habe, scherzte Tadesse Abraham vielsagend: «Ich bin ja nicht Bahnläufer!»

In Amsterdam mit 2 Sekunden Vorsprung zu Team-Gold

Der Schweizer ist eine Art Titelverteidiger, er gewann vor zwei Jahren das Rennen in Amsterdam, damals allerdings einen Halbmarathon. Alle, die damals starteten, sollten drei Monate später wieder fit sein – für den Olympiamarathon in Rio. Abraham war es, nach dem Gewinn von EM-Gold wurde er dort Siebter. Dass er auch heute keine Geschenke verteilen wird, hat er angekündigt, schon lieber möchte er solche entgegennehmen. Abraham wird heute 36 Jahre alt und würde sich riesig über eine erneut gute Teamleistung freuen. Mit zwei Sekunden Vorsprung auf die Spanier gewannen Abraham, Julien Lyon, Adrian Lehmann, Christian Kreienbühl, Marcel Berni und Andreas Kempf damals völlig überraschend die Teamwertung. Lyon und Lehmann sind nicht dabei, ­dafür haben es Patrick Wägeli und Geronimo von Wartburg in die Equipe geschafft. Wieder zählen die drei besten Zeiten, aber Berni sagt: «Es wird eine ganz andere Herausforderung als in Amsterdam.»

Er bezieht das nicht nur auf die doppelte Distanz, sondern auch auf die klimatischen Bedingungen. Erwartet wurde nach den vergangenen Wochen ein entsprechend heisser Sonntag, angekündigt sind nun aber 23 Grad. Auch das ist keine ideale Lauftemperatur, aber erträglich. Die Schweizer haben sich unterschiedlich auf die Herausforderung eingestellt: Tadesse Abraham, der zusammen mit dem norwegischen Europarekordhalter Sondre Moen zu den Mitfavoriten auf den Titel gehört, bereitete sich wie üblich zwei Monate in der Höhenlage Äthiopiens vor – zu Beginn der Regenzeit. «Am Anfang war es kühl, die vergangenen zwei Wochen aber auch rund 20 Grad», sagte er. Er ertrage Wärme gut, habe aber auch einige Male in einem tiefer gelegenen Gebiet mit höherer Luftfeuchtigkeit trainiert.

Sauna in der Hitze, Cool Pads und Liquid Ice

Seine Kollegen bevorzugten in ­corpore das Engadin, Kreienbühl schwärmte von den Long Runs in und um St. Moritz, «dabei waren ­natürlich auch Amsterdam und der damalige Teamgeist immer wieder ein Thema». Von einer Taktik wollte er nichts wissen, «wenn jeder sein Bestes gibt, kommt es auch im Team gut». Damit jeder fähig ist, «sein Bestes» zu geben, verbrachten alle fünf die letzten zwei, drei Wochen im Unterland, um sich an die Hitze zu gewöhnen. Läufe über Mittag mit nachträglichem Saunabesuch gehörten bei Berni zum Programm («um die Hitzetoleranz zu erhöhen»), für alle gilt heute: kaum Einlaufen, langsamere Anfangsgeschwindigkeit, wenn nötig Cool Pads aufkleben und unterwegs mit ­Liquid Ice das Shirt auffrischen. Alles mit dem Ziel, die Körperkerntemperatur niedrig zu halten.

Abraham wird das Rennen wie 2017 in New York angehen, wo er Fünfter wurde. «Ich werde der ­ersten Gruppe folgen und schauen, was passiert», sagte er. Einem Schnell- oder Viel-zu-Schnellstarter werde er aber nicht hinterherrennen. «Das hat 2014 in Zürich bei einem Polen bald zum Einbruch geführt», sagte er. Als Team ist die Schweiz auf dem Papier die Nummer 6. Das war sie schon einmal. Dann gab jeder «sein Bestes» und das brachte Gold.

Tages-Anzeiger

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