Wider das Naturell

Die 29-jährige Sabine Hauswirth strebt an der OL-WM in Estland ihren ersten Einzelmedaillengewinn an. Die Chancen stehen gut – eigentlich. Aus dem Leben einer talentierten Bernerin, deren Persönlichkeit nicht für den Spitzensport geschaffen ist.

Training in vertrauter Umgebung: Sabine Hauswirth bereitet sich auf dem Längenberg nahe der Bütschelegg (im Hintergrund) auf die WM in Estland vor.

Training in vertrauter Umgebung: Sabine Hauswirth bereitet sich auf dem Längenberg nahe der Bütschelegg (im Hintergrund) auf die WM in Estland vor. Bild: Christian Pfander

Aus neutraler Optik ist die Ausgangslage hervorragend. Ende Mai belegte Sabine Hauswirth an den Weltcuprennen in Finnland die Ränge 4, 5 und 5. Dank guter, aber keineswegs einwandfreier Darbietungen, wie es die in Belp aufgewachsene Orientierungsläuferin formuliert. An der WM rund um die estnische Stadt Tartu fällt der Heimvorteil der starken Skandinavierinnen weg. Nie zuvor habe sie sich derart gut vorbereitet gefühlt, sagt die 29-Jährige.

Was zur These führt, dass die ersehnte Einzelmedaille in Griffnähe liegt, nur noch das Puzzle zusammengesetzt werden muss. «Ja», bestätigt Hauswirth, «aber zu den Favoritinnen zähle ich mich nicht; es gibt vier, fünf Bessere.» Wendungen wie diese hört immer wieder, wer sich mit der eloquenten Athletin unterhält.

Acht Jahre sind vergangen, seit die Bernerin auf globaler Ebene debütierte. In Ungarn war damals von der Trainerschaft hinter vorgehaltener Hand zu vernehmen, Hauswirth werde eher früher als später durchstarten, sofern sie sich zu 100 Prozent zum Spitzensport bekenne.

«Ich war immer im Clinch zwischen Studium, Arbeit und Sport, irgendwann wuchs mir die Belastung über den Kopf hinaus.»Sabine Hauswirth

Sie tat das Gegenteil, klinkte aus, war über zwei Jahre als schnelle Hobbyläuferin unterwegs. «Ich war immer im Clinch zwischen Studium, Arbeit und Sport, irgendwann wuchs mir die Belastung über den Kopf hinaus», hält sie fest. Und erwägt, trotz der Trainerfeedbacks vermutlich nicht so richtig an ihre Fähigkeiten geglaubt zu haben.

Missen möchte sie die Auszeit nicht. «Ich musste begreifen, dass mir die Wettkämpfe etwas bedeuten.» Zuvor habe ihr das professionelle Denken gefehlt. «Ich bin vielseitig interessiert und war nicht bereit, alles auf den Sport zu setzen.»

Anders als Wawrinka

Nach ihrer Rückkehr wurde sie mit der Frauenstaffel Europa- und Weltmeisterin, im Weltcup ist sie in zwei Einzelrennen auf Platz 2 gelaufen. Die Bernerin vermag ihre besten Klassierungen nicht spontan aufzuzählen, sagt lächelnd, «ich führe nicht Buch».

Je länger sie spricht, desto klarer tritt die charakterliche Diskrepanz zwischen ihr und einer typischen Spitzensportlerin zutage. Hauswirth kennt die Ursachen, erzählt von ihren Eltern, die sie in die Sportart eingeführt hätten, ohne den geringsten Druck. «OL war Familiensache. Wir hatten unseren Spass, niemand schaute auf die Uhr.»

Ehe sie die Maturität erlangte, hatte sie die Rudolf-Steiner-Schule absolviert. Die Institution ist nicht dafür bekannt, Ehrgeiz und Willen zu formen. Bei Stan Wawrinka finden sich diese Eigenschaften in ausgeprägter Form. Der Romand jedoch war kein herkömmlicher Steiner-Schüler. In einem Interview mit der «Weltwoche» erwiderte der Tennisprofi auf die entsprechende Frage, er würde für seine Kinder eine konventionelle Ausbildung priorisieren.

«OL war Familiensache. Wir hatten unseren Spass, niemand schaute auf die Uhr.»Sabine Hauswirth

Hauswirth verliert kein schlechtes Wort über ihren Weg. Sie betont, «halt von einer anderen Seite gefördert» worden zu sein, als Kind leidenschaftlich getöpfert, bei der Gartenarbeit geholfen zu haben. «Ich bin sehr ausdauernd, sehr geduldig», hält sie fest und bezeichnet diese Charakterzüge ohne Umschweife als «Nachteil für den Sport».

Sie weiss, dass sie sich wider ihrem Naturell verhalten muss, wenn sie das Potenzial ausschöpfen will. «Ich bin nicht die geborene Spitzensportlerin, aber in den letzten Jahren professioneller geworden.»

Nach erworbenem Bachelorabschluss in Geografie legte sie das Studium auf Eis. Im Rahmen eines 20-Prozent-Pensums verdient sie als Marketingassistentin jenes Geld, welches ihr in Kombination mit elterlichem Support, dem Beitrag des Kopfsponsors sowie Unterstützung der Sporthilfe «ein Leben ohne hohe Ansprüche» ermöglicht.

Hauswirth wohnt mit ihrem Freund, einem Duathleten, in Kirchenthurnen. Das Klettern, ihr liebstes Hobby, stellte sie nahezu ein.«Ich musste den Willen und die Bereitschaft, mich auf OL zu fokussieren, entwickeln.»

Anders als Hubmann

Aufgrund der Schwangerschaft von Judith Wyder ist Hauswirth erstmals in ihrer Karriere zur Schweizer Nummer 1 aufgerückt. Sie bestreitet in Estland vier von fünf Rennen, zieht die Sprintstaffel vom Sonntag «nach langem Hin und Her» dem samstäglichen Einzelsprint vor.

Das Projekt und der Teamgedanke lägen ihr am Herzen, hält sie fest. Selbes lässt Daniel Hubmann verlauten, wobei sich der in Bremgarten lebende Thurgauer trotzdem für den Einzelsprint entschieden hat. «Meine Sponsoren möchten, dass ich eine Medaille gewinne, nicht die Mannschaft», stellt der sechsfache Weltmeister klar.

«Ich musste den Willen und die Bereitschaft, mich auf OL zu fokussieren, entwickeln.»Sabine Hauswirth

Aus ihrer Haut wird Sabine Hauswirth wohl nicht mehr schlüpfen. Den kämpferischen Blick Wyders beispielsweise, mit welchem die Zimmerwalderin 2014 in Venedig zum Sprint-WM-Titel lief, kann man sich in den sanften Augen Hauswirths beim besten Willen nicht vorstellen. Der Podestplatz jedoch dürfte sich auch ohne Killerinstinkt realisieren lassen, wenn alles zusammenpasst. Sie resümiert für ihre Verhältnisse dezidiert, sie renne der Einzelmedaille hinterher und werde nicht so schnell aufgeben.

Klar ist, auch Hauswirth: So gut wie in Estland sind die Chancen noch nie gewesen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.06.2017, 14:12 Uhr

Elf Schweizer in Tartu

Heute wird die OL-WM im estnischen Tartu mit der Sprintqualifikation eröffnet. Elf Schweizer Athleten sind nominiert, darunter die Berner Sabine Hauswirth, Florian Howald, Sarina Jenzer und Martina Ruch. Dazu gesellen sich die aus dem Aargau respektive Thurgau stammenden, aber seit fünf bzw. zehn Jahren in Bern ansässigen Weltmeister Matthias Kyburz und Daniel Hubmann. mjs

Artikel zum Thema

Der Erfolg ist geblieben

Drei Jahre nach dem Ausstieg der Postfinance verkörpern die Schweizer noch immer absolute Weltspitze. Sorgen bereite ihm die Zeit ab 2019, sagt der künftige Swiss-Orienteering-Geschäftsführer Martin Gygax anlässlich des Weltcupfinals. Mehr...

Bescheiden, geduldig, erfolgreich

Der Thuner Joey ­Hadorn hat an der Junioren-WM in Scuol schon bei Halbzeit Einzigartiges erreicht. Mehr...

Hommage an Simone Niggli

Früher lief Hans Walther selber mit OL-Karten durch das Gantrisch-Gebiet. Jetzt ehrt der Rentner auf dem Dach eines Armeebunkers die Weltklasse-OL-Läuferin Simone Niggli-Luder. Mehr...

Newsletter

Immer die Region zuerst. Am Wochenende.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende.
Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Si und Dave, die Töfflibuben

Gartenblog Blütenlos schön

Paid Post

Einmal Gipfelträume und zurück – ganz bequem

Die Schweizer Bergwelt ist einzigartig. Mit den exklusiven Kombi-Angeboten von RailAway profitieren Sie von attraktiven Vergünstigungen.

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...