Wenn Sanftmut die Fäuste fliegen lässt

Arnold Gjergjaj (29) ist der beste Boxer der Schweiz. Das Schwergewicht hat es nicht leicht. Die Geschichte eines Mannes mit einem grossen Traum.

«Mein Kopf ist immer am Boxen.» Heute steigt Arnold Gjergjaj (29) wieder in den Ring.

«Mein Kopf ist immer am Boxen.» Heute steigt Arnold Gjergjaj (29) wieder in den Ring.

(Bild: Dominik Plüss)

«Er wird kein zweiter Muhammad Ali. Aber er ist gut.» Jo sagt das, Jo de Vrieze. Arnold Gjergjaj sagt gar nichts, sondern drischt stöhnend auf einen Sandsack ein. Arnolds rechte Faust hat, wenn sie optimal kommt, eine Wucht von 550 Kilo. Es ist eine tödliche Faust, schneller als das menschliche Auge. In drei Wochen hat er einen Kampf. Angelo Galina, Arnolds Manager und Stammtrainer, sagt, dass es nie, nie mehr einen Ali geben wird, auch keinen zweiten. Jo de Vrieze ist Belgier und hat eine Boxschule auf Kuba und schon ein paar Jungs dort in die Nationalmannschaft geprügelt. Jo ist ein Schleifer. Seit Jo da ist, hat Arnold vier Kilo an Gewicht verloren. «Ich hab noch nie so hart trainiert», sagt Arnold, als er wieder Luft kriegt.

Das war letzten Juli, und Arnold war heiss auf den Kampf. Sein letzter lag schon ein paar Monate zurück, der Gegner war ein mässig talentierter, schon etwas angejahrter Fleischkloss aus Argentinien, Arnold schickte ihn in der dritten Runde mit einem Leberhaken unwiderruflich auf die Bretter. Das war sein 22. Kampf damals, sein 16. K.o., verloren hat er noch nie. Arnold Gjergjaj, Kampfname «The Cobra», 1,97 Meter gross, 107 Kilo schwer, 29 Jahre alt. Ausserhalb des Ringes ein sanftmütiger Riese, innerhalb eine elegante Dampfwalze.

Geboren in Gjakova, einem kleinen Dorf in den Hügeln von Kosovo, unbeschwert aufgewachsen, bis der Krieg auch dort seine Fäuste zeigte. «Als der Krieg zu Ende war, holte mich mein Vater nach Pratteln, der lebte aus wirtschaftlichen Gründen schon dort mit meinem älteren Bruder Anton – das ist der mit dem Supermarkt unten in der Lehenmatt. 14 war ich damals. Ich hab drei Tage lang geweint und mich gefragt, ob ich das schaffe hier. Nur schon die vielen Strassen haben mich verwirrt. Und ich hab mich gefragt: Warum muss ich durch den Krieg, und dann ist er zu Ende und alles könnte wieder schön werden und dann muss ich weg?»

Mitte 20 entschliesst er sich, Profiboxer zu werden, seine Familie samt Boxclub Basel, die so gross ist wie ein kleines Dorf, unterstützt ihn. Sein Traum ist einfach und sehr kompliziert zugleich: «Ich will einmal um einen Titel im Schwergewicht boxen. Am liebsten gegen Wladimir Klitschko.» Dessen Faust (650 Kilogramm Wucht) ist vielleicht noch fünf erfolgreiche Kämpfe und ein bisschen Glück weit weg.

Zurück in den Traum geboxt

Es kam nicht zu jenem Kampf letzten August. Und obwohl Arnold gar nicht geboxt hatte, wurde es seine bisher schwerste Niederlage, ein heftiger Rückschlag für den Mann, der gerade dabei war, sich unter die 20 besten Schwergewichtler der Welt zu boxen. Im Sparring mit Tyson Fury, der aktuellen Nummer vier der Welt, passierte es. «Ich ging in den Ring», erzählt Arnold, «und Fury, das ist ein Riese von 2,06 Meter, fing sofort an zu schlagen, was das Zeug hält. Und das war ein bisschen mein Problem. Dass ich im Sparring schwächer bin als im Ring. Weil ich die Wut nicht so rauslassen kann. Ich war einen Moment lang nicht konzentriert, da haut mir Fury seine Rechte hinten auf die Rippen. Gebrochen. Das wars.» Für den Kampf sowieso, für seinen Traum beinahe.

Ich traf ihn an dem Nachmittag, als er gerade mit dem Gebrochene-Rippe-Befund vom Arzt kam und es klar war, dass er unmöglich würde kämpfen können. Er war mindestens so am Ende wie George Forman 1974 in Kinshasa in der achten Runde gegen Ali, zerstört also, physisch und psychisch zerlegt in männliche Moleküle, die nicht mehr im Stande waren, ein Ganzes hervorzubringen.

Arnolds Traum torkelte bedrohlich, sein Glaube ich daran: «Ich war so gut in Form wie noch nie. Alles hat gepasst. Noch nie hab so viel reingesteckt, auf so viel verzichtet. Nur am Sonntag jeweils ging ich in den «Burger King» und hab drei Hamburger gegessen und eine Cola getrunken. Das war das einzige Highlight während Wochen. Vielleicht hat es ja was zu bedeuten. Dass das Boxen und ich nicht zusammenpassen. Dass es nicht sein soll. All die Arbeit. Alle geben alles, mein Bruder, bei dem ich arbeite, der mich finanziert. Angelo, mein Trainer. All diese Opfer. Und jetzt das. Vielleicht soll es einfach nicht sein.»

Niemand, ausser ein Boxer, weiss, was in einem Boxer vorgeht, wenn er auf einen grossen Kampf hin trainiert. Wenn es nichts mehr anderes gibt als diesen Tag am Horizont, der ein Tag der Wahrheit sein wird, einer, der das Leben als Boxer weitergehen lässt oder beendet. Ein Tag, an dessen Ende der Boxer besser als ein anderer Mensch es je von sich weiss, seine körperlichen und psychischen Kräfte kennt. Der an diesem Tag alles, was er ist, in den Kampf bringt, und an dem sich erbarmungslos zeigen wird, ob das genügt. Ein Tag des Schmerzes, der nur für die Sieger erträglich ist.

Boxen ist eine Kunst, bei der es keine Ausreden gibt. Es gibt nichts Härteres, nichts Wahreres als Boxen. Und wenn dann dieser Tag nicht stattfindet, obwohl der Boxer alles, wirklich alles dafür getan hat und auf fast alles verzichtet hat, was den Menschen so gemeinhin im und am Leben hält, dann steht er vor dem Nichts, dem existenziellen, vergleichbar vielleicht damit, vor dem Traualtar alleine gelassen zu werden. Ein Boxkampf ist immer ein Martyrium in kurzen Hosen für zwei Menschen, das nur für einen das Elysium parat hat.

Natürlich hat sich Arnold wieder aufgerappelt. Er boxte Ende letzten Jahres in Bern, gewann in der ersten Runde durch technischen K.o. gegen einen Brasilianer. Der Sieg war keine grosse Sache. Die grosse Sache war, dass sich Arnold selbst zurück in seinen Traum geboxt hat und stärker im Ring seines Lebens stand als je zuvor. Er hatte über sich selber triumphiert. Der Kampf, der nicht stattfand, war der schwerste seines Lebens, weil er sein Selbstmitleid schlagen musste. Seine schwache Seite stark machen. Heute sagt er: «Ich bin Boxer. Mein Kopf ist immer am Boxen.»

«Ich wusste, dass es hart wird»

Auf den ersten Blick ist er ein seltsamer Boxer. Das liegt an seinem Wesen, das durchdrungen ist von Sanftmut – es gibt kein besseres Wort –, die schon fast zärtlich ist und nie laut. Er ist kein Grossmaul und kein Schläger, eher verschlossen als offen, Streit geht er aus dem Weg, indem er einfach schweigt. Vor einem Kampf geht er, ein Katholik, beten. Er betet, dass er gesund bleibt und erfolgreich ist. Er betet auch für den Gegner, natürlich nur für dessen Gesundheit. Danach boxt er ihn aus seinem Traum.

«Wie fühlt sich das an, wenn man einen Gegner k. o. schlägt?» «Man schlägt halt einfach. Und irgendwann steht er nicht mehr vor einem.» «Und wenn man schlägt und schlägt und der Gegner ist fertig, geht aber nicht auf die Bretter?» «Das ist hart. Du willst ihn ja nicht töten. Aber aufhören zu schlagen kannst du auch nicht. Mit einem Polen ist mir das einmal passiert. Der Ringrichter hat einfach nicht abgebrochen. Ich hab so hart zugeschlagen, dass meine Hände schmerzten. In der Kabine unten hat der Pole dann geweint.» «Vor Schmerzen?» «Nein. Weil er verloren hat.»

Bevor Arnold Boxer wurde, war er Thaiboxer. Ich soll «Thaiboxer» schreiben, nicht «Kickboxer»: «Kickboxer, das klingt brutal.» Er war erfolgreich, hat alle Kämpfe gewonnen. Aber er ertrug die Schläge auf die Oberschenkel nicht mehr, die Beine waren schwarz, geschwollen, er konnte kaum mehr laufen, arbeiten auch nicht. So kam er zum Boxen, wurde Amateurboxer, Schweizer Meister, er gewann ganz lange alles, dann kam eine Pechsträhne und er verlor drei Kämpfe hintereinander, da hat er letztmals geweint nach einem Kampf.

Damals hat er aufgegeben, weil sein Kopf aufgehört hatte zu boxen. Er stand nicht nur im Ring, sondern auch vor der Lehrabschlussprüfung, stand auch vor den Türen von Discotheken und gab den Türsteher. Er war jung und mochte die Frauen, und die Welt war verlockend. Aber Boxen funktioniert so nicht. Es ist so gefrässig, dass es nichts neben sich duldet. Wer das nicht begreift und Kompromisse schliesst und letztlich dagegen handelt, verliert. Boxen ist noch schwieriger als die Liebe, noch fordernder. Arnold machte eine Pause, kam zurück und gewann wieder. Das Boxen hatte den Kampf gewonnen gegen den Rest des Lebens. «Ich wusste, dass es verdammt hart wird. Ich wusste, dass ich besser werden musste. Ich wusste, dass ich die Angst in den Griff bekommen musste. Die Angst, es nicht zu schaffen, Angst davor, was passieren würde, wenn nichts kommt.»

Die Zeit der Wahrheit

Bevor Arnold Thaiboxer wurde mit 16, hat er einfach gerne gekämpft. Schon in Kosovo. Und stets schon war er der Grösste und der Stärkste. «Krumath» nannten ihn seine Freunde, Grosskopf. Er und seine Freunde rangen immer, manchmal sogar aus Verzweiflung. Im Wäldchen, in dem sie sich vor dem Krieg versteckten, wenn der bedrohlich nahe kam. Arnold weiss nicht, wie, und wenn ja, in welcher Form ihn das geprägt hat. Vielleicht war Kämpfen immer etwas, das ihm eine Pause von den Schrecken der Wirklichkeit gab, aber wahrscheinlich geht das zu weit. Wahrscheinlich tat er es, weil er es am besten konnte.

Die Schönheit des Dorfes und die selbstverständliche Schlichtheit des Lebens dort haben ihn nie losgelassen. Mag sein, dass er es deswegen schafft; zu leben wie ein Profi und noch weniger zu verdienen als ein Amateur. «Aber weisst du», sagt er, «Training ist immer noch besser als Arbeit.» Heute, ein gutes halbes Jahr später, bleiben immer noch dieselben Rätsel und Fragen. Wie ein Mensch mit im Alltag nicht vorhandenem Aggressionspotenzial im Ring Schläge austeilen kann, etwa. Wie diese Verwandlung funktioniert. «Ich weiss es auch nicht», sagt Arnold. Er selbst ist gereifter geworden, ernsthafter ist wahrscheinlich das Wort. Er braucht ein gutes Jahr, um seinen Traum zu leben, und ein gutes Jahr heisst, ein paar gute Gegner, höher klassierte Boxer, die er schlagen kann, um selbst im Ranking nach vorne zu marschieren. Es ist, wenn man so will, seine Zeit der Wahrheit.

Heute Samstag boxt er im Grand Casino. Der Gegner ist ein Gegner. Nicht den, den man sich ausgesucht hätte, wenn Geld da wäre. Ein wirklich guter Gegner kostet 50'000 Franken, das ist eine Nummer zu gross. Deshalb sind die Gegner zwar zwangsläufig nicht eine Nummer zu klein, aber das ganz grosse Ding sind sie auch nicht. Der heutige ist südamerikanischer Meister, Weltnummer 135. Arnold ist die aktuelle Nummer 58. Das heisst nicht, dass es einen lahmen Kampf geben wird. Es heisst nur, dass es ein Aufbaukampf ist, ein kleiner Schritt hin zum grossen Ziel. «Klitschko in Basel boxen», sagt Arnold, «das wärs.»

Er hat schon geboxt gegen Klitschko. Sparring. «Diese präzisen, schnellen Schläge, die dich zuerst treffen und du denkst, ist das alles? Und zwei Sekunden später tun sie dir weh, ist dieser Schmerz da. Aber trotzdem. Wenn ich so weitermache, weiterboxe im Kopf, dann könnte ich ihm eines Tages einen guten Kampf bieten.»

Basler Zeitung

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