«Ich werde stets ein Grenzgänger bleiben»

Am Samstag debütiert Viktor Röthlin am Jungfrau-Marathon, sein letztes grosses Ziel ist die EM 2014 in Zürich. Im Interview spricht der Obwaldner über das Berner Oberland, Japan und das Leben nach dem Spitzensport.

Hoch hinaus will Röthlin nicht nur heute in der Jungfrauregion, sondern auch an der EM 2014 in Zürich.

Hoch hinaus will Röthlin nicht nur heute in der Jungfrauregion, sondern auch an der EM 2014 in Zürich.

(Bild: Walter Dietrich)

Kennen Sie in der Jungfrauregion mittlerweile alle Gipfel?Viktor Röthlin:Ich hoffe, ich werde nun nicht getestet (schmunzelt). Als Kind war ich oft im Berner Oberland in den Wanderferien, in den letzten Monaten habe ich das damals Gelernte intensiv repetiert.

Wie viel Zeit haben Sie in diesem Jahr im Berner Oberland verbracht? Rund drei Wochen; ich war oft auf der Marathonstrecke, habe sie Abschnitt für Abschnitt kennen gelernt, insgesamt etwa dreimal zurückgelegt.

Nebenbei haben Sie den Stanserhornlauf gewonnen, den über 3000 Meter hohen Piz Nair erklommen und den Weg hinauf nach Muottas Muragl rennend bewältigt. Werden Sie im hohen Läuferalter zur Bergziege? Nein, ich habe die neue Herausforderung bewusst gesucht, bin dabei aber auch an Grenzen gestossen. Aus mir ist kein kompletter Bergläufer geworden.

Gab es Momente, in denen Sie den Abbruch des Experiments in Erwägung zogen? Im Frühling, rund um den Grand Prix von Bern, stand ich nahe am Abbruch. Es war sehr hart, auf dieses Rennen verzichten zu müssen. Der Körper reagierte auf das ungewohnte Training, die Wade verhärtete sich, die Achillessehne schmerzte.

Was geschah danach? Ich rannte einen ganzen Monat lang nicht mehr bergauf. Danach gab ich mir einen letzten Versuch. Wären die Beschwerden in diesem Trainingszyklus wieder aufgetreten, hätte ich den Punkt gesetzt. Glücklicherweise vermochte sich mein Körper nach der ersten Reaktion auf die Belastung einzustellen.

Der Jungfrau-Marathon ist als einziger Schweizer Marathon permanent ausgebucht, die anderen verzeichnen stagnierende bis sinkende Teilnehmerzahlen. Nimmt der Laufboom ab? Nein, aber jene Organisatoren, die weder ein Panorama wie die Jungfrauregion noch eine Metropole wie New York oder London zu bieten haben, bekunden Mühe. Marathonlaufen ist nicht gesund, und es ist selbst für ambitionierte Hobbyläufer nicht sinnvoll, es unter die Füsse zu nehmen. Fragt mich einer, was er tun soll, antworte ich immer gleich: Trainiere wie ein Marathonläufer, laufe einen Halbmarathon.

Womit wir bei den Unterdistanzen wären... ...genau: Wenn ein Veranstalter eine Unterdistanz einführt, unterschreibt er das Todesurteil seines Marathons. Viele Läufer, die eine Teilnahme erwägen, sich ihrer Sache aber nicht ganz sicher sind, ersparen sich den Entscheid und weichen aus.

Sie sprechen bereits aus der Sicht des Veranstalters. Ich hatte mir diesbezüglich viele Gedanken gemacht, kam aber zum Schluss, dass der Halbmarathon für meinen Anlass (vgl. Infobox) die richtige Distanz ist.

Ende August 2014 wird es ganz sicher einen Schweizer Marathonläufer weniger geben, den erfolgreichsten in der Geschichte. Bereitet Ihnen der Gedanke an den Rücktritt manchmal Kopfzerbrechen? Nein überhaupt nicht, ehrlich: Ich habe in den letzten Jahren registriert, dass die Erholung schwieriger wird und mein Körper vermehrt an Grenzen stösst. Ich freue mich auf einen Lebensabschnitt, in dem nicht mehr alles rund um das Training verplant werden muss. Möchte mich meine Frau mit einem Ausflug überraschen, kann sie das nicht tun, weil ich sonst Probleme mit Antidoping Schweiz bekommen könnte. Um zur Frage zurückzukommen – eigentlich ist eher das Gegenteil der Fall.

Wie meinen Sie das? Weil ich weiss, wann ich mein letztes Rennen bestreiten werde, kann ich die verbleibende Zeit als Leistungssportler viel bewusster geniessen.

Sie sind ein Grenzgänger, verlangen Ihrem Körper sehr vieles ab. Können Sie dieses Bedürfnis mit dem Rücktritt beiseiteschieben? Kaum, ich werde stets ein Grenzgänger bleiben, Herausforderungen brauchen. Diese werden aber nicht mehr mit Startnummern und Zeiten in Verbindung stehen. Klar ist, dass ich mir ein Hobby werde suchen müssen, im Moment fehlt für Hobbys schlicht die Zeit.

Noch ist es nicht so weit. Am 1.Dez. werden Sie in Fukuoka den letzten internationalen Marathon bestreiten. Welche Rolle spielt dieser Auftritt auf dem Weg an die EM nach Zürich? Marathon in Japan ist wie Skifahren und Schwingen in der Schweiz – die Wertschätzung seitens der Öffentlichkeit ist riesig. Dazu gesellt sich die emotionale Komponente. Ich habe meine grössten Erfolge in Tokio und Osaka gefeiert, und Fukuoka ist der einzige wichtige japanische Marathon, der in meiner Vita noch fehlt. Drittens möchte ich nochmals einen schnellen Marathon laufen, was in Fukuoka möglich sein sollte. In mentaler Hinsicht wäre es wertvoll, könnte ich Zürich mit einer 2:09-Zeit im Rucksack vorbereiten.

Sie werden im Oktober 39-jährig. Was darf von Ihnen im August 2014 erwartet werden? Dass ich an der Startlinie die Gewissheit haben werde, mich bestmöglich vorbereitet zu haben – das ist mein Anspruch. Der Rest ist von der Tagesform und vom Leistungsvermögen der Konkurrenten abhängig.

Auf der europäischen Jahresbestenliste liegen Sie auf Platz 3 – hinter einem gebürtigen Kenianer und einem gebürtigen Marokkaner. Für Aussenstehende ist dies erstaunlich, zumal es Ihnen im Frühling in Otsu nicht sonderlich gut lief. Als ich nach den Olympischen Spielen in London entschied, die Karriere fortzusetzen, tat ich dies im Bewusstsein, zu den besten fünf Marathonläufern des Kontinents zu gehören. Noch ist das Jahr nicht zu Ende, die Liste könnte bald anders aussehen. Aber sie zeigt, dass ich mich immer noch guten Gewissens als Spitzensportler bezeichnen darf (lächelt).

Auf Ihren Schultern werden an der EM die Hoffnungen der Gastgebernation ruhen... ...Ich hoffe doch sehr, dass auch andere da sein werden, nicht zuletzt im Marathon.

Sie sprechen Ihren eritreischen Trainingskollegen Tadesse Abraham an, dessen Einbürgerungsverfahren läuft. Er wäre auf der erwähnten Bestenliste im Moment die Nummer 1. Und ich gehe davon aus, dass er den Schweizer Pass rechtzeitig erhalten wird; das müsste eigentlich Formsache sein.

Was würde sich für Sie durch seine Teilnahme ändern – davon abgesehen, dass sich ein schneller Mann mehr im Rennen befindet? In den letzten Jahren kämpfte ich oft alleine gegen je drei Spanier, Italiener und Russen. Sind wir vorne zu zweit, eröffnen sich taktische Optionen. Greift Tadesse an, müssen die anderen reagieren. Klar, es kann sein, dass Tadesse Zweiter wird und ich Vierter werde. Für mich wäre das nicht so schön, aber die Schweiz würde eine Medaille gewinnen.

Weshalb gelingt es Swiss Athletics in den anderen Disziplinen nicht, auf europäischer Ebene konkurrenzfähig zu sein? Den Kern des Problems sehe ich bei der Perspektive des Spitzensportlers. In der Schweiz ist diese schlicht weniger gut als in vielen anderen Ländern. Deshalb entscheiden sich bei uns die meisten Talente für den sicheren Weg und setzen auf Studium oder Beruf. Ausnahmeathleten wird es immer wieder geben. Noemi Zbären gewann an der Junioren-EM Gold, sie könnte die Nächste sein. Aber die Schweiz wird an einem Grossanlass nie fünf Medaillen gewinnen.

Zurück zum bevorstehenden Anlass: Vor welcher Passage haben Sie im Hinblick auf Samstag am meisten Respekt? Vor der ersten Phase der Steigung Richtung Wengen. Ich werde mit einem Kilometerschnitt von gut drei Minuten durch Lauterbrunnen rennen, dann quasi in eine Wand hineinlaufen und für die folgenden Kilometer jeweils sieben bis acht Minuten brauchen. Wie ich diesen abrupten Wechsel verdaue, wird entscheidend sein.

Berner Zeitung

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