Röthlins gelungenes Experiment am Berg

Viktor Röthlin hat seine härteste Bergprüfung auf dem Podest beendet. Der Obwaldner musste am Jungfrau-Marathon nur zwei Spezialisten aus Afrika den Vortritt lassen.

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Die Kulisse erinnert an eine Lauberhornabfahrt. Eiger, Mönch und Jungfrau sorgen für ein atemberaubendes Panorama; das Silberhorn glänzt in der Sonne, und die Zuschauer schwenken begeistert rot-weisse Fahnen, als ein Schweizer Athlet mit der drittbesten Zeit die Ziellinie überquert. Viktor Röthlin beendet die 42,195 Kilometer lange Ausdauerprüfung von Interlaken auf die Kleine Scheidegg mit 1839 Steigungsmetern in hervorragenden 2:53:21 Stunden – nur drei Läufer sind in der 21 Jahre alten Geschichte des Jungfrau-Marathons schneller gewesen als der Europameister von 2010: Geoffrey Ndungu (Ken) und Petro Mamo (Eri), die beiden Röthlin-Bezwinger, sowie Streckenrekordhalter Jonathan Wyatt. Der Neuseeländer sagte seine Teilnahme kurzfristig ab. Wyatt sei nicht in Form, legte OK-Präsident Christoph Seiler vor dem Rennen dar.

Im falschen Jahr am Start

Röthlin sagt nach der Premiere am Jungfrau-Marathon: «Es war ein einmaliges Experiment, das Spass gemacht hat. Aber ein Bergläufer werde ich nie werden. Vor dem Lauf erachtete ich eine Zeit von 2:55 Stunden als sensationell. So gesehen bin ich sehr zufrieden mit meiner Leistung.» Gerade wenn man bedenke, dass er lediglich von zwei Berglaufspezialisten geschlagen worden sei. Der 39 Jahre alte Obwaldner sinniert über die viertschnellste je gelaufene Zeit – mit einem Schmunzeln stellt er fest: «Ich bin im falschen Jahr an den Start gegangen.» Ausser in den Jahren 2003, als Wyatt mit 2:49:02 Stunden den heute noch gültigen Streckenrekord gelaufen war, und 2013 hätte Röthlin mit seiner Zeit jedes Mal triumphiert.

Taktisch sei der Plan im Grossen und Ganzen aufgegangen, meint Röthlin. «Auf dem mehrheitlich flachen Teilabschnitt bis nach Lauterbrunnen konnte ich mit den beiden Afrikanern Schritt halten. Im steilen Gelände nach Wengen musste ich sie ziehen lassen. Hätte ich das Tempo nicht gedrosselt, wäre ich in eine Wand gelaufen.» Der Schweizer Marathonrekordhalter erreicht das Ziel schliesslich fast drei Minuten nach dem Kenianer Geoffrey Ndungu.

ETH-«Stutz» simuliert

Röthlin versucht auf den letzten Kilometern vergeblich, den amtierenden Berglauf-Weltmeister Petro Mamo einzuholen. «Ich hatte in den Beinen zu wenig Kraft.» Nach seinem erfolgreichen Debüt am Jungfrau-Marathon habe er nun keine Angst mehr vor den Bergen, sagt der Sieger des Tokio Marathon mit einem Augenzwinkern. Und die eloquente Speakerin Ruth Raaflaub-Minnig meint treffend: «So, Vik, nun bist du bereit für den ETH-Stutz!» Der Aufstieg zur Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich mit rund 300 Höhenmetern wird am EM-Marathon 2014 das Pièce de Résistance darstellen.

Kenianer investiert Preisgeld

Geoffrey Ndungu verpasst den Streckenrekord um etwas mehr als eine Minute. «Ich bin einfach glücklich nach meinem unerwarteten Sieg», sagt der 29 Jahre alte Langstreckenläufer, der von den Organisatoren als Herausforderer von Viktor Röthlin eingeladen wurde. Er habe sich nach 37 Kilometern sehr gut gefühlt und deshalb das Tempo verschärft, schildert der Kenianer den Schlüsselmoment. «Die Schweiz bringt mir Glück. Ich bin zum zweiten Mal in diesem Land angetreten – und habe zum zweiten Mal gewonnen.» Im vergangenen Jahr triumphierte Ndungu am Kerzerslauf. Der ausgebildete Lehrer ist auch ein cleverer Geschäftsmann. Das Preisgeld von 10'000 Franken wird er investieren. «Ich werde ein Haus bauen und es vermieten. Das habe ich mit den 25'000 Franken, die ich im vergangenen Jahr für meinen Sieg am Dublin Marathon erhielt, auch schon gemacht», erzählt Geoffrey Ndungu. Wenn er sich in Europa aufhält, wird der Afrikaner von seinem österreichischen Freund Thomas Krejci betreut. Mit ihm zusammen organisiert Ndungu Laufwochen auf der Turracher Höhe und in Kenia. Noch am Fuss der Eigernordwand wirbt der schnellste Marathonmann mit entsprechenden Flyern für sein Projekt, das zum Ziel hat, dass sich Sportler aus Österreich und Kenia dank einer Vereinspartnerschaft gegenseitig unterstützen.

Ärztin schafft Streckenrekord

Im Frauenrennen wird die Österreicherin Andrea Mayr ihrer Favoritenrolle gerecht. Die 34 Jahre alte Ärztin, Welt- und Europameisterin im Berglauf, unterbietet mit 3:20:20 Stunden den 12 Jahre alten Streckenrekord von Marie-Luce Romanens um 44 Sekunden. Die Solothurnerin Martina Strähl schafft bei ihrem Marathondebüt als Dritte den Sprung aufs Podest. Die für den LV Langenthal startende Läuferin beendet das Rennen in 3:25:23.

Berner Zeitung

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