Mit guter Haltung zum Erfolg

Fünf Medaillen haben die Schweizer Turner an der Europameisterschaft in Montpellier gewonnen – so erfolgreich waren sie zuletzt 1957 gewesen. Diese Ausbeute sei kein Zufall, sagt Routinier Claudio Capelli.

Claudio Capelli ist mit 28 Jahren der Senior der Schweizer Kunstturner, 2016 wird sein letztes Wettkampfjahr. Er hofft, neben der Heim-EM in Bern auch in Rio antreten zu können.

Claudio Capelli ist mit 28 Jahren der Senior der Schweizer Kunstturner, 2016 wird sein letztes Wettkampfjahr. Er hofft, neben der Heim-EM in Bern auch in Rio antreten zu können. Bild: Keystone

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Er weiss genau, was die letzten Tage für Auswirkungen haben werden. Deshalb zögert Claudio Capelli nicht lange, sagt unumwunden: «Diese Leistung zu übertreffen, wird schwierig.»

Capelli ist der Routinier des Schweizer Kunstturn-Nationalkaders. Der 28-Jährige bestritt in Montpellier bereits seine zehnte Europameisterschaft – es war für den Schweizerischen Turnverband die erfolgreichste seit 1957: Giulia Steingruber reiste mit einem kompletten Medaillensatz nach Hause, sie sorgte mit dem Titel im Mehrkampf für eine Schweizer Premiere.

Hatte man vom helvetischen Aushängeschild Spitzenresultate erwarten dürfen, waren die Leistungen der Männer umso überraschender: Insgesamt vier Gerätefinal-Teilnahmen (unter anderem holte der Oberaargauer Benjamin Gischard Platz 6 im Sprungfinal), zwei Medaillen (Pablo Brägger mit Bronze am Boden, Christian Baumann mit Silber am Barren), dazu zwei Top-Ten-Plätze im Mehrkampf. Mit dieser Ausbeute haben die Männer die Erwartungen bei weitem übertroffen.

Zwei Olympiachancen

«Ich wusste, dass wir ein starkes Team haben», sagt Capelli. «Aber dass wir nicht einfach so in einen Final reingerutscht sind, sondern vorne mitturnen konnten, ist natürlich besonders schön.»

Was bei den Frauen dank der zurückgetretenen Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber seit über sechs Jahren der Fall ist, zeichnet sich nun auch bei den Männern ab: Die Schweizer haben zumindest auf kontinentaler Ebene reelle Medaillenchancen. Für Routinier Capelli ist das kein Zufall: «In den letzten Jahren ist im Juniorenbereich viel Gutes gemacht worden.» Es würde heute mit den Athleten in jungen Jahren professioneller gearbeitet und vorab auf eine korrekte Haltung geachtet. «Das ist einer der Hauptgründe für den Erfolg.»

Bereits vor Jahresfrist hatten die Schweizer Kunstturner mit Rang 7 an der Weltmeisterschaft im chinesischen Nanning für Aufsehen gesorgt. Das weckte Ambitionen: Die Schweizer wollen sich erstmals seit 1992 wieder mit einer Mannschaft für Olympische Spiele qualifizieren. «Das wäre für uns alle ein Traum», sagt Capelli. Diesen wahr machen kann das Ensemble bereits Ende Oktober an der WM in Glasgow.

Erreicht es dort einen Platz unter den besten acht, ist ihm das Ticket für Rio 2016 gewiss. Klappt dies nicht, bleibt den Schweizern noch eine zweite Chance: Die Nationen auf den Rängen 9 bis 16 können im nächsten April in der Olympiastadt einen Testevent bestreiten, die besten vier qualifizieren sich für die Spiele.

Wohl gewähltes Ende

Bereits jetzt ist für Capelli klar, dass 2016 sein letztes Wettkampfjahr sein wird. Mit 28 Jahren gehört er als Kunstturner langsam zum alten Eisen, die jahrelangen körperlichen Strapazen machen sich bemerkbar, etwa in Form von Schulter- oder Achillessehnenproblemen.

Dennoch vermag der in Lätti aufgewachsene Capelli immer noch mit den Besten mitzuhalten, wie sein 10. Rang im Mehrkampf beweist. Allerdings hatte er in Montpellier – einmal mehr an einem Grossanlass – Pech. Wegen eines Sturzes am Reck verpasste er ein Diplom. «Das ist irgendwie typisch Claudio», meint er und beweist damit eine Prise Galgenhumor. «Dreimal habe ich jetzt wegen eines Sturzes ein Diplom verpasst. Ein Zentimeter näher und ich hätte es geschafft, aber im Kunstturnen können kleine Fehler gravierend sein.»

Der Zeitpunkt des Karriereendes überrascht kaum, denn Rio ist 2016 nicht das einzige Highlight für die Schweizer Kunstturner. Schliesslich steht mit der EM in Bern ein Heimspiel auf dem Programm (siehe Kasten). In diesem Kontext ist die eingangs Text erwähnte Aussage Capellis wohl gewählt. Schliesslich sind die Erwartungen an die Schweizer Equipe durch die Parforceleistung in Montpellier gestiegen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2015, 09:34 Uhr

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Über 4000 Prospekte haben die Berner an den Titelkämpfen in Montpellier verteilt, diverse Kontakte geknüpft und Delegationsleiter und internationale Medien eingeladen. «Ich bin überzeugt, dass sich das auszahlen wird», sagt Müller. Am 25.Mai, genau ein Jahr vor Beginn der EM in Bern, wird der Ticketvorverkauf starten. Müller hofft, dass sich die guten Schweizer Leistungen positiv darauf auswirken.

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