Leidensweg aus der dunklen Vergangenheit

Der Missbrauchsskandal im US-Turnen warf die Opfer aus der Bahn. Der Täter ist verurteilt, nun sollen auch seine Vorgesetzten büssen.

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Gut sieht sie aus, gesund, weiblicher. McKayla Maroney ist nicht mehr die roboterhafte Kunstturnerin von einst, einzig auf Spitzenleistungen gedrillt. Sie ist eine junge Frau von 22 Jahren, selbstbewusst und doch auf der Suche. Auf ­Instagram zeigt sie sich im String und auf Twitter im Bikini. Sie nimmt an einer Tanzshow teil und im Tonstudio eine Single auf namens «Ghost». Auf Twitter schreibt sie Sätze wie: «Romantisiere die Zukunft, nicht die Vergangenheit.» Oder: «Wenn du glücklich genug bist, einen Traum zu haben – folge ihm.»

Im Fall der jungen Amerikanerin ist das viel mehr als eine belanglose Schwärmerei in einem Klassenalbum. Sondern mit ihrer Vergangenheit zu begreifen, die sie verfolgt wie ein Albtraum. Maroney, 2012 in London eine der grossen Konkurrentinnen von Giulia Steingruber, war eines der zahlreichen Opfer von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt des amerikanischen Frauennationalteams. An mehr als 200 Mädchen und jungen Frauen hatte sich Nassar in den letzten 20 Jahren vergriffen, er kassierte allein für diese Taten in zwei aufsehenerregenden Prozessen im Januar eine Haftstrafe von bis zu 300 Jahren. Weitere 60 Jahre muss er für den Besitz von Kinderpornografie absitzen.

Auch Superstar Biles betroffen

Ins Rollen gebracht hat den Missbrauchsskandal im US-Turnsport die frühere Turnerin und heutige Anwältin Rachael Denhollander mit einer Anzeige gegen Nassar Ende August 2016. Olympiasiegerin Maroney hob ihn im vergangenen Herbst auf eine andere Ebene, indem sie dazu stand, ebenfalls von Nassar missbraucht worden zu sein. Daraufhin erklärten sich ehemalige Teamkolleginnen wie Aly Raisman, Jordyn Wieber, Gabrielle Douglas und schliesslich auch der aktuelle Turn-Superstar Simone Biles als Opfer. Während des Prozesses wandten sich viele von ihnen direkt an ihren Peiniger. Viele weinten. Ein Vater stürzte sich im Gerichtssaal auf ihn.

Der perfekte Sprung: McKayla Maroney an den Olympischen Spielen 2012 in London. Video: Youtube

Heute versucht Maroney zu verdrängen. Einfach fällt ihr das nicht. «Mit all dem, was ich erlebt habe, heisst es für mich ständig: drei Schritte vor, zwei zurück», sagt die Kalifornierin bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit mehr als einem halben Jahr. Inzwischen sei sie am Punkt angelangt, bekannte sie vor Zuhörern in New York, an dem sie alles infrage stelle: «Ich bezweifle, ob meine Karriere das wirklich wert war. Man hat mir nicht zugehört und mir auch nicht geglaubt. Man hat sich nicht um mich gekümmert.» Nassar hatte sich noch während London 2012, den letzten Olympischen Spielen vor ihrem Rücktritt, an ihr vergangen.

Der Landesverband USA Gymnastics (USAG) beteuert, lange Zeit nicht Bescheid gewusst zu haben. Der Verdacht liegt nahe, dass er vor allem aber zu wenig genau hinschaute – und jahrelang alle Signale ignorierte. Und diese Tatenlosigkeit zieht sich bis heute hin. Zwar ist der 18-köpfige USAG-Vorstand zurückgetreten, genauso Sportkoordinator Valeri Liukin, und die Zusammenarbeit mit der legendären Karolyi-Ranch in ­Texas wurde beendet, wo sich das Frauennationalteam regelmässig zu Zusammenzügen traf und viele der Übergriffe stattfanden – unter den Augen der ehemaligen US-Cheftrainerin Marta Karolyi.

«Kein Kommentar», heisst es nur

Eine direkte Verantwortung bei den Missbräuchen lehnt der Verband aber genauso ab wie die Michigan State Universität (MSU), an der Nassar während zwei Jahrzehnten praktiziert hatte. USAG-Geschäftsführerin Kerry Perry, seit Ende November im Amt, blockt bislang jegliche Interviewanfragen ab und tritt nicht öffentlich auf, sondern verschickt stattdessen stets dieselben Statements: Man bedauere. Und verspreche, den Fall konsequent aufrollen zu wollen.

Einige der Turnerinnen haben jetzt genug davon, hingehalten zu werden. Das Verhalten der beiden Institutionen sei «beschämend, verwirrend und enttäuschend», sagte Jordyn Wieber gestern, als sie vor einem Gericht im Bundesstaat Kalifornien Klage einreichte gegen USAG und die MSU. Schon 260 solcher Anzeigen sind seit dem Nassar-Prozess eingegangen. «Ich will, dass sie sich der Verantwortung in diesem Skandal endlich stellen», forderte Wieber (22).

Wurden Akten vernichtet?

Wie ihrer Klageschrift zu entnehmen ist, soll der Turnverband die medizinischen Aufzeichnungen von Larry Nassar vernichtet haben, statt ihnen nachzugehen oder sie den Behörden zu übergeben. Auch Wiebers persönliche Akte sei nicht mehr auffindbar. USAG wollte sich so wenig zum Vorwurf äussern wie die MSU.

Vor allem die Hochschule gerät mehr und mehr unter Druck. Vor drei Wochen wurde auch William Strampel verhaftet, während Jahren Leiter der osteopathischen Abteilung und damit Nassars Vorgesetzter. Er und seine Mitarbeiter hätten im Laufe der Jahre Hinweise ignoriert, mit konsequentem Handeln aber viele Missbräuche verhindern können. Stattdessen machte sich Strampel möglicherweise selbst des Übergriffs auf junge Frauen schuldig – den Vorwürfen wird er sich vor Gericht stellen müssen. Auch auf Strampels Computer wurde pornografisches Material sichergestellt.

Die Zeitung «Detroit Press» schrieb nach der Verhaftung vielsagend: «Er war wie der Fuchs, der auf Nassars Hühnerstall aufpasste.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2018, 16:35 Uhr

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