«Jeder Kranz hat seine eigene Geschichte»

An einem «Eidgenössischen» hat er nie triumphiert, in Schwingerkreisen gehört er trotzdem zu den populärsten Figuren: Der 40-jährige Sensler Hans-Peter Pellet hält mit 135 gewonnenen Kränzen den Rekord.

Philipp Rindlisbacher

Im Dachboden von Hans-Peter Pellets Elternhaus wähnt man sich in einem Gabentempel. Überall hängen Treicheln und Kränze, die der 40-jährige Schwinger gewonnen hat. Seit Mitte dieses Jahres ist er Rekordkranzer, 135 Auszeichnungen hat er gesammelt (siehe Kasten). «Sind es 135, oder etwa 136», fragt der Oberschroter lächelnd. Konkurrenten und Medienschaffende wüssten darüber besser Bescheid als er selbst. In die Gilde der Kranzschwinger stieg Pellet vor 19 Jahren auf, den vorerst letzten sicherte er sich vor 11 Tagen auf der Schwägalp. Jeder einzelne Kranz habe seine eigene Geschichte, jeder sei auf seine Weise speziell. Vor allem aber sei jede Auszeichnung mit viel harter Arbeit, Herzblut und auch mit Schmerzen verbunden, erzählt der Sensler, welcher 2002 das Berner Kantonale gewonnen hatte und vier Jahre danach am Schwarzsee triumphierte.

In Jugendjahren hätte er nicht im Traum daran gedacht, dereinst in die Nähe des Rekordkranzers zu gelangen. «Als Jungschwinger vermochte ich nicht zu glänzen, zu Beginn meiner Aktivkarriere hatte ich gar mehrere Krisen.»

Ein Familienmensch

Hans-Peter Pellet ist geruhsam, heimattreu, wohlerzogen, mitunter etwas einsilbig. Er ist kein Mann der lauten Töne, posiert nur ungern im Scheinwerferlicht. Eine Interview-Anfrage des nationalen Fernsehens hat er unlängst abgelehnt, schliesslich sei er ja kein Star und weder besser noch bedeutender als jeder andere Mensch auf dieser Welt, sagt der Familienvater.

Familie – diese ist zentral in Pellets Leben. Auf dem elterlichen Bauernhof in Brünisried wuchs er mit elf Geschwistern auf; im Dutzend ist er der Drittälteste, seine jüngste Schwester ist 22. Pellet dagegen war bereits 37 und vermählt, als er seine sieben Sachen packte und daheim auszog – gut habe er sich dabei nicht gefühlt, sagt er. Mutter Anna kommt ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Sohn erzählt. «Er hat stets geholfen, wo er nur konnte; tat ihm etwas weh, hat er auf die Zähne gebissen», erklärt die 67-Jährige. An einen bestimmten Abend kann sie sich noch gut erinnern. «Spät kam er nach Hause und sagte, er würde am nächsten Morgen heiraten.» Ein Mobiltelefon etwa besitzt Hans-Peter Pellet nach wie vor keines, Innovationen behagen ihm nicht, und so ist ihm auch der Trend im Schwingsport, welcher kontinuierlich Richtung Professionalisierung führt, ein Dorn im Auge. «Schwingen steht für Bodenständigkeit, das Geld sollte keine Rolle spielen», sagt der Freiburger. Er selbst habe sich nie um Sponsoren geschert.

Voll auf Angriff

Steht Hans-Peter Pellet im Sägemehlring, herrscht selten Langeweile. Die Zuschauer honorieren die offensive, attraktive Schwingweise des «nur» 175 Zentimeter grossen Kämpfers mit dem einzigartigen Ausfallschritt; selbst wenn der Bauschreiner jenseits der Kantonsgrenzen agiert, ist er meist Publikumsliebling. «Das schmeichelt mir, meinen Stil habe ich jedoch nicht darauf ausgerichtet», erzählt er. In den Anfängen seiner Karriere hätte er äusserst angriffig geschwungen, mittlerweile gebe er sich auch mit einem «Gestellten» zufrieden, wenn es die Situation erfordere.

Dass Pellet von einigen (wenigen) Schwingerkollegen zuweilen kritisiert wird, er ziehe den Gurt nicht stramm und würde somit das Greifen für den Gegner erschweren, kümmert ihn nicht. «Da kommt wohl der Neid einiger Schwinger zum Vorschein. Ich kenne niemanden, der den Gurt so eng wie möglich anzieht. Bei mir achtet man wohl besonders gut darauf.»

Am Wochenende will er sich in Frauenfeld Eichenlaub Nummer 136 sichern, es wäre sein fünftes an einem «Eidgenössischen». Diesbezüglich bleiben für Pellet die neun Auszeichnungen Karl Melis unerreichbar – er wird in der Ostschweiz letztmals am alle drei Jahre stattfindenden Grossanlass teilnehmen. Ob es gar sein letzter Auftritt im Sägemehlring wird? «Wir werden sehen», sagt er, nüchtern und emotionslos, wie man es von ihm gewohnt ist.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt