«Ich würde den GP Bern gerne laufen»

Bern

Haile Gebrselassie könnte sich vorstellen, einmal den Grand-Prix von Bern zu laufen. Der Wunderläufer aus Äthiopien spricht auch über den Barfussboom, Alternativsport und Krafttraining. Und er gibt wertvolle Tipps für den ersten Versuch im Marathon.

Haile Gebrselassie wäre die Attraktion am GP von Bern.

Haile Gebrselassie wäre die Attraktion am GP von Bern.

(Bild: Holger Nagel)

Abebe Bikila, äthiopischer Marathon-Olympiasieger von 1960 und 1964, entschied sich mit 16 Jahren, barfuss zu laufen. Haben Sie je daran gedacht, das auch zu tun?Haile Gebrselassie: Ja, ich habe darüber nachgedacht, verwarf die Idee aber wieder. Barfusslaufen in der Natur ist in Ordnung, auf einer Asphaltstrasse ist das etwas komplett anderes. Heutzutage sind die Schuhe perfekt gebaut, sie sind optimal für die Füsse und somit fürs Laufen.

Wie wichtig ist Barfusslaufen für unsere Gesundheit? Gelegentliches Barfusslaufen im Gras oder in der Natur ist gut für die Fussmuskulatur und führt dadurch zu einer Leistungssteigerung. Übertreiben sollte man das Barfusslaufen aber nicht. Im Wettkampf empfehle ich Spikes für die Tartanbahn und Laufschuhe für die Strasse.

Was halten Sie von wenig gedämpften Laufschuhen, die das Barfusslaufen simulieren? Einige Läufer sind von diesen Barfussschuhen begeistert, einige finden sie weniger bequem – die Geschmäcker sind verschieden. Die Schuhe sollten aber nicht zu wenig gedämpft sein, sonst verliert man viel Energie.

Sie sind Vater von vier Kindern. Haben Ihre Kinder auch so ein grosses Interesse am Laufen wie der Vater? Meine Kinder zeigen zwar ein beachtliches Interesse am Laufsport und begleiten mich ab und zu, aber ich glaube, dass keines von ihnen mein Nachfolger werden möchte.

Wie sieht ein normaler Tag bei der sechsköpfigen Familie Gebrselassie aus? Ich stehe immer kurz vor 6 Uhr auf. Dann beginne ich mit dem Lauftraining. Danach gehe ich in mein Büro. Um 16 Uhr nehme ich das Training wieder auf. Meist laufe ich locker oder gehe in den Kraftraum. Am Abend verbringe ich viel Zeit mit meinen Kindern. Ich gehe relativ früh ins Bett.

Wie sieht lockeres Laufen bei Ihnen aus – kann Haile Gebrselassie überhaupt langsam laufen? Nein, ich kann nicht wirklich langsam joggen, höchstens am Tag nach einem Marathon. Da ich langsam älter werde, lege ich im Training mehr Wert auf Qualität statt auf Quantität. So erziele ich einen höheren Trainingseffekt.

Betreiben Sie einen Alternativsport, wenn es regnet oder es dunkel wird? Ja, wenn es regnet oder es dunkel wird, trainiere ich häufig im Kraftraum mit leichten Hanteln, um meinen Körper zu stählen. Das hilft mir, schnell zu laufen und verletzungsfrei zu bleiben. Und ich trainiere viel auf dem Laufband. Sollte man als Läufer ein sportliches Ziel haben? Die Liebe zum Laufsport genügt.

Was haben Sie nach Ihren Erfolgen noch für ein sportliches Ziel? Ich liebe den Laufsport, das Training, die Wettkämpfe. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in meinem Alter den Weltrekord brechen werde, aber ich bin noch immer motiviert zu laufen. Die Freude treibt mich an. Solange ich auf hohem Niveau kompetitiv bin, werde ich laufen.

Kennen Sie die Hauptstadt der Schweiz? Ja, natürlich: Bern. Ich kenne die berühmte GP-Strecke über 10 Meilen. Meine Schweizer Hauptstadt war aber stets Zürich. Dort habe ich den Weltrekord über 5000 Meter gebrochen.

Können Sie sich vorstellen, einmal den Grand Prix von Bern über 10 Meilen zu laufen? Ich würde den GP von Bern gerne einmal laufen. Der Lauf passte bisher aber nicht in meine Marathonplanung.

Empfehlen Sie einem Läufer, Krafttraining zu betreiben? Ja, aber nicht zu verbissen. Krafttraining sollte man mit einer professionellen Betreuung betreiben.

Wie motivieren Sie sich fürs Krafttraining? Es motiviert mich, wenn ich durch Gewichtheben und Übungen im Kraftraum das Bewusstsein erlange, körperlich in Topform zu sein. Verzichte ich zwei Wochen auf das Krafttraining, merke ich das sofort.

Viele Hobbyläufer denken, dass sie einmal im Leben einen Marathon laufen müssen. Haben Sie Tipps für den ersten Versuch? Stecken Sie sich nicht zu hohe Ziele! Beenden Sie den ersten Marathon in einer guten Verfassung – das ist wichtiger als die gelaufene Zeit. Achten Sie auf die richtige Verpflegung; essen und trinken Sie in genügendem Mass. Vor einem Marathon sollte man sich vergewissern: Habe ich genügend Trainingskilometer in den Beinen?

42,195 Kilometer sind eine sehr lange Strecke und oft auch mit Schmerzen verbunden. Können Sie ein solches Rennen überhaupt geniessen? Ja, natürlich. Ich geniesse vor allem den Start. Aber Sie haben recht. Die letzten Kilometer sind hart. Die Aussicht auf ein gutes Resultat macht die Strapazen jedoch erträglicher.

Haile Gebrselassie beantwortete die Fragen per E-Mail.

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Berner Zeitung

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