«Gewisse Dinge boxte ich durch»

Der vor drei Jahren zurückgetretene Jörg Abderhalden hat im Schwingen alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Neun Tage vor dem «Eidgenössischen» in Burgdorf erzählt er, warum er ein Comebackangebot ausschlug.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fühlt es sich komisch an, drei Jahre nach dem Rücktritt noch immer der populärste und bekannteste Schwinger zu sein?
Jörg Abderhalden: (lacht) Ist das so? Natürlich ist es ein sehr gutes Gefühl, nach wie vor ein gefragter Mann zu sein. Ich denke, dass jeder Spitzensportler die Aufmerksamkeit geniesst, sonst hätte er sich nicht für diesen Weg entschieden.

Ist Ihr Bekanntheitsgrad seit dem Karriereende überhaupt geschrumpft?
Nicht wirklich. Anfragen gibt es immer noch viele; jetzt, in den Tagen vor dem «Eidgenössischen», umso mehr.

Der Innerschweizer Adi Laimbacher liess unlängst verlauten, die aktiven Spitzenschwinger hätten Jörg Abderhalden sehr vieles zu verdanken... ...als Schwingerkönig konnte ich Einfluss nehmen. Punkto Marketing und Sponsoring war ich der Pionier. Ich habe Wege frei gemacht, gewisse Dinge boxte ich durch. Dafür hielt ich meinen Kopf hin. Heute profitieren die Schwinger davon, auch solche, die nicht König werden können.

Inwiefern profitiert ein Spitzenschwinger mittlerweile in finanzieller Hinsicht?
Für die fünfzehn Besten liegt mit Preisgeldern und Sponsoringeinnahmen ein knapper Büezerlohn drin. Es kommt darauf an, wie geschickt man vorgeht. Die absoluten Spitzenathleten verdienen natürlich mehr. Aber die horrenden Beträge, die in den Zeitungen erwähnt werden, sind nicht korrekt. Ein Millionensalär erhält keiner.

1998 gewannen Sie im alten Wankdorfstadion den Königstitel. Fünfzehn Jahre später findet das «Eidgenössische» wieder im Kanton Bern statt. Wie hat sich die Szene seither entwickelt?
1998 war alles eine Nummer kleiner. Es hatte weniger Zuschauer, aber vor allem das mediale Interesse war geringer. Das Schweizer Fernsehen unternimmt heute viel grössere Anstrengungen. Weil gleichzeitig ein Formel-1-Rennen stattfand, wurde in Bern der Schlussgang nicht direkt übertragen. So etwas wäre heute undenkbar, man würde darüber lachen. Auch marketingmässig hat sich einiges getan. Nun ist wohl jedem bewusst, dass man einen 25-Millionen-Anlass ohne Werbung nicht auf die Beine stellen kann.

Sollte sich der Schwingsport noch mehr öffnen, moderner werden?
Der Sport wird automatisch moderner. Die Schwinger betreten heute schliesslich mit dem iPod im Ohr den Schwingplatz. Der Sport muss sich aber nicht ändern. Das Produkt ist attraktiv, das beweist die Resonanz.

Ist das Niveau im Schwingsport seit Ihrem Rücktritt gestiegen?
Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Was die Technik betrifft, ist das Niveau gar etwas gesunken. In athletischer Hinsicht haben sich die Schwinger sicher stark verbessert; einige trainieren aber vielleicht fast zu viel im Kraftraum und vernachlässigen die Arbeit im Sägemehl.

Könnten Sie am «Eidgenössischen» in Burgdorf nach wie vor mithalten?
Würde ich seriös trainieren, wäre ich gegen die erweiterte Spitze nicht chancenlos. Ohne seriöse Vorbereitung wäre es aber fast aussichtslos. Vielleicht könnte ich mit Ach und Krach den Kranz gewinnen. Aber das reizt mich nicht.

Dachten Sie nie ernsthaft an ein Comeback?
Nein, wobei es Leute gab, die mich zur Rückkehr bewegen wollten. Eine Firma unterbreitete mir sogar ein interessantes Angebot, sie hätte das Projekt finanziert. Der Zeitpunkt meines Rücktritts stimmte aber für mich. Ich hörte auf einem guten Niveau auf, das soll so bleiben.

Seit Ihrem Rücktritt fehlt die Hierarchie...
...bei mir wusste man noch, an wem man sich orientieren muss (lacht). Ich werde oft gefragt, wer Schwingerkönig wird. Es ist offen. Christian Stucki, Matthias Sempach, Kilian Wenger, Bruno Gisler, Christoph Bieri, Philipp Laimbacher und Nöldi Forrer – einer dieser sieben müsste es schaffen. Sie haben alle ein Teilverbands- oder Bergfest gewonnen. Die Tagesform wird entscheiden, einen Überschwinger gibt es nicht.

Weshalb nicht?
Das Gesamtpaket mit den technischen und physischen Voraussetzungen, dem Umfeld und der mentalen Stärke ist wohl bei keinem so gut, dass er sich entscheidend abheben könnte. Ich wäre überrascht, würde in Burgdorf einer alle acht Gänge gewinnen. Es kann auch sein, dass ein Aussenseiter eine gute Rolle spielen wird, etwa der Berner Simon Anderegg.

Gewisse Experten sind der Ansicht, Matthias Sempach werde in Burgdorf mit dem riesigen Druck nicht zurechtkommen.
Die Verbissenheit ist eine seiner Stärke. Aber wenn diese zu extrem wird, kann es gefährlich werden, dann kann sie dich zerfressen. Es ist eine Gratwanderung.

Viele Spitzenschwinger haben ihre Arbeitspensen reduziert. Werden sie bald Vollprofis sein?
Das ist denkbar. Einige sind es faktisch bereits jetzt. Ich weiss aber nicht, ob das viel bringt. Ich würde auch einem Fussballer raten, mal etwas anderes zu tun, als nur Fussball zu spielen.

Den einen oder anderen Rat gaben Sie in der Vergangenheit Kilian Wenger. Wie beurteilen Sie seinen Werdegang seit dem Königstitel vor drei Jahren?
Ich glaube nicht, dass er vieles falsch gemacht hat. In Frauenfeld lebte er ein wenig über den Verhältnissen, war in unglaublicher Form. Alle dachten, Wenger wird der Überschwinger. Auch er selbst hatte wohl zu hohe Erwartungen. Jetzt ist er wieder bereit. Für mich wäre er eigentlich der Topfavorit, aber als König wird er es bei der Einteilung schwer haben.

Weshalb stehen Sie Wenger nicht mehr als Coach zur Seite?
Daraus wurde eine zu grosse Sache gemacht. Ich war nie sein Trainer. Im Winter absolvierten wir gemeinsame Trainings. Im Sommer ist das Programm dicht genug. Es war nie vorgesehen, dass ich ihn am «Eidgenössischen» am Sägemehlrand betreuen würde.

An Wengers Seite sieht man Sie in Werbespots und an Showevents. Was zeichnet ihn aus?
Er ist authentisch, zurückhaltend, ruhig. Vielleicht wirkt er in den Medien manchmal etwas naiv, wie der Junge aus dem Bergtal. Aber das meine ich nicht despektierlich, er kommt gut an bei den Leuten. Wir sehen uns relativ häufig, sind Freunde geworden.

Weniger harmonisch ist Ihre Beziehung mit Ihrem Götti, dem ehemaligen Obmann Ernst Schläpfer. Auf seiner Facebook-Seite beschimpfte er Sie und meinte, Sie würden dem Verband über 90'000 Franken schulden. Für mich ist dieses Thema abgeschlossen. Fakt ist: Ich habe mich mit dem Verband längst geeinigt und die Abgaben entrichtet. Wenn Ernst Schläpfer es nötig hat, derart primitiv vorzugehen, ist das seine Sache. Ich behaupte, dass bei ihm der Neid eine grosse Rolle spielt. Hoffentlich werde ich im Alter nicht so. Für mich ist er zur tragischen Figur geworden.

Werden Sie gegen ihn vorgehen?
Das habe ich nicht nötig. Schläpfer hält vor öffentlichen Schimpftiraden nicht zurück, ist ein Selbstdarsteller. Damit stellt er sich selbst ins Abseits. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.08.2013, 13:05 Uhr

«Grand-Slam-Gewinner»

Im toggenburgischen Nesslau wohnt Jörg Abderhalden an der Königsstrasse. Die Gemeinde benannte diese zu Ehren des dreifachen Schwingerkönigs, der 1998 in Bern, 2004 in Luzern und 2007 in Aarau siegte.

Der bald 34-Jährige hat zudem 1999 den Unspunnen- und 2002 den Kilchberg-Schwinget für sich entschieden, damit den «Schwinger-Grand-Slam» gewonnen. Abderhalden triumphierte an 51 Kranzfesten; er dominierte teils nach Belieben und wurde 2007 zum «Schweizer des Jahres» gekürt.

Vor drei Jahren verlor er am «Eidgenössischen» in Frauenfeld im fünften Gang gegen Sieger Kilian Wenger. Abderhalden wurde Zweiter und hörte nach dem Fest – auch aus gesundheitlichen Gründen – auf.

Jörg Abderhalden ist Geschäftsleiter einer Schreinerei, sein Abeitspensum beträgt 60 Prozent. Zudem hält er Referate und Motivationsseminare, kümmert sich um Jungschwinger, tritt an Showanlässen auf und ist Werbeträger. Für den «Blick» schreibt er Kolumnen, auch für das Schweizer Fernsehen steht er im Einsatz.

Abderhalden ist mit Andrea, der Tochter des sechsfachen «Eidgenossen» Hans Hämmerli, verheiratet; das Paar hat drei Kinder. Seine Schwester Marianne Kaufmann-Abderhalden ist Mitglied des Skinationalteams.

Artikel zum Thema

Beherzt, aber glücklos

Matthias Sempach hat am «Nordwestschweizerischen» viel riskiert und zweimal verloren. Beat Salzmann, der zweite Berner, verpasste den Kranz knapp. Mehr...

Schlussspurt für das «Eidgenössische»

In genau zehn Tagen findet das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2013 in Burgdorf statt. Die Berner Zeitung hat sich das Gelände des Eidgenössichen Schwingfestes aus der Vogelperspektive angesehen. Mehr...

Schwingfest-Knigge: Cüpli und «Stögelischuhe» verboten

Burgdorf Welches Schuhwerk ist für den Besuch des Eidgenössischen Schwingfests angebracht? Dürfen Schwinger ausgebuht werden? Auf solche Fragen gibt «Schlussgang»-Redaktor Manuel Röösli Antwort. Mehr...

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Besoffene Filmstars
Foodblog Meine erste Wurst
Die neuen Nachbarn

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...