Experiment Höhentraining

Ramona Kupferschmied setzt eine spezielle Idee um. Die 19-jährige Mountainbikerin übernachtet auf dem Niesen. Nicht aus romantischen Gründen, sondern zu Trainingszwecken.

Mountainbikerin Ramona Kupferschmied absolviert als Pionierin ein Höhentraining auf dem Niesen.
Video: Peter Berger

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Ein Vollmonddinner mit anschliessender Übernachtung – beim kulinarischen Angebot und beim Panoramablick kommen Gäste auf dem Niesen durchaus auf ihre Kosten. Doch Ramona Kupferschmied geht nicht deswegen täglich auf den 2362 Meter hohen Berg. Das 5-Gang-Menü lässt sie aus.

Sie bewältigt die 1670 Meter Höhenunterschied zwischen Mülenen und dem Kulm auch nicht joggend, wie es viele (Hobby-)Sportler tun oder Hanspeter Latour die Spieler des FC Thun schon tun liess. Sie benutzt auch nicht die 11'674 Stufen der längsten Treppe der Welt entlang der Bahn, um zum Berghaus zu kommen. Den Treppenlauf überlässt sie dem SC Bern in der Saisonvorbereitung, oder den vielen Athleten wie am 2. Juni beim Volkslauf. Das alles interessiert Kupferschmied nicht.

Sie will bloss oben übernachten. Die 19-jährige Mountainbikerin aus Spiez hat den «Hausberg» als Höhentraining auserkoren. «Mitte Juli haben wir in Andorra auf über 2000 Metern ein Weltcuprennen. Ich suchte nach einer Möglichkeit, mich akklimatisieren zu können», erklärt die U-23-Fahrerin.

Als Alternative stand zu Hause die Installation eines Höhenzeltes mit Generator zur Diskussion, was ihr nicht sonderlich komfortabel erschien. Viele Sportler schlafen indes in solchen Zelten mit verringertem Sauerstoffangebot und simulieren damit den Aufenthalt in der Höhe (siehe Infobox).

Rasche Zusage

«Dann kam die Idee mit dem Niesen», sagt Kupferschmied. «Der Berg ist mächtig und liegt direkt vor meiner Haustüre – er ist die bessere und komfortablere Variante.» Als Kupferschmied und ihr Vater Manfred bei Urs Wohler mit ihrer Idee vorstellig wurden, überlegte der Geschäftsführer der Niesenbahn nicht lange: «Wir haben schnell zugesagt.

Schliesslich bietet der Niesen nicht nur Kultur und Kulinarik, sondern ist auch ein Berg für Sportler.» So fährt Kupferschmied seit dem 7. Juni werktags mit der letzten Bahn um 17 Uhr hoch, am Wochenende um 19.30 Uhr. Nach der Übernachtung in einem Zimmer für die Angestellten, oder bei Vollbesetzung auch mal auf einer Matratze, fährt sie mit der ersten Bahn um 8.15 Uhr wieder ins Tal.

Nur wenn keine Gäste oder Mitarbeiter oben sind, darf sie aus Sicherheitsgründen nicht alleine im Berghaus sein. Fünfmal wird das bis zum 3. Juli der Fall sein. Für diese Ausnahmen weicht Kupferschmied auf die Alp Matten ob Reutigen aus.

«Live high, train low»

Kupferschmied hat sich für die Variante «live high, train low» (In der Höhe wohnen, im Tal trainieren) entschieden, «weil ich ja noch arbeiten muss und meine Lehrabschlussprüfungen anstanden.

Deshalb war auch ein Höhentraining im Engadin kein Thema», sagt die Absolventin des Sportler-KV. Bevor Kupferschmied das Experiment in Angriff nahm, liess sie bei ihrer Ärztin eine Blutanalyse vornehmen. Am Ende wird dies erneut gemacht, um feststellen zu können, wie sich die roten Blutkörperchen vermehrt haben.

«Wir sind froh, wird das Experiment ärztlich begleitet», sagt Wohler. Der CEO kann sich durchaus vorstellen, dass Pionierin Kupferschmied Nachahmer finden wird, die den Niesen ebenfalls dem Zelt vorziehen werden. Wohler denkt dabei an die vielen aktiven Spitzenläufer und Skilangläufer im Oberland.

«Ich schlafe sehr gut. Und im Training im Tal fühle ich mich fit.»Ramona Kupferschmied

Kupferschmied ist überzeugt von ihrem Abenteuer. «Ich schlafe sehr gut. Und im Training im Tal fühle ich mich fit.» Ob die Übernachtungen die gewünschte Wirkung erzielen, wird sich am 15. Juli in Andorra weisen.

Die beste Berner Nachwuchsbikerin möchte die bereits einmal erfüllte WM-Limite (Top 25) nochmals bestätigen. Und nach den Heimtitelkämpfen in der Lenzerheide im September hat sie sich auch ein 5-Gang-Menü auf dem Niesen verdient. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.06.2018, 10:31 Uhr

Weit verbreitet

Mit dem Höhentraining versuchen sich viele Sportler an den Sauerstoffmangel zu akklimatisieren. Auch viele Berner tun dies, aber nicht alle.

Viele Mountainbiker absolvieren Höhentrainings. So schläft etwa Nachwuchsfahrer Joris Ryf (Täuffelen) im Zelt mit verringertem Sauerstoffangebot. Auch für Profi Mathias Flückiger (Leimiswil) gehört das Simulieren des abnehmenden Luftdrucks in der Höhe dazu: «Ich habe mir sogar einen Höhenraum eingerichtet», sagt der Oberaargauer.

«Es reagieren nicht alle gleich, aber mir nützt es.» Idealer ist indes ein Aufenthalt in der Höhe. «Derzeit sind wir mit dem Nationalteam auf der Lenzerheide, danach geht es ins Engadin», sagt Flückiger.

Erfolge ohne Höhentraining

Bei den Marathonläufern setzt Adrian Lehmann (Köniz) stark auf die Effekte des Höhentrainings. Er absolviert Trainings in Kenia und St. Moritz, und hat sich wie Flückiger einen Höhenraum eingerichtet. «Obwohl ich mich dort nur etwa 12 Stunden pro Tag aufhalte, ist der Effekt sogar stärker als beim klassischen Höhentraining», sagt Lehmann.

Maja Neuenschwander (Bern) trainiert in diesem Jahr für die Vorbereitung des EM-Marathons in Berlin erstmals im Sommer in Kenia. In St. Moritz erzielte sie nicht mehr die erwünschten Effekte, in Ostafrika kann sie in noch grösserer Höhe als im Engadin trainieren.

Kein Höhentraining absolviert hingegen Martina Strähl (Horriwil). Sie arbeitet Teilzeit als Heilpädagogin. «Wegen der Arbeit habe ich keine Zeit für ein längeres Trainingslager», sagt sie. «Ich war schon für eine Woche in St. Moritz. Das ist zu kurz, ich war vor allem müde.» Aktuell sieht Strähl keine Veranlassung für Veränderungen. «Grundsätzlich bin ich offen für neue Impulse», sagt sie. «Die letzten Erfolge habe ich jedoch ohne Höhentraining erzielt.» pbt/rpb

Maja Neuenschwander trainiert in Kenia. (Bild: Andreas Blatter)

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