«Es gibt keinen besseren Zeitpunkt»

Mit 36 Jahren und Rang 3 verabschiedet sich Thomas Zaugg am Kemmeriboden-Schwinget vom Spitzensport. Im Rückblick spricht der Eggiwiler über seine Erfolge, die grösste Enttäuschung und sein Vorbild.

Abgang: Thomas Zaugg verabschiedet sich 2016 im Kemmeribodenbad von seinen Anhängern und Schwingerkollegen.

Abgang: Thomas Zaugg verabschiedet sich 2016 im Kemmeribodenbad von seinen Anhängern und Schwingerkollegen. Bild: Andreas Blatter

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Seine erste Bühne als Schwinger war die Heubühne im Schreibersloch. Neun kurvige Kilometer von Eggiwil entfernt. Auf dem Hof der Familie Bürki. Dort führten die Brüder Christian, Ruedi und Walter den 8 Jahre alten Nachbarn Thomas Zaugg vom Unterweidli auf alten Matratzen in den Schwingsport ein.28 Jahre und 110 Kränze später tritt Zaugg beim Kemmeriboden-Schwinget ab.

Kein Berner Schwinger in der Geschichte verfügt über eine grössere Sammlung an Eichenlaub. Und doch hat Zaugg meist im Schatten anderer gekämpft. Das behagte ihm. Aufmerksamkeit mochte und mag er nicht, dafür mochten und mögen ihn Kollegen wie Konkurrenten. «Ä guete Cheib» sei er, der «Thömu», ist seit Jahren «zäntume» zu vernehmen.

3050 Zuschauer sind ins Kemmeribodenbad gereist – so viele wie kaum jemals zuvor. Sie wollen dem 36 Jahre alten Zimmermann und Landwirt die Ehre erweisen. Zauggs bescheidener Wunsch für sein letztes Fest? Er hoffe, die Leute in der Einteilung würden keine Rücksicht auf ihn nehmen. Und dass ein Gegner schnell zu Boden gehe, das wolle er dann schon gar nicht.

Der Festverlauf entspricht der Bitte: Zaugg weist ein gutes Notenblatt auf, stellt mit Schwingerkönig Matthias Sempach, verliert im Schlussgang nach dem zweiten Zusammengreifen gegen Christian Stucki. Der Sieger jubelt nicht, umarmt stattdessen seinen langjährigen Teamkollegen.

Zaugg lässt sich feiern, hängt zum Abschluss seine Zwilchhose an einen mit Fotos geschmückten Holzbalken. «Es gibt keinen besseren Zeitpunkt», sagt Zaugg. «Ich wollte nie, dass andere von mir denken, der hätte längst aufhören sollen.» Zum Karriereende spricht der Emmentaler über...

...seinen ersten Schlussgang: «Ich weiss nicht, ob es wirklich mein erster Schlussgang war. Aber 1991 verlor ich als 11 Jahre alter Jungschwinger in Bärau im Schlussgang gegen Grab Martin. Dieses Jahr schloss sich auf dem Brünig der Kreis, ich konnte Grab endlich erstmals besiegen. Das war ein wichtiger Erfolg. Grab war bis zu diesem Tag der letzte noch aktive Schwinger gewesen, den ich nie bezwungen hatte.». . . seinen ersten Kranz: «Das war 1998 am ‹Berner Jurassischen› in Nods. Der Start gelang bestens, ich ging gar als Führender in die Mittagspause. Dann traf ich auf Gasser Chlöisu. Der erste Kranz war ein wichtiger Schritt.»

...seinen wichtigsten Kranz: «Die vier eidgenössischen Kränze bedeuten mir viel. Vor allem der letzte in Estavayer war eine Riesengenugtuung. Ich entschied, noch ein Jahr weiterzumachen und habe viel investiert – es hat sich gelohnt.»

...den Berner Rekordwert von 110 Kränzen: «Stucki Chrigu kommt auf dieselbe Zahl, er wird mich nächstes Jahr überholen, damit habe ich kein Problem. 110 Kränze zeigen, dass ich etwas erreicht habe, was nicht mancher Schwinger vorweisen kann. Ich hatte Glück, musste in 28 Jahren Schwingen nie operiert werden – das war ein Riesengeschenk.»

...den ersten Kranzfestsieg: «2004 siegte ich am ‹Oberländischen› in Wimmis. Im Schlussgang bezwang ich Kämpf Alexander. Ich hatte als Bub nie vom Königstitel geträumt. Aber ‹Eidgenosse› werden und ein Fest gewinnen, das wollte ich unbedingt erreichen.»

Ankunft: 2004 feierte Thomas Zaugg am «Oberländischen» in Wimmis seinen ersten Kranzfestsieg. Bild: Andreas Blatter

...seinen grössten Erfolg: «Schwägalp 2012! Es war ein verreckt gutes Teilnehmerfeld mit 28 ‹Eidgenossen›. Ich bezwang der Reihe nach mit Ulrich Andreas den stärksten Innerschweizer, mit Bösch Daniel den stärksten Nordostschweizer und im Schlussgang mit Sempach Mättu den stärksten Berner. Wenn du mit solch einem Notenblatt ein Bergfest gewinnen kannst, ist das doppelt schön. Die Nacht haben wir durchgefeiert.»

...die grösste Enttäuschung: «Am ‹Eidgenössischen› 2007 in Aarau verpasste ich den Kranz. Im letzten Gang stellte ich mit Schuler Philipp, erlitt einen Totaleinbruch. Womöglich hatte ich mich nicht gut ernährt. Daraus habe ich die Lehren gezogen.»

...den stärksten Gegner: «Stucki war sicher der Schwerste und der Unbequemste. Gegen jeden anderen Schwinger hast du eine Chance zu gewinnen. Gegen Stucki ist das fast nicht möglich.»

...sein Vorbild: «Dem Skifahrer Bode Miller schaue ich extrem gerne zu. Er nimmt volles Risiko, bewegt sich am Limit, alles oder nichts. Bode Miller und ich – das hat gepasst: Ich habe immer riskiert und auf Sieg geschwungen. Das haben die Leute geschätzt. Klar verlor ich wegen dieser Schwingweise manchen Gang, aber sie hat mir mehr geholfen als geschadet.»

«Bode Miller und ich – das hat gepasst: Ich habe immer riskiert und auf Sieg geschwungen.»

Thomas Zaugg

...die Entwicklung des Schwing­sports: «Ich habe einen Riesenwandel mitgemacht. In meinen ersten Jahren als Aktiver wurde vielleicht zweimal pro Woche geschwungen. Wenn du heutzutage nicht mindestens vier- bis fünfmal pro Woche trainierst, hast du keine Chance mehr auf einen Spitzenplatz. Wobei ich daran zweifle, ob dieses ‹cheibe Chräftele› für alle so gut ist. Die Verletzungen häufen sich. Den Jungen kann ich nur raten: Lasst nie wegen einer Kraftraumeinheit ein Schwingtraining aus.»

...das Thema Sponsoring: «Ich hätte mehr Geld verdienen können. Aber mir war und ist es wohl so. Ich hatte einige Sponsoren, konnte das Schwingen spesendeckend betreiben. Es ist wichtig, dass die Schwinger mit dem Sport Geld verdienen. Das Sponsoring darf aber nie dazu führen, dass es zum Profitum kommt.»

«Es ist wichtig, dass die Schwinger mit dem Sport Geld  verdienen. Das  Sponsoring darf aber nie dazu führen, dass es zum Profitum kommt.»Thomas Zaugg

...sein Leben ohne aktiven Schwingsport: «Fragen Sie mich in einem Jahr wieder. Aber etwas weiss ich: Bereuen werde ich den Rücktritt nicht – ein Comeback wird es nie geben!» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2016, 20:35 Uhr

Kemmeriboden-Schwinget

Schwingerkönig Matthias Sempach und Kilchberg-Sieger Christian Stucki wollten es sich nicht nehmen lassen, beim ­letzten Fest von Thomas Zaugg dabei zu sein. So griffen beim 41. Kemmeriboden-Schwinget vor 3050 Zuschauern 92 Schwinger zusammen – darunter 7 «Eidgenossen».

Für Sempach war das Fest nach drei Gängen beendet. Der Alchenstorfer brach den Wettkampf am ­Mittag wegen leichter Rückenprobleme ab, nachdem er zuvor zwei Gänge gewonnen und gegen Zaugg gestellt hatte. Ungefährdet zum Sieg kam schliesslich Stucki: Der Seeländer gewann sämtliche sechs Gänge, fünfmal mit der Maximalnote.

Im Schlussgang bodigte er Zaugg nach 37 Sekunden mit Kurz. Danach wurde der 36-jährige Emmentaler geschultert und gefeiert. Diverse Personen hielten eine Laudatio, würdigten die Karriere des Sennenschwingers. So erzählte etwa Zauggs langjähriger Verbandskollege Matthias Siegenthaler aus dem Nähkästchen.

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