Demütig ins Jungfrau-Experiment

In 9 Tagen bestreitet Viktor Röthlin erstmals den Jungfrau-Marathon, in knapp 3 Monaten seinen letzten grossen Städtemarathon. Auf das Intermezzo im Hochgebirge hat er sich mit gewohnter Akribie vorbereitet.

Drei Ziele und das Dreigestirn: Viktor Röthlin spricht vor Eiger, Mönch und Jungfrau über die Premiere am Berg, seinen letzten Auftritt in Japan und das Schlussbouquet in Zürich.

Drei Ziele und das Dreigestirn: Viktor Röthlin spricht vor Eiger, Mönch und Jungfrau über die Premiere am Berg, seinen letzten Auftritt in Japan und das Schlussbouquet in Zürich.

(Bild: Walter Dietrich)

Die Kulisse lädt zum Verweilen. Christoph Seiler steht strahlend auf der Terrasse des Kulm-Restaurants auf dem Harder, zeigt Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau; es wirkt fast ein wenig, als spräche der OK-Präsident des Jungfrau-Marathons zu Touristen und nicht zu Journalisten. Der Gemütszustand des Berner Oberländers ist gewiss mit dem Postkartenwetter, aber vor allem mit dem neben ihm stehenden Viktor Röthlin verbunden. Dessen Name habe Sogwirkung – trotz fortgeschrittenen Alters, lässt Seiler schmunzelnd verlauten; die Athleten erhofften sich höhere Resonanz. So ist es den Organisatoren erstmals gelungen, Andrea Mayr zu verpflichten – die Österreicherin gilt als beste Bergläuferin der Gegenwart.

Mehr Luft, weniger Kraft

Für Röthlin handelt es sich um ein Experiment. 25 Marathons hat der 38-Jährige absolviert; am Samstag in einer Woche will er die 42,195 Kilometer erstmals auf einem Hochgebirgskurs zurücklegen. Weil der Europameister zu jener Spezies gehört, welche so wenig wie möglich dem Zufall überlässt, hat er die Strecke nicht nur inspiziert, sondern auch intensiv darauf trainiert. Er spricht von Grenzerfahrungen, sagt, es laufe alles über die mentale Komponente, und gesteht, die Gedanken bei der ersten Besichtigung («der Aufstieg ist gar nicht so schwer») seien innert kurzer Zeit «Demut und Respekt» gewichen. Trotzdem hält er fest, den Sieg oder zumindest das Podest anzustreben. Die Konkurrenz ist stark; namentlich der Kenianer Geoffrey Ndungu verfügt im Flachen wie am Berg über eindrückliche Leistungsausweise.

Röthlin wäre nicht Röthlin, hätte er nicht auch den Ernstfall simuliert. Am Stanserhornlauf verglich er sich mit Spezialisten und registrierte einen markanten Unterschied. Im Herz-Kreislauf-Bereich bewegten sich die Kontrahenten nahe am Limit, «ich atmete deutlich ruhiger. Dafür fehlte mir die Kraft in den Beinen, mich abzusetzen.» Viel Spielraum habe er nicht, erwidert er auf die Frage, welche Taktik er sich zurechtlegen werde. «Ich muss versuchen, die Gegner auf den 25 verhältnismässig flachen Kilometern von Interlaken nach Lauterbrunnen müde zu laufen. Gelingt dies nicht, hängen sie mich am Berg vielleicht ab.»

Nach dem Intermezzo im Berner Oberland beginnt die Vorbereitung auf den 1.Dezember; im japanischen Fukuoka wird Röthlin seinen letzten internationalen Städtemarathon bestreiten. Ziel ist, nochmals eine Zeit unter 2:10 Stunden zu erreichen. Danach bleiben 7,5 Monate für die Zusammenstellung des Schlussbouquets an der EM in Zürich. Vorgesehen sind unter anderem Laktat- und Herzfrequenzmessungen auf der Rennstrecke in der Innenstadt – mit Akribie lässt sich der Altersnachteil womöglich reduzieren. Apropos Alter: Röthlin findet sich in Interlaken in bester Gesellschaft, wurde doch die Hauptrolle des Rahmenprogramms mit Kim Wilde besetzt, der Popikone der 80er-Jahre.

Berner Zeitung

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