«Das ist die Love-Parade des Sports»

Die Generation iPod läuft lieber durch Schlammlöcher als auf der Tartanbahn. Der deutsche Laufarzt Thomas Wessinghage erklärt, weshalb verrückte Läufe im Trend sind.

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Es ist wie an einer Prüfung im Dschungelcamp. Nur: Der Gentleman im feinen Zwirn erhält nach seiner Mutprobe keine Sterne wie die B- und C-Stars im australischen Busch, sondern Applaus und Selbstbestätigung. «Der Survival Run ist die Love-Parade des Sports», sagt Markus Ryffel, Organisator des ungewöhnlichen Crosslaufs vom 1.März auf dem Waffenplatz in Thun.

Bei der Ouvertüre der regionalen Laufsaison muss der Teilnehmer auf einer 16-Kilometer-Strecke mit 50 Hindernissen, Schlammlöchern und Wassergräben eine Ausdauerprüfung bestehen. Im schweisstreibenden Abenteuer verschwinden Wikingerkostüm, Massanzug und andere drollige Outfits spätestens beim Hindernis «Besuch bei Morla» unter einer Schlammschicht.

Generation iPod ansprechen

«Mit dem Survival Run wollen wir nebst den etwas älteren Semestern besonders die Generation iPod ansprechen, welche zivilisationsbedingt ein eher ruhiges Leben führt und viel Zeit vor dem Computer verbringt, aber sehr wohl das Bad in der Menge geniessen kann», sagt Ryffel. Der 60 Jahre alte Berner, 1984 Olympiazweiter über 5000 Meter, meint, dass es für diese Jugendlichen wenig reizvoll sei, 25-mal eine 400-Meter-Runde auf der Tartanbahn zu absolvieren; auch ein zweistündiger Longjog entlang der Aare locke die Kids nicht aus der Reserve. Das Durchschnittsalter der hartgesottenen Sportler am Survival Run beträgt 29 Jahre. Am Grand Prix von Bern vor einem Jahr waren die Teilnehmer auf der 10-Meilen-Strecke durchschnittlich 39,6 Jahre alt, am Frauenlauf 38,6.

Der deutsche Laufarzt Thomas Wessinghage hat eine Erklärung dafür, weshalb immer mehr verrückte Läufe stattfinden (siehe Box rechts). «Wir haben heute nicht mehr oft die Möglichkeit, uns mithilfe der sichtbaren oder fühlbaren Qualität der Produkte unserer Arbeit, zum Beispiel Handwerkliches oder in der Landwirtschaft Gewachsenes, Befriedigung zu verschaffen.»

Deshalb scheine es so, meint der 5000-Meter-Europameister von 1982, dass die Freizeit mehr und mehr die Rolle dessen übernehme, was früher das berufliche Umfeld zu leisten in der Lage gewesen sei. Der bald 63 Jahre alte Wessinghage ergänzt: «Lustige Wettkämpfe bieten eine Kombination aus körperlich-psychischer Herausforderung und Spass. Die Grenze, wann der Spass aufhört und der Ernst beginnt, ist selbstverständlich eine fliessende.»

Facebook als Antriebsfeder

Wessinghage glaubt, dass auch die sozialen Netzwerke dazu beitragen, dass die Menschen das Gefühl haben, sich individualisieren zu müssen, und deshalb die virtuelle Welt darüber informieren, an welch verrücktem Lauf er oder sie gerade teilgenommen hat. Selfies von Überlebenden des Survival Run sind deshalb auch auf Facebook zu erwarten.

«Vermutlich ist es so, dass die verrückten Läufe der Selbstbestätigung der Teilnehmer vor sich und anderen dienen. Der Wunsch, Aussergewöhnliches zu erleben oder zu leisten, wird immer stärker», sagt der ärztliche Direktor des Medical Park in Bad Wiessee.

Sport hilft gegen Diabetes

Wessinghage befürwortet jegliche Art von Sporttreiben im gesunden Mass. Besorgt weist er auf die Volkskrankheit Diabetes hin: «In Deutschland steigt die Zahl der Zuckerkranken in beunruhigende Höhen.» Gemäss einer Erhebung des Deutschen Statistischen Bundesamtes im Jahr 2013 ist jeder zweite Erwachsene, 52 Prozent, um genau zu sein, in Deutschland zu dick.

Das bedeutet: Diese Person weist einen Body-Mass-Index von mehr als 25 auf. Auch hierzulande leiden immer mehr Menschen an Diabetes. Innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt hat sich die Zahl der Zuckerkranken in der Schweiz von 250'000 (2002) auf eine halbe Million (2010) verdoppelt. Dies resultiert aus einer Studie der Universität Lausanne.

Wer sich bewegt, senkt den Zuckergehalt im Blut und baut Übergewicht ab. Sport kann mithelfen, dass Zuckerkranke auf weniger Medikamente und Insulin zurückgreifen müssen. Die bevorstehende Laufsaison ist folglich auch beste Prävention gegen Diabetes.

Berner Zeitung

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