«Das Bedürfnis auf dem Eis zu laufen, ist kleiner geworden»

Er wolle dem Sport nicht mehr alles unterordnen, sagt der zurückgetretene Berner Eiskunstläufer Jamal Othman (23). Der Olympiateilnehmer von 2006 bedauert, die EM in Bern zu verpassen, sagt aber, sie komme eine Saison zu spät.

Karrierehöhepunkt: 2006 schnupperte Jamal Othman in Turin als erst 19-Jähriger olympische Luft.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Karrierehöhepunkt: 2006 schnupperte Jamal Othman in Turin als erst 19-Jähriger olympische Luft.

(Bild: Keystone)

Jamal Othman tritt per sofort zurück. Der 23-Jährige aus Münchenbuchsee wird in Malaysia, der Heimat seines Vaters, ein Studium in Event-Management beginnen und als Trainer wirken. Othman nahm 2006 an den Olympischen Spielen in Turin teil (Rang 27), er vertrat die Schweiz an fünf Welt- und vier Europameisterschaften. An den kontinentalen Titelkämpfen 2007 in Warschau wurde er Achter. 2009 gewann der Pirouettenkünstler, welcher jedoch nie einen Vierfachsprung zeigte, in Abwesenheit Stéphane Lambiels den Schweizer-Meister-Titel.

Der Zeitpunkt Ihres Rücktritts, ein halbes Jahr vor der Heim-Europameisterschaft in Bern, ist überraschend. Wann haben Sie den Entschluss gefasst?Jamal Othman: Mitte der vergangenen Saison habe ich mir Gedanken gemacht. Es war ein harter Entscheid, bei dem verschiedene Faktoren eine Rolle spielten. Ich bin sehr traurig, die Heim-EM zu verpassen; sie kommt leider eine Saison zu spät.

Sie erklärten, verschiedene Faktoren hätten Sie zum Aufhören bewogen. Welche?Ich habe nach Olympia 2006 ein Jusstudium begonnen, musste jedoch feststellen, dass sich Ausbildung und Eiskunstlaufen nicht unter einen Hut bringen lassen. Um konkurrenzfähig zu sein, muss man enorm viel Zeit investieren; ich denke, dass ich nicht mehr bereit dafür bin. Auch finanziell war Jahr für Jahr ein Kraftakt nötig, um mir das Profileben zu ermöglichen. Ich denke nun auch an die Zukunft.

Waren die kontinentalen Titelkämpfe kein Ansporn, noch eine Saison anzuhängen?Die EM war mein einziger Antrieb. Das Bedürfnis, auf dem Eis zu laufen, ist aber kleiner geworden. Ich will dem Sport nicht mehr alles andere unterordnen.

Auch Stéphane Lambiel und Paarläufer Antoine Dorsaz werden an der EM in Bern fehlen. Hat der Schweizer Eiskunstlauf-Verband versucht, Ihnen den Rücktrittsentscheid auszureden?Ich stand immer in Kontakt mit dem Verband, natürlich wollten die Verantwortlichen, dass ich als Berner dabei bin. Ich liess mich aber nicht beeinflussen und habe den Entscheid völlig unabhängig von Dritten gefällt.

Sie haben eine schwierige Saison hinter sich, wegen der temporären Rückkehr Lambiels verpassten Sie die Olympischen Spiele, obwohl Sie der Schweiz einen Quotenplatz gesichert hatten...dies war ein herber Rückschlag. In Vancouver zu laufen, war mein grosses Ziel. Aber so funktioniert der Sport; der Bessere hat Vorrang. Ich bin glücklich, durfte ich 2006 olympische Luft schnuppern, sonst wäre mir das Aufhören noch schwerer gefallen.

Hatten Sie Mühe, sich im Schatten Lambiels weiterzuentwickeln?Stéphanes Präsenz war für mich förderlich; er war meine Antriebskraft, hat mir Startplätze an grossen Meisterschaften gesichert. Wir verstehen uns gut und haben auch zusammen trainiert. Wäre er nicht in meiner Zeit gelaufen, hätte ich jedoch viel stärker im Fokus gestanden.

Sie werden in Malaysia studieren. Warum verlassen Sie die Schweiz?Ein Auslandstudium hat mich immer gereizt, ich will mich menschlich weiterentwickeln. Obwohl ich die Sprache nicht spreche und nie länger als sechs Wochen in Malaysia weilte, schätze ich das Land. Nach der Ausbildung kann ich mir eine Rückkehr aber gut vorstellen.

Neben dem Studium werden Sie als Trainer arbeiten. Ist Eiskunstlaufen in Malaysia populär?Nein, überhaupt nicht. Es hat im ganzen Land nur eine Eisbahn, diese verfügt nicht einmal über olympische Masse. Ich bin in Kuala Lumpur mehrmals gelaufen, es hat eine Handvoll motivierter Athleten, die noch auf bescheidenem Niveau laufen. Kürzlich ist Malaysia in den Weltverband ISU aufgenommen worden und darf nun an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Mich erwartet also eine spannende, herausfordernde Aufgabe.

Sie gelten als gefühlvoller Läufer, für Eisshows scheinen Sie prädestiniert. Werden Sie – ohne Punktrichter – weiterlaufen?Vereinzelt werde ich an Shows teilnehmen, eine grössere Tour strebe ich aber nicht an. Mit reduziertem Trainingsaufwand sinkt das Niveau rasch, und das Laufen wird unbefriedigender.

Zuletzt sind viele Läufer nach dem Rücktritt wieder zurückgekehrt. Können Sie sich vorstellen, nach einer Denkpause nochmals wettkampfmässig zu laufen?Im Moment ist das undenkbar. Ich bin mehrmals nach langen Verletzungspausen zurückgekommen und weiss daher, wie viel psychische und physische Substanz dies erfordert. Diesen Effort will ich nicht mehr erbringen. Aber im Leben soll man ja bekanntlich niemals Nie sagen.

Berner Zeitung

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