Berner Frauenpower

Simone Niggli läuft um Gold, Judith Wyder um ein Diplom; Sabine Hauswirth und Sarina Jenzer streben Top-Ten-Plätze an. Die Bernerinnen gehören zur Schweizer WM-Equipe, welche in Finnland ab Sonntag sechsmal Edelmetall anstrebt.

  • loading indicator

Die Zielvorgabe des Betreuerstabes wurde leicht nach unten korrigiert – wohl in erster Linie des wegfallenden Heimvorteils wegen. Acht Medaillen hatte die Delegation von Swiss Orienteering an den Titelkämpfen in Lausanne gewonnen, deren sechs werden in der nächsten Woche im finnischen Vuokatti angestrebt.

Paradedisziplin der Schweizer ist der Sprint; an der Heim-WM belegten Matthias Kyburz, Matthias Merz und Matthias Müller in dieser Reihenfolge die Ränge 1 bis 3. 4 der 14 nominierten Athleten, so viele wie schon lange nicht mehr, stammen aus dem Kanton Bern. Es handelt sich um ein Frauenquartett mit unterschiedlichen Ambitionen und Aussichten.

Die Leaderin

Besser als Simone Niggli ist keine WM-Teilnehmerin vorbereitet – von den Einheimischen einmal abgesehen. Seit Ende April weilt die 35-Jährige aus Münsingen mitsamt Familie im Norden; sie weiss genau, was sie in der nächsten Woche erwartet. So drehten sich die Gedanken der 20-fachen Weltmeisterin lange um eine Frage, welche sich die meisten Konkurrentinnen nie stellen werden: Soll ich sämtliche Disziplinen laufen oder auf den Sprint verzichten? Kern des Problems ist das von den lokalen Organisatoren kreierte Programm, welches am Montag Sprintqualifikation wie -final und tags darauf den kräfteraubenden Langdistanzfinal vorsieht.

Niggli wäre nicht Niggli, hätte sie sich wegen dieser zusätzlichen Hürde für einen Strategiewechsel entschieden und den Sprint gestrichen. Im Gespräch wirkt sie lockerer als vor Jahresfrist in Lausanne; sie erwähnt den Druck, welcher nun auf Minna Kauppi laste. Die Finnin, in physischer Hinsicht die stärkste Rivalin der letzten Jahre, ist in ihrer Equipe die einzige Athletin mit reellen Medaillenchancen. Niggli verbindet mit Finnland zumindest eine sehr schöne Erinnerung – es ist das Land, in dem alles begann: 2001 in Tampere gewann die damals 23-jährige über die Langdistanz ihr erstes WM-Gold.

Die Draufgängerin

Judith Wyder bewegt sich hart am Limit, und wenn sie dieses nicht überschreitet, wird sie für ihre Risikobereitschaft oft belohnt. So geschehen im Sommer 2011 in Frankreich, als die WM-Debütantin im Mitteldistanzwettkampf aus dem Nichts die Bronzemedaille gewann. 2012 in Lausanne beging die 25-Jährige aus Zimmerwald im Sprint wie über die Mitteldistanz zeitraubende Fehler; ohne Missgeschick wäre sie in beiden Fällen zumindest sehr nahe an das Podest herangekommen.

In der abschliessenden Staffel behielt sie trotz missratener Einzelauftritte kühlen Kopf und trug mit einem schnellen, aber kontrollierten Lauf einen beträchtlichen Teil zum Titelgewinn bei. Eingangs erwähnter Fakt lässt sich auf die Gesamtbelastung übertragen. Wyder arbeitet im 50-Prozent-Pensum als Physiotherapeutin, gesteht, die Regeneration sei höchstens knapp genügend, stellt aber sogleich klar, sie beklage sich nicht, habe dies selbst so gewählt. In Vuokatti strebt sie «ein Einzeldiplom und eine Staffelmedaille» an. Zum Thema Einzelmedaille meint sie schmunzelnd, sie dürfe davon träumen – «mehr aber nicht».

Die Rückkehrerin

2009, an der WM im ungarischen Miskolc, sprintete Sabine Hauswirth auf Rang 22 – von einer fehlerfreien Darbietung war die damals 21-Jährige weit entfernt. Nationaltrainerin Maja Kunz sprach von einem «Riesentalent», liess jedoch durchblicken, es fehle das Bekenntnis zum Leistungssport. Es erstaunte daher nur bedingt, als sich die Belperin zwecks Konzentration auf ihr Geografiestudium vorübergehend aus dem Nationalkader zurückzog. Mittlerweile hat sich einiges verändert.

Die Pflichten fürs Bachelordiplom sind nahezu erfüllt, ab Herbst will Hauswirth vorerst für ein Jahr «fast wie ein Profi» leben. Von einem 20-Prozent-Arbeitspensum abgesehen – «etwas muss ja auch reinkommen», wird sich die 25-Jährige auf den Sport konzentrieren «und einmal schauen, was ich herausholen kann». In der nächsten Woche strebt sie im Sprint einen Top-Ten-Platz an. «Physisch stimmt es, und wenn es technisch passt, könnte auch ein Diplom drinliegen.»

Die Debütantin

Für Sarina Jenzer gilt Ähnliches wie für Judith Wyder, wobei sich die 22-jährige WM-Debütantin noch nicht auf dem gleichen Grundlevel bewegt wie die Staffelweltmeisterin. Im Juni überraschte die in Bremgarten bei Bern wohnhafte Oberaargauerin an den Weltcupläufen in Norwegen mit den Rängen 4 und 7 – kommt sie fehlerfrei durch, rückt das Podest in Sichtweite. Es spricht für die Studentin der Sozialwissenschaften, will sie von solchen Gedankenspielen noch nichts wissen. Ziel sei eine Platzierung unter den besten 15, erwidert Jenzer auf die Frage, was sie von ihrem Einsatz im Langdistanzrennen erwarte.

Noch ist die für Huttwil startende Ex-Junioren-WM-Medaillengewinnerin angesichts der Doppelbelastung Ausbildung/Spitzensport nicht in der Lage, ihr Potenzial auszuschöpfen. Spätestens im Sommer 2015 soll sich dies ändern, das Bachelordiplom erworben sein. Vorerst gehe es aber primär darum, Erfahrungen zu sammeln und von der Istsituation zu profitieren: «Es ist ein grosser Vorteil, die Weltbeste im Team zu haben. Bei uns weiss man immer, wo man steht.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt